Charlotte Knobloch bleibt

Israelitische Kultusgemeinde: Alte Chefin, neue Herausforderungen

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Charlotte Knobloch, neue alte Chefin der Kultusgemeinde.

München - Charlotte Knobloch bleibt an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde – und will personelle Unterstützung.

Charlotte Knobloch, 83, ist als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) wiedergewählt worden. Der Vorstand habe Knobloch am Montag bei seiner konstituierenden Sitzung erneut für vier Jahre gewählt, teilte die Kultusgemeinde am Dienstag mit. Ab 2017 wolle sich die IKG im Präsidium personell „breiter aufstellen“, kündigte Knobloch an. Grund dafür seien der rasant zunehmende Antisemitismus in Deutschland sowie konkrete Projekte: Die IKG möchte schon zum kommenden Schuljahr ein eigenes Gymnasium sowie in den kommenden zwei Jahren ein Seniorenheim einrichten.

Knobloch, die den Holocaust überlebt hat, führt die Kultusgemeinde seit 1985. In ihre Amtszeit fiel der Bau der neuen Synagoge am Münchner St.-Jakobs-Platz. Von 2006 bis 2010 stand sie an der Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie hat sich unter anderem gegen das Kunstprojekt Stolpersteine für die Opfer des Holocaust ausgesprochen. Auch war sie gegen die Veröffentlichung einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“, die inzwischen erschienen ist. Ihre Wiederwahl bezeichnete die 83-Jährige als „Bestätigung meiner Tätigkeit“. Als Knoblochs Vizepräsidenten bestimmte der Vorstand Ariel Kligman und Jehoshua Chmiel.

Ab 2017 soll das Präsidium um eine Stelle erweitert werden. CSU-Stadtrat Marian Offman, der bei der Wahl die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte, soll nach Knoblochs Wunsch ebenfalls ins Spitzengremium vorrücken. „Er ist ein herausragender Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft in München“, erklärte die IKG-Chefin. Als Stadtrat setze Offman sich „mit bemerkenswertem Engagement und Courage“ für die universellen Menschrechte ein. „Er ist ein leidenschaftlicher Münchner und vertritt eben nicht nur Partikularinteressen, sondern hat das Wohl aller im Blick.“ Die Erweiterung könne erst im kommenden Jahr stattfinden, weil dafür die Statuten der Gemeinde geändert werden müssten. Offman, der sich auf Anfrage etwas irritiert zeigte, dass er nicht gleich ins Präsidium gewählt worden war, sagte, er stehe der IKG stets zur Verfügung – „unter Umständen auch in diesem Amt“.

Vor der IKG liegt Knobloch zufolge die Herausforderung, das Judentum in München „zukunftsfest zu machen“. Etwa 9500 Mitglieder zählt die Gemeinde. Wenn alles laufe wie geplant, werde das jüdische Gymnasium mit den ersten Klassen in Räumlichkeiten am St.-Jakobs-Platz eröffnen. Das Senioren- und Pflegeheim mit Betreutem Wohnen entstehe im Prinz-Eugen-Park in Bogenhausen. „Dabei geht es um die letzten Holocaust-Überlebenden“, betonte Knobloch. „Wir müssen sicherstellen, dass sie einen würdigen Lebensabend verbringen.“ Ferner müsse die IKG ihre Sozialarbeit und die Integrationsprojekte ausbauen.

Mit großer Sorge betrachtet die IKG-Chefin den stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland. „Wir haben das Gefühl, es gibt Gegenwind aus allen Richtungen.“ Das wiedererstarken rechter Kräfte nicht nur in deutschen Landtagen, sondern in ganz Europa mache Behauptungen salonfähig, die noch vor zwei Jahren undenkbar gewesen wären. Im Zuge der Israel- und Globalisierungskritik griffen auch linke Protagonisten mitunter zu antisemitischen Klischees. Es habe sich gezeigt, dass Judenhass unter in Deutschland lebenden Muslimen verbreitet sei. Und die nach Deutschland kommenden Flüchtlinge stammten zum Teil aus Ländern mit judenfeindlicher Prägung. „Dort ist Antiseminismus Staatsräson – das legt man nicht an der Grenze ab.“

Die Mitglieder der Israelitischen Gemeinde seien entsprechend alarmiert, betont Knobloch – und sie selbst wolle das Bewusstsein schärfen, dass Antisemitismus ein Seismograph demokratischer Gesellschaften sei. „Nicht zuletzt aufgrund des Internets leben wir zunehmend in unterschiedlichen Welten. Und geschlossene Weltbilder haben den Nachteil, dass sie in sich schlüssig sind. Das macht den Antisemitismus und antijüdische Verschwörungstheorien so unberechenbar und gefährlich."

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