Münchner Opfer berichten

Falsche Handwerker: Drei Betrugsfälle an einem Tag

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Gabriele T. wurde von Trickbetrügern um 300.000 Euro geprellt.

München - In München gehen Betrüger derzeit mit einer sehr dreisten Masche gezielt auf hilflose Rentner: Egal, ob Strom, Fernsehen oder Telefon - die falschen Handwerkern nutzen jeden Vorwand.

Es ist eine Masche, auf die im Prinzip jeder hereinfallen könnte. Denn sie zielt auf den Verlust eines Komforts, den jeder täglich nutzt: Telefon, Fernsehen, Strom. Innerhalb weniger Stunden verschafften sich zwei ausgesprochen gepflegte, deutsch sprechende und sehr bestimmt auftretende, falsche Techniker Zutritt zu drei Wohnungen in Schwabing, im Wiesnviertel und in Oberschleißheim.

Ihr Trick: Sie geben vor, sofort eine technische Störung beheben zu müssen, da sonst in Kürze Telefon, Fernsehen und Strom ausfallen würden. In drei Fällen scheiterten die Täter. Doch drei Bewohner ließen die sehr geschickten Trickbetrüger herein. In einem Fall mit katastrophalen finanziellen Folgen: Hier erbeuteten die Täter Schmuck im Wert von 300 000 Euro. Und auch in den anderen beiden Fällen erbeuteten die Täter Bargeld und Schmuck. Noch schwerer jedoch wiegt der Schaden, den solche Täter in der Psyche ihrer Opfer hinterlassen. Scham, Selbstvorwürfe, quälende Ohnmacht.

Arno Helfrich, Leiter des Kommissariats für Prävention und Opferschutz beim Polizeipräsidium München, warnt dringend davor, Fremde in die Wohnung zu lassen. „Vergewissern Sie sich immer, ob der angebliche Techniker überhaupt einen Auftrag hat.“ Wenn die Betrüger nämlich erst mal in der Wohnung seien, hätten die Opfer kaum eine Chance mehr, einen Diebstahl zu verhindern.

Die tz sprach mit zwei Frauen, die am Montag auf diesen infamen Trick hereinfielen. Und die noch immer nicht fassen können, warum gerade ihnen das passiert ist.

Fall 1: Betrüger plündern den Tresor

Es ist eine qualvolle Mischung aus Wut und Scham, Trauer und Selbstvorwürfen, die Gabriele T. (81; Name geändert) so sehr belastet. Wut auf diese unglaubliche Dreistigkeit der Täter. Große Scham gegenüber ihrem Mann und den Kindern. Trauer auch um all die unersetzlichen Erinnerungsstücke. Und immer wieder die gleichen Gedanken: „Hätt’ ich doch bloß nicht …“

Es war am Montagabend um 19.40 Uhr. Gabriele T. und ihr pflegebedürftiger Mann (88) schauen daheim in Schwabing einen Krimi an. Plötzlich läutet es. Vor der Tür stehen zwei gepflegte, freundliche Telekom-Techniker, die angeblich einer Störungsmeldung aus dem Hause nachgehen müssen. Gabriele T. sagt: „Sie kommen gerade etwas ungelegen.“ Da antworten die Männer höflich, aber bestimmt: „Dann haben Sie ab 20 Uhr kein Fernsehen und Telefon mehr.“ Gabriele T. erschrickt: „Schon allein wegen meines kranken Mannes brauche ich doch immer Telefon.“

Ohne weitere Erklärungen beginnen die Männer, die Fünf-Zimmer-Wohnung abzusuchen: „Die waren sogar in unseren drei Toiletten und haben alle Schränke geöffnet. Das fand ich ziemlich unverschämt.“

Einer der Männer scheint ihre Verärgerung zu spüren, macht ihr ein nettes Kompliment über ihre hübsche Frisur. Und dann passiert’s: In einem Wandschrank entdecken die Betrüger den Tresor! „Ich sollte ihn öffnen, weil dahinter angeblich das Kupferkabel liegt, das vermessen werden müsse.“ Die 81-Jährige öffnet ahnungslos die Tresortür, die Männer legen ein rot blinkendes Gerät zwischen die Schmuckschatullen – lauter Erinnerungen eines langen Lebens.

Einer der Täter verabschiedet sich plötzlich „in den Keller“. Tatsächlich lauert er wohl nur im Flur, bis der Komplize die 81-Jährige ins Wohnzimmer gelockt hat und sie dort sämtliche Fernsehkanäle durchschalten lässt. Dann waren die Männer plötzlich weg – und mit ihnen der gesamte Familienschmuck und Geld im Gesamtwert von 300 000 Euro! Ein Vermögen, das die Zukunft von Gabriele T. und ihrer großen Familie absichern sollte. Jedes schöne Stück hatte eine eigene Geschichte – zur Geburt der Kinder, ein Paar Ohrringe von der liebsten Freundin, der einzelne Manschettenknopf von Gabriele T.s Vater, der nicht mehr aus dem Krieg heimkehrte. Alles weg, vermutlich längst auseinandergebrochen und eingeschmolzen in den Hehlerwerkstätten dieser üblen Banden. Die Vorstellung allein tut schon weh.

Die Polizisten („Die waren alle so nett“), ihre Kinder und ihr Mann haben sie getröstet. Und Gabriele T. denkt darüber nach, woher diese Hinterhältigkeit der Täter kommt: „Die haben doch auch eine Mutter und Großmutter. Wie kann man nur so sein?“

Im selben Haus haben die Telekom-Betrüger übrigens am selben Tag drei weitere Versuche gestartet, wurden aber glücklicherweise nicht eingelassen.

Fall 2: Sie waren in jedem Zimmer

Auch in der Theodor-Heuss-Straße in Oberschleißheim klingelte am Montag um 9.45 Uhr überraschend ein etwa 30-Jähriger Techniker, der vorgab, sofort die Stromversorgung überprüfen zu müssen. Arglos ließ der Bewohner (83) den Mann hinein. Kurz darauf kam ein zweiter Techniker hinzu. Der eine ging sofort ins Wohnzimmer, der Zweite verschwand im Obergeschoss. Die Männer durchsuchten Zimmer für Zimmer und verschwanden plötzlich grußlos. Erst da bemerkte der Senior, dass aus seinem Schreibtisch und dem Schlafzimmer mehrere Hundert Euro, Ringe und eine Armbanduhr verschwunden waren.

Fall 3: Täter ändern die Taktik

Viele Tränen sind in den vergangenen Tagen geflossen bei Sieglinde K. (73, Name geändert). Weil sie sich so furchtbar schämt, dass ausgerechnet ihr das passiert ist. Schämen müssten sich vielmehr die Männer, die ihr das angetan haben. Doch die sind über alle Berge und ließen Sieglinde K. am Boden zerstört zurück.

Es war am Montag gegen 10.45 Uhr im Wiesn-viertel: „Ich kam vom Einkaufen zurück. Mit mir betraten zwei etwa 35 und 40 Jahre alte Männer das Haus.“ Sie wiesen sich mit Telekom-Ausweisen aus. Auch aus der Schreibkladde ragte der Telekom-Schriftzug heraus. „Sie wollten sofort meine Telefonleitung wegen einer Störung überprüfen. Ich hatte eigentlich keinen Zweifel“, sagt Sieglinde K. In den folgenden Minuten leuchteten die Männer die kleine Erdgeschoss-Wohnung an den komischsten Stellen ab und führten Messungen durch. Sieglinde K. bekam Zweifel. Da änderten die Täter blitzschnell ihre Taktik: „Sie äußerten den Verdacht, in mein Schlafzimmer sei vielleicht eingebrochen worden. Ich war ganz durcheinander und habe sofort mein Geldversteck überprüft. Dabei wurde ich wohl beobachtet.“ Am Ende erklärten die Männer, es sei alles in Ordnung. Und weg waren sie. Erst da bemerkte die Seniorin, dass ihre eiserne Reserve von 700 Euro verschwunden war. Ein harter Schlag für die alleinstehende Frau, die erst kürzlich ihre hochbetagte Mutter und auch noch ihre Freundin verloren hat: „Ich wollte mir von dem Geld was Hübsches für den Frühling leisten“, sagt sie traurig. Obwohl sie sofort die Polizei rief, konnten die schamlosen Betrüger entkommen: „Ich hoffe immer noch, dass mich die Polizei anruft und sagt: ,Wir haben sie!‘“

Dorita Plange

Dorita Plange

E-Mail:Dorita.Plange@tz.de

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