Der München Marathon feiert Jubiläum

Das Olympiasieger-Gefühl

+
Der München Marathon verläuft auch über den Marienplatz

Zum 30. Mal wird am Sonntag der München Marathon ausgetragen. Was ihn ausmacht und wo er im Vergleich zu den anderen großen City-Läufen steht.

München – Jeder Stadtmarathon hat seine eigenen starken Bilder.

New York: Wie die Masse an Menschen über die Verrazano-Brücke läuft – auf zwei Etagen verteilt.

Berlin: Läuferfeld zu Füßen des Funkturms, Finish vor der Kulisse des Brandenburger Tors.

Hamburg: Gleich am Anfang über die Reeperbahn. Die Fotografen finden immer eine sündige Dame in Netzstrümpfen, die sich dekorativ an den Straßenrand stellt.

Oder Frankfurt: Einlauf auf dem roten Teppich, hinein in die Festhalle.

Und München? Am Marienplatz, etwa bei Kilometer 30, wo die meisten Zuschauer stehen, fühlt sich jeder Läufer für Momente fotogen. Doch der Höhe- und Schlusspunkt ist: Einlauf ins Olympiastadion. Im Marathontor wird man von wummernden Beats und einer euphorischen Lichtorgel empfangen, man hat dann noch eine knappe Stadionrunde zu laufen. Auf der Bahn, auf die man sonst nie kommt. Man darf sich Olympiasieger-1972-mäßig fühlen. Schon das entschädigt für die Schmerzen davor.

In der Champions League der Marathons spielt München nicht. Die „Big Six“, das sind Tokio, London, Boston, Berlin, Chicago, New York. Zu diesen Rennen, die sich zusammengeschlossen haben zur „World Marathon Majors“ kommen die Topstars, es fließen Antritts- und Rekordprämien, es geht um schnelle Zeiten in der Spitze und darum, dass die Plätze im Feld begehrt sein sollen.

Man meldet sich hier nicht einfach so an: Boston verlangt von ausländischen Startern einen relativ aktuellen Leistungsnachweis, an Startnummern für New York kommt man in Deutschland eigentlich nur über Spezialreiseveranstalter – und auch in Berlin sind die Zeiten, in denen man sich ein paar Wochen vorher mit einer Postkarte anmeldete, vorbei. Heutzutage geht das übers Internet, einen Tag lang: Dann liegen um die 100 000 Bewerbungen vor.

München ist nicht überlaufen, es geht unkompliziert zu

„Es ist ein mittelgroßer Marathon, in Deutschland liegt er an dritter oder vierter Stelle“, so sieht es Ali Schneider, in den 80er-Jahren einer der Gründer der Veranstaltung und ihr erster Renndirektor. National sei München mit Frankfurt und Köln zu vergleichen, international mit Buenos Aires, Washington, Los Angeles, dem Las Vegas Rock’n’Roll Marathon.

Schneider weiß noch um das Image, das dem Münchner Marathon anhängt: Er sei stimmungsarm. Und, nun ja, das ist lange Zeit nicht von der Hand zu weisen gewesen. Es gibt an der Strecke längere Abschnitte, an denen die Läufer unter sich sind. Im Englischen Garten, „der aber die Grüne Lunge der Stadt ist und natürlich unbedingt rein musste“, so Schneider. Oder auf der Strecke, die seit dem Jahr 2000 gelaufen wird, zwischen Bogenhausen und Ostbahnhof. Im Gewerbegebiet ist es ruhig. „Dafür stehen in Schwabing die Zuschauer in Dreier-Reihen“, sagt Organisations-Chef Gernot Weigl. Es ist gelungen, die innerstädtischen Spots mit Leben zu erfüllen. Jenseits der 30-Kilometer-Marke, wenn er Unterstützung von außen braucht, bekommt der Läufer sie.

In den Anfangsjahren hat der rührige Ali Schneider am Straßenrand noch öfter despektierliche Sätze gehört wie „Müssen verschwitzte Leute durch unser schönes München rennen?“ So dachten wohl viele Münchner, von einem Fieber für das Event, wie in New York oder Berlin prägend, war nichts zu spüren. Schneider hat mit einer spektakulären Idee versucht, den Münchner Marathon zu einem großen Medien-Ding zu machen und so die Leute anzuziehen. Schneider erzählt: „Ich habe dem Uli Hoeneß 1984 eine Wette angeboten: Dass der schnellste Einzelläufer eine Staffel des FC Bayern, gebildet aus den 22 Spielern des Profikaders, besiegen würde.“

Da habe Hoeneß, der große Manager, zunächst siegessicher gelacht – dann aber wohl nachgerechnet, dass seine Leute über die 1000 Meter nicht viel langsamer sein dürften als drei Minuten und das Tempo auch noch über einen zweiten Kilometer halten müssten. Jedenfalls: Hoeneß zog zurück – offizielle Begründung: Man könne nicht am Sonntag zu einem Laufwettbewerb antreten, wenn man am Samstag Bundesliga gespielt habe.

Was wäre das im Jahr 2015 für ein Hype: ein Staffel mit den Stars des FC Bayern. Natürlich unrealistisch. Der München Marathon braucht allerdings keine Effekte, er ist gesund gewachsen. Wie andernorts auch wurde das Programm stetig erweitert: Man kann auch Halbmarathon, 10 km oder in Staffeln laufen. Seit 2014 verzeichnet Organisator Gernot Weigl mehr als 20 000 Teilnehmer, und in diesem Jahr wird aus der „Marathon-Messe“, die in der dunklen (nun abgerissenen) Event-Arena abgehalten wurde, eine „Sport-Messe“ in der tageslichtgefluteten Olympiahalle. Alle Flächen sind ausgebucht.

Der München Marathon hat, das lässt sich sagen, einen langen Atem bewiesen.

Von Günter Klein

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht
Zwei Seniorenheime werden plattgemacht

Kommentare