Mit Rollstuhl und Helene Fischer auf den Lippen

Wir sind das ungewöhnlichste Marathon-Team der Welt

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Haben in diesem Jahr noch einiges vor: Erwin Schönauer (l.) und Wolfgang Ilg starten beim München-Marathon über die halbe Distanz.

München – Marathon im Rollstuhl - geht nicht? Doch! Zwei Bayern leben ihren Traum und beweisen, dass es keine Grenzen gibt. Als "Ziemlich beste Freunde" mischen sie nicht nur den Münchner Olympia-Park auf.

Wolfgang Ilg und Erwin "Bazi" Schönauer sind „Ziemlich beste Freunde“. Die beiden Bayern bilden das wohl ungewöhnlichste Marathon-Team auf dem Planeten. Denn Schönauer leidet wie 2,5 Millionen Menschen weltweit an der unheilbaren Nerven-Krankenheit Multiple Sklerose. 24 Stunden am Tag ist der Münchner, der früher in den Weltmeeren abtauchte und auf Skiern die Pisten herunterbretterte, auf Unterstützung angewiesen. Eben ganz wie der querschnittsgelähmte Unternehmer Philippe di Borgo, der mit seinem lebensfrohen Pfleger im autobiografischen Film "Ziemlich beste Freunde" allerhand erlebt.

Seit mittlerweile drei Jahren zählt der Zornedinger Ilg zum Team der Assistenten Schönauers. Abwechselnd mit fünf anderen Pflegern betreut er den 45-Jährigen rund um die Uhr. Trotz Schönauers schwerer Krankheit genießen sie gemeinsame Stunden im Kino, im Biergarten, am See oder im behindertengerechten Klettergarten. Auch Weihnachten feiern sie schon Mal zusammen. 

Aber wie kamen die beiden nun zum Marathon? Bei einer seiner zahlreichen Schichten überrascht der passionierte Läufer Ilg seinen Arbeitgeber, der eigentlich schon viel mehr guter Freund geworden ist, mit dem völlig verrückten Vorschlag. Schönauer dürfte wohl kurz auf einen Lachanfall Ilgs spekuliert haben, um die Idee als Scherz-Frage zu entlarven. Doch weit gefehlt. Also sagt er spontan zu: „Dabei war Laufen früher überhaupt kein Sport für mich. Aber ich habe nicht lange überlegt.“

2013 erstmals über Zehn-Kilometer-Distanz am Start

Ilg und Schönauer im Pulk.

Das war die Geburtsstunde des Teams „Ziemlich beste Freunde“ – aber Ilg und Schönauer stellen ihre beiden Vorbilder aus Frankreich mit ihrer Mission locker in den Schatten. 2013 starten sie erstmals im Rahmen des München-Marathon über die Zehn-Kilometer-Distanz. Im vergangenen Jahr joggt Ilg, immerhin 54 Jahre jung, die gleiche Strecke Schönauer im Rollstuhl vor sich herschiebend – nach schlappen 63 Minuten erreicht das Duo das Ziel unter dem Jubel der Zuschauer und der anderen Läufer. „Und während des Laufs haben wir auch angehalten, um ein paar Fotos zu knipsen“, gibt der Initiator zu bedenken.

Am 11. Oktober greifen „Ziemlich beste Freunde“ nun erstmals die Halb-Marathon-Distanz an. Für die knapp 21,1 Kilometer hat sich Ilg ein Ziel gesetzt: „2:30 Stunden wollen wir schaffen – so ehrgeizig sind wir.“ Schönauer ist sein Antrieb, denn der greift schon Mal zu einer ganz besonderen Motivationsspritze: „Wenn Wolfgang zu langsam wird, fange ich an zu singen und quäle ihn mit Helene Fischer oder Andrea Berg.“ Besonders erfolgversprechend für eine Tempoverschärfung erweist sich dabei – wie sollte es anders sein – Fischers Hit „Atemlos“.

Stiftung spendiert neuen Rollstuhl

Die Voraussetzungen, dass Schönauer seine Stimme diesmal schonen kann, stehen aber gar nicht mal schlecht. Denn in diesem Jahr stehen die Freunde mit einem nagelneuen Rollstuhl an der Startlinie. Den spendiert die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung der ebenfalls an Multipler Sklerose erkrankten Tochter des ehemaligen CDU-Abgeordneten Jürgen Todenhöfer. „Das ist eine große Hilfe, der alte war deutlich schwerer und sperriger“, freut sich Ilg.

Ilg und Schönauer beim Zieleinlauf.

Unterstützung erfährt das Marathon-Duo ohnehin von allen Seiten. Schönauer denkt da in erster Linie an die anderen Läufer: „Viele sind so hilfsbereit, dass sie gern mal für Wolfgang übernehmen wollen. Aber er ist hartnäckig und zieht den Lauf allein durch.“ Die Zuschauer an der Strecke geben stets noch ein bisschen mehr Gas, wenn sich „Ziemlich beste Freunde“ nähern. „Wir bekommen immer wieder Schulterklopfer“, staunt Ilg. Und dann wäre da noch der Veranstalter. „Wir dürfen nur dank einer Sondergenehmigung starten“, betont Ilg und fiebert schon jetzt den letzten Metern entgegen: „Wenn wir ins Stadion einlaufen, kündigt uns der Sprecher extra an. Dann wird es besonders laut – da bekomme ich schon eine Gänsehaut.“

"Ein bisschen wie in der Formel 1"

Bis Ilg und Schönauer diesen besonderen Moment einmal mehr erleben dürfen, wartet aber noch jede Menge Arbeit. In den nächsten Wochen trainieren sie im Olympia-Park. Vier- oder fünfmal werden sie die Halb-Marathon-Distanz vor dem Startschuss im Herbst gemeinsam zurücklegen, außerdem läuft Ilg regelmäßig allein. „Wir müssen ja auch die richtige Kurventechnik einstudieren – das ist ein bisschen wie in der Formel 1“, erklärt Schönauer. Der Sommernachtslauf am 23. Juli in ihrem Trainings-Revier soll die Generalprobe werden – inklusive Anstieg auf den "Heartbreak Hill". "Das wird schon heftig", weiß Ilg.

Schönauer hat nicht nur angesichts des Trainingspensums höchsten Respekt vor seinem guten Freund: „Wolfgang schwitzt, ich mache nur einen guten Eindruck.“ Doch das lässt Ilg so nicht stehen: „Bazi sollte seine Rolle nicht unterschätzen. Er hat trotz seiner Krankheit eine total positive Ausstrahlung, jammert nie, seine Augen strahlen. Das ist echt bewundernswert.“ Und spornt Ilg Tag für Tag an. So sehr, dass die Ansprüche für 2016 nochmal hochgeschraubt werden: Für nächstes Jahr steht der Berlin-Marathon auf der Agenda des Duos. Dann dürfen auch die Hauptstädter „Ziemlich beste Freunde“ kennenlernen und staunen.

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