70.000 Fans erwartet

Andreas Gabalier im Olympiastadion: Herzen für Alpen-Elvis

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Andreas Gabalier rockt das Olympiastadion in München.

München - Heute füllt Andreas Gabalier das Olympiastadion. Der Alpen-Elvis ist ein Star mit Pomade, Lederhose und Texten mit vü G’fühl. Bei seinen Fans sorgt er für Herzrasen – denn er hat ein Kunststück geschafft: Volksmusik ist plötzlich sexy. Ein Besuch bei seinen treuesten Anhängern.

Wie groß ein Star ist, ob er in der Liga der Beatles oder doch nur in der von Howard Carpendale spielt, lässt sich immer sehr gut an seinen Fans ablesen. An dem, was sie bereit sind zu tun. Diana Burger, 39 und Erzieherin aus Grünwald, zum Beispiel besitzt vier Gabalier-Trinkbecher, eine Gabalier-Sonnenbrille, zwei Gabalier-Halstücher, die Gabalier-Biographie, natürlich die CDs, ein paar hundert Fotos und auch noch die DVDs mit den Live-Mitschnitten. Zu Hause hat sie einen selbst gebastelten Kalender hängen. „Darin sind zwei Fotos von meinem Mann“, sagt Diana Burger, „die restlichen Bilder sind zur einen Hälfte von unserem Hund und zur anderen von Andreas Gabalier.“

Diana Burger, 39. 

Am heutigen Samstag, beim ausverkauften Konzert im Olympiastadion – Zuschauer: 70.000, davon ein geschätztes Drittel im Dirndl und mit blinkenden Hasenohren – will Diana Burger um 12 Uhr vor den Toren stehen. Spätestens. Damit sie ganz vorne ist, wenn das Konzert einen halben Tag später um 19 Uhr beginnt. In der österreichischen Presse bejubeln sie den Auftritt des Steirer Buam in der bayerischen Landeshauptstadt wie eine Heldentat: Es ist „das größte Konzert, das je ein Österreicher im Ausland gab!“ heißt es. Und: „Gabalier schreibt Geschichte.“

Andreas hautnah: Tattoo von Astrid aus Forstern. 

Diana Burger sagt: „Ich hasse Menschenansammlungen, vom Verstand her geht das eigentlich gar nicht, aber Gabalier brauche ich.“ So weit, so normal. Fankult, gut kontrollierter Wahn, grenzenlose Schwärmerei für jenen Mann, den sie den Steirer Elvis nennen, manchmal auch Kernöl-Elvis oder Alpen-Elvis. Weil Gabaliers Hüftschwung, er nennt das Oarschwackler, ähnliche Verzückungen auslöst wie der vom Elvis zu dessen besten Zeiten. Nur mit dem Unterschied, dass nicht nur verknallte Teenager das Kreischen anfangen, wenn der Ex-Jurastudent irgendwo auftaucht, sondern auch die Tante Heidi, 55, wohnhaft in Feldkirchen-Westerham.

Retter der volkstümlichen Musik

Gabalier, 31, ist der lang ersehnte Goldjunge der Volksmusik. Ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl und Pomade im Haar. Manche nennen dieses lederhosentragende, Harmonika spielende Rampenschweinderl den Retter der volkstümlichen Musik. Wahrscheinlich ist er es.

Astrid aus Forstern (rechts) mit Freundin Marlene. 

Der Sänger nennt seine Musik selbst: Volks-Rock’n’Roll, was schon mal ein Geniestreich ist. Traditionell, aber auch zum Abtanzen. Den Begriff hat er sich schützen und auf den Unterschenkel tätowieren lassen. In seinen Texten geht es um „Bluat“, welches „in deine Adern gfriert“, es geht um Sennerinnen, Madln, Reherln, Haserln und Engerln ohne Flügerln. Muss man nicht mögen. Kann man aber. Millionen Menschen tun es.

Dieser sagenhafte Herr Gabalier aus Graz fängt die Herzen der Fans schneller ein, als Österreich aus Fußballturnieren fliegt. Bei Diana Burger aus Grünwald war es ein Lied, das berühmte „I sing a Liad für di“, das sie zur getreuen Gefolgsfrau gemacht hat. Sie war im September 2010 mit ihrem Mann eine Woche auf einer Hütte in Tirol, sie waren eingeschneit, 55 Zentimeter Schnee in nur einer Nacht. Sie machten in der Hütte das Radio an, „Radio U1 Tirol“, was bleibt dir anderes übrig. Dann kam dieser eine Gabalier-Song. Diana Burger hörte ihn zum ersten Mal in ihrem Leben – es war Liebe auf den ersten Ton. „Damals“, erzählt sie, „hab ich mir vorgestellt, wie der Sänger hinter der Stimme aussieht. Ich hab’ gedacht: Das ist 100-prozentig ein alter, versoffener Typ.“

Daheim in Bayern hat sie im Internet nachgeschaut, spätestens danach war es um sie geschehen. Allerdings will sie eines klarstellen: „Es ist nicht so, dass ich den Gabalier will. Mein Mann ist mein Mann.“ Ihre Beziehung zu dem österreichischen Musiker ist rein musikalisch. „Mein Mann“, sagt sie, „ist auch überhaupt nicht eifersüchtig.“

Ihr Peter hört nämlich selbst Gabalier, erklärt sie – und inzwischen, das ist jetzt kein Scherz, fährt das Ehepaar sogar Gabalier. Sie sind letztes Jahr im Herbst mit ihrem weißen VW-Bus in die Steiermark gefahren, dort haben sie sich ein unübersehbar großes Bild von Gabalier hintendrauf bappen lassen – bei genau jener Firma, die auch die Autos von Gabalier und seiner Crew mit Spruchbändern und Bildern beklebt. Vorne auf der Kühlerhaube von Diana Burgers VW steht seitdem: „Volks-Rock’n’Roller“. Auf den Fahrer- und den Beifahrersitz hat die Erzieherin Original-Gabalier-Taschentücher mit rot-weißen Rauten genäht. „Manche sagen, ich spinne“, sagt sie.

Ein Stück Geborgenheit

Aber das ist ihr egal: Gabalier ist für sie ein Stück Geborgenheit geworden, auch wenn sie ihn gar nicht kennt. „Wenn mir der Kopf rauscht“, sagt sie, „fahr ich eine Stunde mit dem VW und hör seine Musik.“ Zu ihrem vollständigen und endgültigen Glück fehlt ihr nur noch eine Sache: ein Autogramm von Gabalier auf ihrem Auto. Sie hat dafür immer einen dicken Filzstift dabei, einmal haben sie und ihr Mann ihn nur um Haaresbreite verpasst. Seitdem ist sie auf der Jagd. „Für ein Autogramm auf meinem Bus würde ich überall hinfahren.“ Man glaubt es ihr aufs Wort. Wer solche Fans hat, um den muss man sich keine Sorgen machen. Der wird lange im Geschäft bleiben.

Diana Burgers Fan-Auto.

Gabalier, das ist sowieso eine märchenhafte Erfolgsgeschichte. Dabei ist es so einfach, über ihn zu schimpfen. Er sagt manchmal merkwürdige Macho-Sachen, zum Beispiel, dass „man doch nicht jeden Tag schmusende Männlein in der Zeitung oder auf Plakaten drucken“ müsse. Beim Formel-1-Rennen in Spielberg hat er sich geweigert, die österreichische Nationalhymne in ihrer üblichen Fassung zu singen. Gabalier sang lieber die Urform: „Heimat bist du großer Söhne“. Gebräuchlich ist heute: „Heimat großer Töchter und Söhne“. Das gab natürlich einen Aufschrei – und großes Lob vom FPÖ-Rechtsaußen Heinz-Christian Strache.

Für die Fans ist die Sache halb so wild: Gabalier nimmt halt kein Blatt vor den Mund, sagen sie. Er verstellt sich nicht, er ist kein durchgeplantes Kunstprodukt wie Helene Fischer. Er ist authentisch, echt, er ist so, wie er ist, dafür lieben sie ihn. Und dann ist da noch seine tragische Familiengeschichte: Sein Vater hat sich umgebracht, er zündete sich vor dem Haus der Familie an. Zwei Jahre später hat sich auch seine 19-jährige Schwester umgebracht, auf die gleiche Art wie der Vater. Gabalier war damals Anfang 20. Jeder Fan kennt die Geschichte. Später hat der Sänger seine Trauer zu einem Lied gemacht: „Amoi seg ma uns wieder. Amoi schau i a von obm zua. Auf meine oitn Tag leg i mi dankend nieder. Und moch für olle Zeitn meine Augen zua.“ Ein herzzerreißender Moment bei jedem Konzert. Die Fans nehmen ihm seine Emotionen ab, er ist glaubhaft bei aller Inszenierung, die natürlich auch zu einem Volksmusik-Star anno 2016 gehört.

Den Namen auf den Arm tätowiert

2011 ist Gabalier noch bei der Wiesn-Madl-Wahl unseres Hauses im P1 in München aufgetreten, er ist durch die Menge getanzt und hat gesungen, kaum einer kannte ihn. Er brauchte weder Olympiastadion noch Bodyguards. In Rosenheim hat er im gleichen Jahr ein Konzert gegeben – 200 Plätze, alle zum Sitzen. Die Stimmung? Verheerend, erzählt Diana Burger, die dabei war. Keiner tanzte, keiner kannte die Lieder. Und heute füllt er das Olympiastadion mit links. Ganz vorne an der 45 Meter breiten Bühne wird dann auch Kinderpflegerin Astrid, 21, aus Forstern im Kreis Erding stehen. Sie hat sich grad erst zwei Wörter auf den Arm tätowieren lassen: Andreas Gabalier.

Sie wird schon um 11.30 Uhr am Stadion sein, erzählt sie. Sie wird Dirndl tragen. Sie redet schon seit Tagen von nichts anderem mit ihren Freundinnen. „Er ist einfach super“, sagt sie. Rundum super. Stimme, Aussehen, Charisma. Auch ihr fehlt noch genau eine Sache zum endgültigen Fan-glück: eine Unterschrift von Gabalier auf ihrem Arm. Die Unterschrift will sie sich dann gleich tätowieren lassen. Für sie wäre es das Kostbarste auf der Welt. Nix, was sie an ein Auto verschwenden würde.

Dieser Mann soll ihr endgültig und bis in alle Ewigkeit unter die Haut gehen. Das ist wahre Liebe in Zeiten des Volks-Rock’n’Rolls.

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