Dienstag Großstreik im Nahverkehr

München - Auf den Bahnsteigen im Großraum München dürfte es heute turbulent zugehen. U-Bahn, S-Bahn und Regionalzüge – der gesamte Nahverkehr wird bestreikt, weil zwei Gewerkschaften am selben Tag zuschlagen.

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Drei Stunden Streik-Stillstand

Wegen zweier verschiedener Streiks unterschiedlicher Gewerkschaften bei Regional- und S-Bahnen sowie bei U-Bahn, Bus und Tram in der Landeshauptstadt müssen Pendler mit zum Teil deutlichen Verspätungen rechnen. Der Arbeitsausstand beginnt am frühen Morgen und dauert bis zum Abend.

Dass sich die Situation im Nahverkehr zuspitzen würde, wurde erst  am frühen Montagabend bekannt. Der Gewerkschaftsverband dbb Tarifunion kündigte an, seinen Streik bei U-Bahn, Bus und Tram fortzusetzen. Zwischen 4 Uhr morgens und 19 Uhr abends sollen die Mitarbeiter der Gewerkschaft GDL die Arbeit niederlegen.

Der Tarifstreit zwischen der dbb und dem Kommunalen Arbeitgeberverband um die Anrechnung bestimmter Arbeitszeiten zieht sich schon Wochen hin. Die U-Bahn fuhr deshalb längere Zeit nur nach einem Notfahrplan. Nach einem neuen Verhandlungsangebot der kommunalen Arbeitgeber eskalierte jetzt der Streit. Die dbb rief für Dienstag in München, Nürnberg und Augsburg zum befristeten Streik auf. Der Vorschlag der Arbeitgeber sei „keine Basis für einen befriedeten Abschluss“, erklärte dbb-Vizechef Willi Russ.

Verschärft wird die Situation im Münchner Nahverkehr, weil zudem die Gewerkschaft Transnet einen Warnstreik abhalten will. Zwischen 5 und 10 Uhr soll das Personal bei Regionalbahnen und S-Bahn die Arbeit niederlegen. „Oberbayern wird intensiv getroffen“, warnte Johann Gebhardt von Transnet.

Die Gewerkschaft fordert insbesondere einen einheitlichen Branchentarifvertrag im Schienennahverkehr. Denn Mitarbeiter privater Regionalbahnen verdienen laut Transnet um bis zu 20 Prozent weniger als ihre Kollegen von der Deutschen Bahn. Betroffen vom Streik sind neben der DB auch die Bayerische Oberlandbahn (BOB) und der Alex. Weil auch Fahrdienstleiter zum Arbeitsausstand aufgerufen sind, könnten sich die Verspätungen zudem auf den Fernverkehr mit ICE- und IC-Zügen auswirken.

Wer streikt für was?

Es gibt zwei verschiedene Runden. Die Gewerkschaften Transnet und GdBA verhandeln mit der bundeseigenen Deutschen Bahn und sechs privaten Unternehmen, darunter der französische Konzern Veolia, der die Bayerische Oberlandbahn betreibt, sowie die britische Unternehmensgruppe Arriva mit dem Alex. Transnet plädiert für einen einheitlichen Branchentarifvertrag, damit die Mitarbeiter privater Unternehmen so viel verdienen wie die Kollegen von der DB. Die zweite Verhandlungsrunde wird zwischen dem Kommunalen Arbeitgeberverband und der dbb Tarifunion geführt, die für die Gewerkschaft GDL auftritt. Hier geht es um die Anrechnung bestimmter Arbeitszeiten. Letztlich ist die Auseinandersetzung auch ein Kampf um Gewerkschaftsmitglieder, die die GDL von Verdi abziehen will.

Was passiert am Dienstag?

Beide Gewerkschaftsgruppen schlagen los. Das heißt, es werden wohl sämtliche Nahverkehrsmittel bestreikt. Bei der S-Bahn sowie in Regionalzügen dauert der Ausstand voraussichtlich von 5 bis 10 Uhr morgens. Bei U-Bahn, Bus und Tram wollen die Mitglieder der GDL zwischen 4 und 19 Uhr streiken. Ein Problem könnte der Pokalklassiker des FC Bayern gegen Werder Bremen in der Allianz Arena werden. Die Anreise zum Spiel beginnt bereits während des Streiks.

Was fährt noch?

Es werden aber weiter Züge und Busse fahren, nur nicht mehr so viele. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) – zuständig für U-Bahn, Bus und Tram – teilte mit, man werde versuchen, durch „flexible Personaldisposition“ die Auswirkungen für die Fahrgäste zu begrenzen. Dennoch warnt MVG-Chef Herbert König vor „massiven Behinderungen im ÖPNV“. Die Gewerkschaft Transnet spricht von „erheblichen Störungen im gesamten Schienenverkehr“. Die Bayerische Oberlandbahn hat zum Beispiel Busse gemietet, um einen Schienenersatzverkehr zu ermöglichen. Vermutlich aber dürften nicht genügend Kapazitäten zur Verfügung stehen, teilte die BOB mit.

Wie hilft die Bahn?

Die Deutsche Bahn hat zusätzliche Serviceleistungen für Fahrgäste versprochen. Wer eine Reise gebucht hat und sie wegen streikbedingter Zugausfälle oder Verspätungen nicht antreten kann, erhält sein Geld zurück. Alternativ kann der Fahrgast sein Ticket im Reisezentrum kostenlos umtauschen oder den nächsten Zug nutzen – auch, wenn dieser teurer gewesen wäre. Zugbindungen gelten nicht mehr. Um dem Ansturm der Fahrgäste standzuhalten, wird die Bahn mehrere hundert zusätzliche Mitarbeiter einsetzen.

An wen wenden?

Die Bahn empfiehlt jedem Fahrgast, sich vor der Fahrt telefonisch über den Streik zu informieren. Hierfür wurde eine kostenlose Servicenummer eingerichtet: 08000-99 66 33. Die aktuelle Situation ist auch im Internet zu verfolgen: www.bahn.de/aktuell.

Zu spät in der Arbeit?

Wer am Morgen wegen des Streiks zu spät zur Arbeit kommt, darf nicht grundsätzlich auf das Verständnis des Chefs hoffen. Der Arbeitnehmer sei grundsätzlich selbst dafür verantwortlich, pünktlich zu kommen, sagt der Arbeitsrechtler Professor Jobst-Hubertus Bauer. Der Chef könne die Zeit nacharbeiten lassen oder den Lohn kürzen.

Matthias Kristlbauer und Ann-Kathrin Gerke

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