In diesen Vierteln schlagen die Verbrecher oft zu

Auf Verbrecherjagd - unterwegs mit Münchens Ermittlern

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Uta Berberich von der Spurensicherung sammelt DNA-Rückstände und Fingerabdrücke. Denn: Jeder Täter hinterlässt eine Spur!

München - Der Kriminaldauerdienst nimmt rund um die Uhr Straftaten auf. Wir haben die Beamten bei der Arbeit begleitet. 

Seit 1. Oktober meldete die Polizei alleine 34 Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser in Stadt und Landkreis – die Dunkelziffer ist viel höher. Der Kriminaldauerdienst (KDD) bearbeitet im Jahr durchschnittlich 3500 Einbrüche oder Einbruchsversuche – macht rund 300 pro Monat, etwa zehn pro Tag. Alleine in den vergangenen sieben Wochen richteten die Täter einen Schaden im sechsstelligen Bereich an. Schlimm erwischt hat es eine Familie im Münchner Süden. Goldschmuck, edle Uhren, teure Elektrogeräte und Bargeld – die Einbrecher nahmen alles mit. Bis heute sind sie auf der Flucht. Der Wert ihrer Beute liegt bei bis zu 100 000 Euro. Hausbesitzern und Mietern ist oft nicht bewusst, welche Werte in ihren eigenen vier Wänden lagern. Ende Oktober präsentierte die Polizei erschreckende Zahlen: Seit Beginn des Jahres gab es bis dato 965 vollendete Einbrüche. Schaden: über fünf Millionen Euro. Wenn die Stadt schläft, macht das Verbrechen keine Pause. Vor allem zu dieser Jahreszeit haben Einbrecher Hochkonjunktur. Die tz hat den KDD für eine Nacht begleitet – und war den Einbrechern auf der Spur. 

Mit einem zivilen Fahrzeug sind in jeder Nachtschicht acht Beamte in zwei Teams unterwegs. 

Die Täter sind längst nicht mehr da, der Tatort aber bleibt. So wie die geschockten Bewohner. Genau dann beginnt die Arbeit des Kriminaldauerdienstes (KDD). Claudia Bauer (51) und Andreas Steffl (37) bilden eines der vier Teams, die in dieser Mittwochnacht im Einsatz sind. Seit 17.30 Uhr sitzen Claudia Bauer und Andreas Steffl an ihren Schreibtischen im Polizeipräsidium an der Ettstraße. Noch ist es ruhig. Zwölf Stunden liegen vor ihnen. Vollgepackt mit Straftaten, die das gesamte Spektrum der kriminalpolizeilichen Arbeit abdecken. Der KDD ist ein Bereitschaftsdienst, der dann einspringt, wenn die Büros der Fachkommissariate geschlossen sind. Heißt: Mord, Raub, Körperverletzungen, Sexualdelikte und eben auch Einbrüche fallen in dieser Zeit in die Zuständigkeit der „Feuerwehr der Kriminalpolizei“, wie KDD-Chef Peter Reichl sagt. „Wir fahren dort hin, wo es brennt.“ Claudia Bauer ist seit fast 20 Jahren beim KDD. Die Vielfalt der Fälle begeistert sie noch heute. Sie sagt: „Ich bin auch gerne draußen unterwegs.“ Mit der berühmten Schachtel Pralinen, wie im Film Forrest Gump, vergleicht Andreas Steffl seine Arbeit. „Man weiß eben nie, was man bekommt.“

Jeder Täter hinterlässt Spuren

Bei Einbrüchen müssen Tatortfotos gemacht und mit Zeugen und Geschädigten gesprochen werden. 

19.26 Uhr: Einbruch bei einer Rentnerin in Oberschleißheim, wird gemeldet. „Erstes Obergeschoss, Balkontüre aufgehebelt. Nachbarn haben Geräusche gehört“, wird Steffl und Bauer mitgeteilt. Ein kleines Datenblatt mit Adresse und Sachverhalt bereitet das Team auf den ersten Einsatz vor. Die wichtigsten Werkzeuge – Diktiergerät, Fototasche und Einsatzformulare – verstauen sie im Kofferraum ihres nachtschwarzen BMW. Wer jetzt an Blaulicht, Sirene und wilde Raserei über Autobahnen denkt, wird enttäuscht. Der KDD jagt keine Einbrecher. Er sammelt Spuren, spricht mit Opfern und Zeugen – und übergibt die Informationen später an die jeweilige Fachdienststelle. Rund zweieinhalb Stunden dauert der erste Einsatz. Wenn die Arbeit an einem Ort erledigt ist, geht’s für Claudia Bauer und Andreas Steffl wieder zurück ins Präsidium. Tonaufnahmen werden eingespielt und an Schreibkräfte übergeben, Bilder von Einbruchsspuren sortiert in die Akten eingepflegt.

Nicht so an diesem Abend. Ins feine Bogenhausen lotst die Zentrale die beiden Beamten als nächstes. Hemden, Hosen und Unterwäsche liegen im Raum verstreut. Die Kissenbezüge fehlen. Der Kleiderschrank steht offen und Schubladen sind herausgerissen. Das aufgehebelte Fenster steht halboffen. „Die Uhr meines Großvaters ist weg“, seufzt Manager Stefan W. (37). Als er gegen 19.30 Uhr von der Arbeit heimkommt, bemerkt er den Einbruch. Freundin Angelika (34) hat ihren gesamten Erbschmuck an die Einbrecher verloren. Der materielle Schade: mindestens 10 000 Euro. Der emotionale: unbeschreiblich. 

Der Parkettboden ist klebrig. „Hier hat jemand versucht, Spuren mit einem Reiniger zu verwischen“, sagt Uta Berberich von der Spurensicherung. Auch sie hat die ganze Nacht Bereitschaftsdienst.  Wenn sich die 36-Jährige ihre himmelblauen Latexhandschuhe überstreift, wird deutlich, wie genau die Einbrecher vorgegangen sind. Mit Pinsel und Kontrastpulver macht sie Fingerabdrücke sichtbar. Winzige Hautschuppen verraten die DNA des Ganoven.  „Jeder Täter hinterlässt Spuren“, sagt Berberich. Manche freiwillig, die meisten unbewusst. Leider können nur wenige Einbrüche geklärt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Doch Andreas Steffl ist sicher: „Wir können den Opfern zumindest etwas die Angst nehmen.“ 

Sie kamen über den Balkon

„Mein Magen tut weh, ich habe richtig Angst“, sagt Gertraud S. (80). Zusammengekauert sitzt sie auf einem Stuhl in der Küche ihrer Wohnung in Oberschleißheim. Tagsüber war sie mit Freunden beim Wandern. Als die Dämmerung über den Münchner Vorort hereinbrach, knackten Einbrecher ihre Balkontüre und durchwühlten ihre Privatsphäre.

Viel wertvolles gab es bei der Rentnerin nicht zu holen – dafür jede Menge Stücke, an denen Erinnerungen hängen. Der Ehering ihres verstorbenen Mannes fehlt. „Sie haben ihn mitgenommen“, schluchzt die tapfere Seniorin. „Auch mein schönes goldenes Armband.“

Als Gertraud S. (r.) beim Wandern war, kamen die Einbrecher. In ihrer Wohnung in Oberschleißheim hatten es die Täter auf Schmuck abgesehen. 

Waren bei Gertraud S. Serientäter am Werk? Bereits wenige Tage zuvor gab es in der Nähe vier Einbrüche. Auch dort gingen die Täter mit dem immerselben Muster vor. Wohnungen im Erdgeschoss oder im ersten Stock sind das beliebte Ziel. Dort hebeln die Täter meist mit einem Schraubendreher Fenster und Türen auf. Wie bei Gertraud S. gehen die Einbrecher oft mit brutaler Gewalt vor. Andreas Steffl: „In diesem Fall sind stabile Fenster und Türen mit massiven Sicherungen verbaut. Der Täter war bestimmt mehrere Minuten mit dem Aufbruch beschäftigt.“ Hebelspuren finden sich am ganzen Türrahmen.

„Ich habe nie damit gerechnet, dass bei mir eingebrochen wird“, sagt die frühere Schuhverkäuferin mit Tränen in den Augen. „Ich habe mich eigentlich immer sicher gefühlt. Aber das macht mir Angst.“ Ob sich Gertraud S. vorstellen könnte, wer bei ihr eingestiegen ist, will Claudia Bauer wissen. Die Seniorin schüttelt den Kopf. Verdächtige Anrufe? „Nein, da waren keine“, sagt sie.

Im Schlafzimmer sammelt Gertraud S., was die Einbrecher nicht gefunden haben. Dann holt sie ein kleines Kästchen aus dem Schrank hervor. Als sie den Ehering ihres Mannes vorzeigt, sagt sie: „Jetzt ist es nicht mehr so schlimm.“

Johannes Heininger

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