Wohnen, Sex, Geld

Große Studie: So lebt die Generation 65 plus!

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Die Generation 65 plus: Viele Senioren fühlen sich jünger als sie tatsächlich sind.

München - Gehört man mit 65 Jahren zum alten Eisen? Von wegen! Immer mehr Senioren fühlen sich viel jünger als sie tatsächlich sind. Die „goldene Generation“ erobert unsere Gesellschaft – oft mit unbändiger Lebenslust und Energie.

Nirgendwo sonst in Europa erleben Menschen jenseits der 65 ihr Alter so positiv wie in Deutschland. Das belegt eine groß angelegte Studie, die das Institut für würdevolles Altern in Auftrag gegeben hatte. Es wird vom Großkonzern Korian finanziert, der in Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien Seniorenheime, Rehazentren und Pflegedienste betreibt. Die Gesellschaftsforscher wollten wissen, ob und wie sich die Lebensweise der Senioren gegenüber früheren Generationen verändert hat.

Die neue Art, älter zu werden

Unterm Strich sind deutsche Senioren zufrieden. 87 Prozent der Befragten finden, dass sie ein schönes und erfülltes Leben haben. Ein Wert, der weit über dem europäischen Durchschnitt von 78 Prozent liegt. Weitere Studienergebnisse im Überblick:

  • Körpergefühl und Liebe:  68% unserer Senioren fühlen sich sehr viel jünger, als sie tatsächlich sind. 41 % haben Geschlechtsverkehr, damit ist die deutsche goldene Generation sogar Spitzenreiter im europäischen Vier-Länder-Vergleich. So haben in Italien nur 30 % Sex, in Frankreich und Belgien 37 %. Jeder vierte Deutsche über 65 bemüht sich, seinen Partner zu verführen – und 65 % empfinden Liebesgefühle. Dagegen tragen nur 21 % der italienischen Senioren (noch) Amore im Herzen. Details dazu liefert die Grafik unten.
  • Familienleben: 92%der deutschen Senioren glauben, dass sie sich auf den Rückhalt ihres Partners verlassen können, 84 % können auf die Unterstützung ihrer Kinder zählen. Umgekehrt kümmern sich nur 19 % um ihre Enkel — in Italien sind es 33 %, in Frankreich sogar 35 %.
  • Freizeitverhalten: 27% der deutschen Senioren haben Spaß am Feiern, etwa am Tanzen. 71 % gehen gerne zum Essen, 81 % haben Freude daran, daheim für Familie und Freunde zu kochen. 
  • Internet: 70% der deutschen Senioren versenden mindestens einmal pro Woche E-Mails, fast die Hälfte (48 %) macht Online- Banking. Fast jeder dritte (30 %) nutzt soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter.
  • Wohnen: 82% der deutschen Senioren sind mit ihrer aktuellen Wohnsituation zufrieden. Allerdings denkt die Mehrheit nicht daran, das Zuhause auf eine spätere Pflegebedürftigkeit vorzubereiten. 61 % der Generation 65 plus hat damit noch nicht begonnen. Nur 18 % machen sich regelmäßig Gedanken darüber, ob sie besser umziehen sollten, weil ihre Wohnung nicht mehr ihren Bedürfnissen entspricht. In einer neuen Wohnung wäre 62 % das Allerwichtigste, dass sie ihren eigenen Lebensrhythmus bestimmen können. 

  • Haustiere: In Deutschland hat jeder dritte Senior wenigstens ein Haustier. Für 92 % der Tierhalter ist es wichtig und für 41 % sogar entscheidend, dass sie mit ihrem Liebling in einem Haushalt zusammenleben können. 

  • Geld: Nur etwas mehr als jeder dritte deutsche Senior (37 %) schafft es, etwas Geld beseitezulegen. 48 % gaben an, dass sie mit ihrem Einkommen gerade so über die Runden kommen. 

Münchner Senioren in Zahlen

Ist der 60. Geburtstag vorbei, spätestens der 65., gehört man zu den Senioren. Wenn die Rente dann samt zusätzlicher Altersvorsorge auskömmlich ist und keine gesundheitlichen Probleme drücken, kann man den Ruhestand in München aufs Schönste genießen.

Die Altersgruppe der über 65-Jährigen ist seit 2011 in München von 250 350 auf 265 650 angewachsen. Frauen sind mit 151 120 weit in der Überzahl. Über 60-Jährige gibt es sogar 320 000, wie die Vorsitzende des Seniorenbeirats, Ingeborg Staudenmeyer (siehe Interview rechts) berichtet.

Den höchsten Anteil an Senioren hatten laut Statistischem Jahrbuch im Jahr 2015 die Stadtteile Thalkirchen- Obersendling-Forstenried- Fürstenried-SollnundHadern mit jeweils 21,8 Prozent. Prozentual am wenigsten leben in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (10,9) und in der Maxvorstadt (11,7).

Viele Münchner Senioren sind extrem aktiv: Sie treiben Sport, engagieren sich für soziale Zwecke, etwa in Brennpunkten, geben Hausaufgabenhilfe oder arbeiten in der Flüchtlingshilfe mit. Wenn sie nicht auf Reisen sind, verbringen sie ihre Tage in Museen und Ausstellungen, nehmen ein Studium auf oder besuchen zumindest VHS-Kurse – es gibt einen eigenen Zweig Senioren-Volkshochschule.

Aber neben den vielen aktiven Senioren gibt es auch die, die sich solche Hobbys nicht leisten können: Mit der Zahl der Senioren insgesamt wächst auch die der älteren Mitbürger, die in der Großstadt fast nicht überleben können. 

Geldknappheit betrifft meist Frauen. Mehr als 14 000 Münchner im Rentenalter sind auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch.

Die Stadt hat mehr als 30 Alten- und Servicezentren in den Stadtteilen eingerichtet. Sie sollen nun sukzessive zusätzliche Stellen bekommen, um Senioren Hausbesuche abzustatten. Bei einem Pilotprojekt hatte sich herausgestellt, dass oft Bedarf an Unterstützung und Hilfe besteht.

Die Stadt gibt für Pflege bei Menschen, die Hilfe nicht aus eigenem Einkommen und Leistungen der Pflegeversicherung bezahlen können, über 70 Millionen Euro aus. Der Betrag wird sich in den nächsten zehn Jahren mehr als verdoppeln. 

Die Sorgen in unserer Stadt

Interview mit Ingeborg Staudenmeyer, Vorsizende des Seniorenbeirats

Wie geht es den Senioren in München?

Ingeborg Staudenmeyer (66), Vorsitzende des Seniorenbeirats: So pauschal kann man das nicht sagen. Vielen geht es sicher gut, aber im Seniorenbeirat haben wir Kontakt mit denen, die Probleme haben.

Wie vielen älteren Münchnern reichen ihre Einkünfte nicht?

Staudenmeyer: Ich habe keine Zahlen, aber jeder weiß, dass die Altersarmut wächst. Theoretisch ist diese Nachricht auch in der Politik angekommen. Zum Beispiel müsste für Großstädte wie München die Grundsicherung im Alter unbedingt angehoben werden. Wenn ich mit 80 noch putzen muss, wo kommen wir denn da hin? Oder eine Dame mit 75 kocht jetzt in einem Jugendzentrum. Für eine Frau auf dem Land würden 1000 oder 1100 Euro im Monat reichen. In München gehen oft schon 800 Euro für die Miete drauf. Wenn man über der Grenze für Grundsicherung liegt, kriegt man keine Unterstützung – auch keinen Tafel-Ausweis.

Findet der Seniorenbeirat Gehör im Stadtrat?

Staudenmeyer: Wir sind der Politik eher lästig. Dabei geht es bei unseren Anliegen ja um Pipifax- Beträge, wenn man sieht, dass Millionenprojekte sehr zügig beschlossen werden. Wenn aber mal was in der Zeitung gestanden ist, fangen die Fraktionen plötzlich an, Anträge zu stellen.

Wo werden die älteren Münchner getriezt

Staudenmeyer: Da fällt mir die Neun-Uhr-Regelung beim MVV ein: Wer fährt freiwillig vor neun in die Stadt, wenn er nicht einen Arzttermin hat? Oder die Kontogebühren bei der Stadtsparkasse. Gerade denen, die nichts haben, werden immer mehr Kosten aufgebürdet. OB Reiter wollte sich bei beiden Themen für die Senioren einsetzen. Danach habe ich nichts mehr davon gehört.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren geändert?

Staudenmeyer: Die Stadt München hat sehr viel für Pflegebedürftige getan, das ist von großer Bedeutung. Aber für Leute, die wenig haben und noch ein bisschen fit sind und etwas außerhalb ihrer Wohnung unternehmen könnten, schaut es nicht gut aus.

Es gibt doch viele Alten- und Servicezentren ...

Staudenmeyer: Das stimmt, die werden auch noch ausgebaut. Wenn man aber dort z. B. essen will, ist das auch für viele schon unerschwinglich.

Was gibt es kostenlos für Münchner Senioren?

Staudenmeyer: Wenig. Der Seniorenbeirat bietet kostenlos Museumsführungen. Das Tollwood- Festival lädt immer 300 Senioren ein, ebenso die Wiesn-Wirte aufs Oktoberfest. Kostenlos sind auch die Beratungen bei uns – zu Rente, Recht, Energiesparen.

BW



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