Unglaublicher Fall

Tod eines Münchner Raketenforschers: Rätsel nach 54 Jahren gelöst 

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Der SS-Mann Otto Skorzeny (li.) mit dem befreiten Diktator Mussolini. 

München - Jahrzehntelang war es ein Rätsel, nun scheint es gelöst: Ein Raketenexperte soll 1962 in München von einem SS-Mann ermordet worden sein – ausgerechnet auf Geheiß des israelischen Geheimdienstes Mossad. 

„Rätselraten um Dr. Heinz Krug“, titelte der Münchner Merkur am 15. September 1962. Ein Vermisstenfall, der nie gelöst wurde: Der 49 Jahre alte Krug, Techniker und Raketenexperte mit Büro an der Münchner Schillerstraße nahe des Hauptbahnhofes, war vier Tage zuvor spurlos verschwunden. Die Münchner Kriminalpolizei leitete eine Großfahndung ein, im Rundfunk und sogar im Fernsehen gab es Suchaufrufe. Auch Interpol suchte. Es nützte nichts: Der Münchner, der mit Ehefrau und zwei Kindern an der Gollierstraße im Westend wohnte, blieb spurlos verschwunden. Fast 54 Jahre lang.

Doch jetzt lichtet sich der Nebel. Nach Recherchen der angesehenen israelischen Zeitung „Haaretz“ scheint das Rätsel auf schier unglaubliche Weise gelöst: Krug, der in der NS-Zeit im Team des Raketenpioniers Wernher von Braun in Peenemünde Raketenforschung betrieben hatte, ist 1962 in München vom israelischen Geheimdienst entführt und getötet worden – aber nicht von einem Israeli, sondern von einem ehemaligen SS-Mann, der als Mörder angeheuert worden war.

Der Name des Killers: Otto Skorzeny, damals 54 Jahre alt, in der NS-Zeit eine Berühmtheit, weil er mit einem Kommando („Unternehmen Eiche“) 1943 den gestürzten italienischen Diktator Benito Mussolini am Gran Sasso aus der Gefangenschaft befreit und nach München gebracht hatte. Hitler ehrte ihn damals persönlich mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Der gebürtige Wiener Skorzeny gehörte auch zur „Leibstandarte Adolf Hitler“, er flüchtete nach 1945 nach Spanien. Obwohl er im Verdacht stand, persönlich an der Ermordung von Juden beteiligt gewesen zu sein, wurde er nie strafrechtlich belangt. 1975 starb er in Madrid an Magenkrebs.

Krug war in den Monaten vor seinem Verschwinden anonym bedroht worden

Nach Recherchen von „Haaretz“, die sich auf Informationen ehemaliger Mossad-Agenten beruft, war Krug in den Monaten vor seinem Verschwinden zunächst anonym bedroht worden. Daher wandte er sich hilfesuchend an Skorzeny, den er von früher kannte. Er schöpfte auch keinen Verdacht, als ein Komplize von Skorzeny am Vormittag des 11. September 1962 im Büro von Krugs Firma „Intra Handelsgesellschaft mbH“ auftauchte und ihn aufforderte, zu einem Treffen mit Skorzeny mitzukommen. Mit Krugs weißem Mercedes 300 SE – Kennzeichen M - MJ 712 – fuhren die beiden Richtung Solln, so nahm die Polizei damals an. Dann verlor sich die Spur.

Ausriss aus dem Münchner Merkur von 1962.

Die Polizei fand den Wagen zwei Tage später unweit von Krugs Wohnung an der Gollierstraße abgestellt – eine Untersuchung ergab, dass mit dem Mercedes eine erhebliche Strecke zurückgelegt worden sein musste. „Auf dem Rücksitz lagen Landkarten. Sonst ergaben sich keine Hinweise auf den Verbleib seines Besitzers“, berichtete unsere Zeitung damals. Die Ehefrau äußerte in der Zeitung die Befürchtung, ihr Mann sei nach Ägypten entführt worden. Das klang durchaus plausibel. Denn Krug war der Raketenforschung auch nach Kriegsende verbunden geblieben. Er war zeitweise in der Münchner Luftfahrtabteilung der Allianz und im Stuttgarter „Forschungsinstitut für Physik der Strahlenantriebe“ beschäftigt. Anders als sein Mentor von Braun liebäugelte er nie mit einem Wechsel in die USA, wohl aber pflegte er lukrative geschäftliche Kontakte mit Ägypten. Unter seinem Staatspräsidenten Nasser betrieb das Land damals emsig Raketenforschung – und Krugs Intra Handelsgesellschaft soll etliche Spezialbleche, Mess- und Prüfgeräte geliefert haben. So intensiv waren die Kontakte nach Ägypten, dass Krug nebenbei auch noch die Vertretung der Fluglinie „United Arab Airlines“ übernahm.

Krugs Körper soll mit Säure beseitigt worden sein

Doch die angebliche Spur nach Ägypten ließ sich nie erhärten. Und tatsächlich soll laut „Haaretz“ ja auch alles ganz anders gewesen sein. Demnach hat die Autofahrt für Krug noch am selben Tag ein tödliches Ende genommen. Die Autofahrt führte damals nicht Richtung Süden, sondern Richtung Norden. An einem Waldstück außerhalb der Stadt stoppte der Wagen – und dahinter ein zweiter mit drei Personen. Es seien Bodyguards, wurde Krug gesagt. Kaum war Krug ausgestiegen, wurde er von Otto Skorzeny ermordet. Angeblich durch Schüsse. Danach soll sein Körper mit Säure beseitigt worden sein – die sterblichen Überreste wurden danach in einem Loch verscharrt. Anschließend verstreuten die Männer noch Kalk, um zu verhindern, dass Suchhunde die Fährte aufnehmen konnten. Auch die Frage, warum Skorzeny mit dem Mossad kooperierte, klärt „Haaretz“: Skorzeny stand auf der Kriegsverbrecher-Liste des österreichischen Simon-Wiesenthal-Zentrums – vom Mossad bekam er die Zusicherung, dass er von der Liste gestrichen werden würde.

Die Enthüllungen von „Haaretz“ dürften in Israel einige Schockwellen auslösen. Dem Mossad wird viel zugetraut – aber eine derart enge Kooperation mit einem hochrangigen SS-Mann ist neu. Noch dazu soll der spätere Ministerpräsident von Israel, Yitzhak Shamir (1915-2012), hinter der Kommando-Aktion gestanden haben.

Dirk Walter

Dirk Walter

E-Mail:dirk.walter@merkur.de

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