Tierschützer sind empört

Schock-Bilanz: So viele Tierversuche in München wie noch nie

München - Im vergangenen Jahr sind in München erstmals mehr als 100.000 Tiere zu Versuchszwecken eingesetzt worden. Die Zahl der Tierversuche war damit so hoch wie nie zuvor. Tierschützer sind empört. 

25 Tage machte der Pavian einen gesunden Eindruck. Dann hörte das Tier auf zu fressen. Vier Tage darauf versagte die Leber des Primaten. Die Forscher entschieden, den Pavian, dem das Herz eines genmanipulierten Schweines implantiert worden war, zu töten. Das Experiment fand vor einigen Monaten an der Ludwig-Maximilians-Universität statt, nachzulesen im Fachmagazin „Annals of Transplantation“. So genannte Xenotransplantationen, bei denen Organe oder Körperteile zwischen unterschiedlichen Spezies verpflanzt werden, sind eines von vielen Forschungsgebieten, bei denen Versuchstiere eingesetzt werden. Die Hoffnung der Forscher ist, dass irgendwann auch kranken Menschen gezüchtete Organe verpflanzt werden können. Der Gen-Code von Schweinen und Affen stimmt mit dem menschlichen in großen Teilen überein. Sie sind deshalb ideale Versuchstiere.

Im Jahr 2015 wurden rund 244 000 Tiere im Zuständigkeitsbereich der Regierung von Oberbayern für Tierversuche eingesetzt, 100 422 davon in München. Die Zahlen sind zuletzt stark gestiegen, 2013 registrierte das Kreisverwaltungsreferat noch 76 376 Versuchstiere in der Stadt.

Bei etwa der Hälfte der Versuchstiere handelte es sich um Nager, hauptsächlich Mäuse, Ratten und Meerschweinchen. Auch Fische eignen sich für Tierversuche. Fast 25 000 wurden im Jahr 2015 im Zuständigkeitsbereich der Regierung von Oberbayern „verbraucht“, wie es in der Fachsprache heißt. Für Versuche mussten auch Katzen, Hunde oder Pferde herhalten (siehe Tabelle oben).

In München waren voriges Jahr 121 Einrichtungen registriert, die Tierversuche durchführen durften. Es handelt sich größtenteils um universitäre Einrichtungen, allerdings können auch private Unternehmen eine Erlaubnis für Tierversuche beantragen. Im Jahr 2015 führte das Städtische Veterinäramt insgesamt 50 Kontrollen in Ställen und Labors durch. Anlass zur Ahndung gravierender Verstöße gaben diese Überprüfungen nicht, lediglich kleine Verstöße rügten die Kontrolleure, etwa überbelegte Mäusekäfige.

Anders 2013 und 2014. In einem Fall monierten die Veterinäre in einer Forschungsreinrichtung mangelnde Hygiene und ein zu geringes Platzangebot bei der Tierhaltung. Im anderen Fall waren kranke und verletzte Tiere nicht ausreichend behandelt und versorgt worden.

Welche Münchner Unternehmen und Institute Tierversuche durchführen wird nicht gesagt

Welche Münchner Institute und Unternehmen Tierversuche durchführen dürfen, dazu macht das Kreisverwaltungsreferat keine Angaben – aus Datenschutzgründen. Auch die Frage, wie viele der mehr als 100 000 in München im Vorjahr eingesetzten Tiere sterben mussten, kann das KVR nicht beantworten. „ Wir haben keine Kenntnis davon, da hierüber keine Angaben beziehungsweise Meldungen rechtlich vorgeschrieben sind“, sagt KVR-Sprecher Johannes Mayer. Was mit den Tieren geschieht, bleibt folglich allein den Forschern überlassen.

Einer der schärfsten Kritiker dieser Praxis ist der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“, dem nach eigenen Angaben rund 1700 Ärzte und Tierärzte sowie Naturwissenschaftler angehören. Der Verein fordert ein generelles Verbot von Tierversuchen.

„Wenn Tiere und Menschen einander ähnlich sind, verbieten sich Tierversuche aus ethischen Gründen; wenn sie sich nicht ähnlich sind, machen sie wissenschaftlich keinen Sinn“, sagt Corina Gericke, zweite Vorsitzende des Vereins. „München ist eine Hochburg für Tierversuche und hat gerade drei neue Labore für 190 Steuermillionen gebaut“, ergänzt Vereinssprecherin Silke Strittmatter. Sie bezieht sich auf Baumaßnahmen am Klinikum rechts der Isar, dem Biomedizinischen Zentrum der LMU und dem Deutschen Herzzentrum München, wo in neue Labore und Ställe investiert wurde. Vor allem die LMU sei bei Tierversuchen „ganz vorne mit dabei“, sagt Strittmatter.

Der Verein sammelte im vergangenen Jahr 10 000 Unterschriften für die Kampagne „Tierversuchshochburg München – Stoppt Laborneubauten“ und wollte diese dem bayerischen Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) übergeben. „Wir hatten mehrfach um ein Gespräch mit Minister Spaenle gebeten, das wurde aber abgelehnt. Das Ministerium wollte nichtmal unsere Unterschriften entgegennehmen“, sagt Strittmatter.

Am kommenden Samstag, 27. August, veranstaltet der Verein deshalb von 10 bis 14 Uhr eine Protestaktion in der Fußgängerzone. Die Unterschriftenlisten werden dabei auf einer Leine aufgereiht in den Wind gehalten, bevor diese dem Ministerium postalisch zugestellt werden. Von 14.30 Uhr bis 6 Uhr morgens findet zudem eine Mahnwache vor dem neu gebauten Tierlabor am Klinikum rechts der Isar statt.

Ulrich Lobinger

Ulrich Lobinger

E-Mail:ulrich.lobinger@merkur.de

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