tz-Serie "Platzt München aus allen Nähten?"

Ein Besuch im Gehirn des Münchner Verkehrs

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Die Chefs Stefan Hoigt (v. l.), Michael Reisch und Joachim Stiegler in der Zentrale.

München - Es läuft rund um die Uhr auf Hochtouren: Das Gehirn des Münchner Verkehrs in Moosach. In der Verkehrsleitzentrale haben Stadt und Polizei auf 91 Monitoren die Straßen im Blick.

Stau im Luise-Kiesselbach- Tunnel, Ampelausfall am Stachus, ein kaputter Parkautomat in der Innenstadt– dem unscheinbaren Koloss entgeht nichts. Mit Hunderten Augen wacht er über das Geschehen an der Oberfläche und im Untergrund. 

Sind seine Arterien verstopft oder Organe beschädigt, muss sein Gehirn Höchstleistungen vollbringen. Und das sitzt in Moosach. Chaos oder Normalität – im technischen Betriebszentrum in der Schragenhofstraße werden die Fäden gezogen. Die tz erklärt unseren Verkehr:

91 Monitore flimmern auf einer 17 Meter langen Multimediawand. Autos brausen durch Tunnelröhren. Menschen überqueren Straßen, Lastwagen schleppen sich über den Mittleren Ring. „Chaotisch? Keine Spur! Momentan ist alles ruhig“, sagt Thomas Pfeiffer. 

Er leitet eines von drei Teams. Seine Aufgabe: das Gewusel überwachen und steuern. Die Tunnelüberwachung ist besonders anspruchsvoll. In den Röhren am Mittleren Ring verzeichnet die Stadt mit 100 000 Fahrzeugen pro Tag die höchste Verkehrsdichte. Bleibt ein Fahrzeug im Tunnel stehen, reagieren die empfindlichen Sensoren der Kameras und schicken Pfeiffers Team eine Fehlermeldung. 

Dann läuft alles nach geordnetem Schema: Per Knopfdruck werden die Anzeigen vor und in den Tunnelröhren geändert. Geschwindigkeit drosseln, Gefahrenwarnung, Fahrbahnverengung. 

Der Tunnel kann per Mausklick gesperrt und der Verkehr oberirdisch umgeleitet werden. Spannend wird’s im Berufsverkehr. „Unsere Hauptaufgabe ist es dann, den Verkehr schnellstmöglich entweder aus der Stadt raus oder eben hinein zu bekommen“, weiß Stefan Hoigt, der für die Netzsteuerung verantwortlich ist. 

Joachim Stiegler ist technischer Betriebsleiter. Er und seine Kollegen bilden das zweite Team in der Zentrale. Sie sind dafür zuständig, dass die Elemente funktionieren, die den Verkehr automatisch steuern. Heißt: 1200 Ampeln, 125 000 Lichtquellen, 4500 Parkautomaten und weit über eine Million Verkehrsschilder.

Brennt irgendwo in der Stadt eine Glühbirne aus – in der Verkehrszentrale geht prompt eine Fehlermeldung ein. Und auch die Polizei darf in der Kommandozentrale nicht fehlen. Rund um die Uhr haben mindestens zwei Beamte den Verkehr im Blick. „Wir konzentrieren uns auf Unfälle“, sagt Michael Reisch, 1.Polizeihauptkommissar. 

Meist werden noch vor dem Eintreffen des Notrufs die ersten Streifenfahrzeuge losgeschickt. Das Gehirn des Münchner Straßenverkehrs läuft also rund um die Uhr auf Hochtouren.

Und weil die Stadt kontinuierlich wächst, steht die Verkehrsleitzentrale vor immer neuen Herausforderungen. 

Grundvoraussetzung: Kurze Kommunikationswege und schnelle Zusammenarbeit. Doch es gab auch andere Zeiten. Lesen Sie weiter und erfahren Sie etwas über die Anfänge der Verkehrsüberwachung in München:

Die Zentrale im Wandel

Das Gehirn des Münchner Verkehrsnetzes: Die Zentrale in Moosach gilt als modernste Einrichtung dieser Art in Europa. Seit fast 60 Jahren überwachen Polizei und Stadt den Verkehr. 

Im Juli 1958 wurde die erste Verkehrsleitzentrale in Betrieb genommen.

Über die Jahre hat sich hier viel verändert: Im Juli 1958 wurde die erste Verkehrsleitzentrale in der Ettstraße in Betrieb genommen. Das Kernstück der Anlage war ein etwa zehn Quadratmeter großer Stadtplan, auf dem alle Lichtsignale wie Ampeln und Straßenleuchten mit Kontrolllampen markiert wurden.

Der Verkehr wurde immer mehr - deswegen gab es ab 1967 eine neue Zentrale.

Weil der Verkehr heftiger wurde, gab’s 1967 eine neue Zentrale. Erstmals wurde der Verkehr von einem Computer gesteuert. Detektoren an den Ampeln registrierten die Fahrzeuge, Ampeln konnten verschieden geschaltet werden. Das Verkehrsaufkommen stieg weiter, der Ausbau des Verkehrsnetzes aber kam an seine Grenze. Der Verkehr musste raus. 

Die Zentrale im Jahr 2003

Verkehrs- und Parkleitsysteme versuchten, möglichst viele Autofahrer an den Stadträndern dazu zu bewegen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Der technische Fortschritt ist unaufhaltsam. Bald sollen selbstfahrende Autos über Münchens Straßen rollen. Die Stadt und ihr Verkehrssystem müssen noch intelligenter werden – München wird zur „Smart City“.

Lesen Sie zum Thema Verkehr auch: Das Rennen durch den Feierabend-Verkehr! Wer gewinnt: Auto oder MVV?

Johannes Heininger

Johannes Heininger

E-Mail:Johannes.Heininger@tz.de

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