tz-Serie: Platzt München aus allen Nähten?

So verzweifelt suchen Münchner Eltern nach einem Krippenplatz

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Familie Wilhelm (Namen geändert) hat Sorge, dass sie nie einen bezahlbaren Krippenplatz für Sohn Paul bekommt.

München - München stößt auch beim Thema Bildung an seine Grenzen. Wir haben mit Eltern gesprochen, die verzweifelt einen Krippenplatz suchen. Und mit Schülern, die im Container unterrichtet werden.

Andreas Wilhelm (34) und seine Frau Anna (34) haben Angst. So viel Angst, dass sie ihre echten Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. Angst, dass sie nie einen bezahlbaren Krippenplatz für ihren Sohn Paul (2 Jahre, 7 Monate) in der Stadt finden werden. 

Diese Sorge teilen sie mit vielen Münchnern: Seit dem August 2013 haben Eltern zwar einen Rechtsanspruch auf einen öffentlich finanzierten Betreuungsplatz für ihre Kinder zwischen einem und drei Jahren. Doch das Bildungsreferat schafft es in vielen Fällen nicht, einen für die Eltern annehmbaren Platz zu vermitteln.

Die Wilhelms klagen jetzt gegen die Stadt (siehe unten). Und das, obwohl alles so vielversprechend anfing … Noch bevor sie nach einer Wohnung Ausschau halten, beschäftigen sich die Wilhelms mit einem Krippenplatz. 

Nach sieben Jahren München waren sie für eine Weile beruflich in Dresden, im Januar sind sie wieder in die Landeshauptstadt gezogen. Für die beiden war klar: Paul soll untertags in einer Krippe betreut werden. 

Andreas Wilhelm arbeitet Vollzeit als Projektmanager, Anna Teilzeit in 30 Stunden als Kauffrau. Über den Kita-Finder-Plus der Stadt suchen die Wilhelms nach einer Krippe in und um Oberföhring und bewerben sich.

„Wir haben zusätzlich E-Mails mit Fotos an Einrichtungen geschickt - doch keine Chance, nur Absagen.“ Sogar eine E-Mail an den OB Dieter Reiter (57, SPD) habe seine Frau in ihrer Verzweiflung geschrieben, so Wilhelm. Sie bekamen eine „nette Antwort“ vom Vorzimmer.

Wirklich geholfen habe aber auch die nicht. Von der Elternberatungsstelle der Stadt erhält die Familie schließlich drei Angebote: Das erste ist ein Kindergartenplatz in einer freigemeinnützigen Einrichtung, deren Preise ähnlich denen in städtischen Einrichtungen sind. „Den hätten wir gerne genommen - doch der Kindergartenleiter durfte Paul wegen seines Alters noch nicht aufnehmen.“ 

Die anderen beiden Vorschläge sind rein private Krippen. Doch die sind viel teurer als die städtischen oder etwa die nach der sogenannten „Münchner Förderformel“ bezuschussten Krippen. In seiner Not nimmt das Paar den dritten Vorschlag an. 

Und bezahlt jetzt 840 Euro im Monat. Einen Zuschuss vom Sozialreferat bekommen die Wilhelms nicht: Dafür verdienen sie zu viel. Andreas Wilhelm: „Dafür geht im Grunde das gesamte Gehalt meiner Frau drauf.“Zum Vergleich: In einer städtischen Einrichtung würde das Paar monatlich um die 370 Euro bezahlen.

Die Elternberatungsstelle versuche, den Eltern ein möglichst passendes Angebot zu machen. „Da sucht man halt alles - sowohl städtisch als auch nicht-städtisch“, so Ursula Oberhuber vom Bildungsreferat. „In letzter Konsequenz ist es eine Entscheidung der Eltern, ob sie das Angebot annehmen.“ 

Die Wilhelms dagegen fühlen sich von der Stadt alleine gelassen. Sie wollen die Differenz zurück, die sie monatlich mehr bezahlen. Und einen öffentlichen Krippenplatz. „Die Stadt ruht sich darauf aus, uns einen privaten Platz vermittelt zu haben. Aber darum ging es uns überhaupt nicht.“

Das sagen Stadt und ein Experte

Der Versorgungsgrad bei Krippenplätzen für Ein- bis Dreijährige in München liegt laut Bildungsreferat derzeit bei 64 Prozent. Er gibt an, für wie viel Prozent der Kinder in der Altersgruppe es theoretisch einen Platz gibt. Doch: In den Versorgungsgrad sind alle verfügbaren Plätze mit eingerechnet, auch die teuren privaten.

Der Versorgungsgrad in München sei relativ hoch, sagt Experte Thomas Meysen vom Deutschen Institut für Jugendhilfe und Familienrecht. Die Stadt habe in Sachen Krippenbetreuung aufgeholt. Doch: München steche trotzdem mit einem Platzproblem bundesweit heraus. 

„Die Inanspruchnahmequoten sind für eine Stadt in Westdeutschland weit überdurchschnittlich.“ Möglicher Grund ist etwa ein hoher Anteil an Berufstätigkeit beider Eltern. Kann die Stadt keinen Platz anbieten, hätten Eltern eine gute Chance, Mehrkosten für eine private Betreuung einzuklagen, so Meysen. Das sei bundesweit anerkannt. Nur eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts München stehe dagegen.

So können Anwälte helfen

Anwältin Magdalena Gediga von der Prof. Dr. Thieler-Rechtsanwaltsgesellschaft in Gräfelfing berät Familie Wilhelm. Jährlich erhalte die Rechtsanwaltsgesellschaft zahlreiche Anfragen von Eltern, die verzweifelt einen bezahlbaren Kitaplatz suchen, sagt sie. 

Sie hilft betroffenen Familien: Anwältin Magdalena Gediga.

Wenn Eltern einen privaten Platz annehmen, könnten sie die Mehrkosten unter Umständen von der Stadt einfordern. „Mit unserer Unterstützung ist es bereits in vielen Fällen deutschlandweit gelungen, den Eltern zu helfen.“In absehbarer Zeit stünden einfach zu wenige Kindertagesstättenplätze in Bezug auf die verstärkte Nachfrage zur Verfügung. 

Die Stadt hat zwar noch kein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht verloren. Doch in der Realität sieht es häufig so aus: Viele Klageverfahren werden vorzeitig beendet, weil das Bildungsreferat den Müttern und Vätern doch noch einen anderen, passenderen Platz anbieten kann …

Sie lernen jetzt im Container

Rot und orange sind die einzelnen Module, zusammen bilden sie drei Stockwerke: Seit September vergangenen Jahres steht er, der Container an der Helen-Keller-Realschule in Johanneskirchen. Schulpavillon nennt ihn Direktorin Ute Kauschka.

Sie ist froh, dass sie zusätzlichen Platz für sechs Klassen hat. „Für uns ist der Pavillon eine große räumliche Entspannung.“ Für etwa 300 Kinder ist die Realschule konzipiert - doch dieses Schuljahr besuchen sie 530 Mädchen und Buben.

Der Container an der Helen-Keller-Realschule.

Die Gründe: Im Umfeld werde viel gebaut, die Schule sei über die Grenzen des Einzugsbereichs hinaus sehr beliebt und immer mehr Kinder wechselten vom Gymnasium auf die Realschule, sagt die Direktorin. Das Problem: Jahrelang hatte die Stadt an den Schulen gespart, um den Haushalt auf Vordermann zu bringen. Doch gleichzeitig sind viele junge Familien zugezogen, in München werden immer mehr Kinder geboren und es gibt immer mehr Ganztagesklassen.

Und so sind laut Bildungsreferats-Sprecherin Christina Warta aktuell an 46 der insgesamt 345 Münchner Schulen Kinder in Pavillons untergebracht. Im vergangenen Jahr hat der Stadtrat beschlossen, dass im Schuljahr 2016/17 weitere 28 Pavillons errichtet werden sollen. An mehr als einem Fünftel aller Schulen werden dann Container stehen. Alleine die Kosten für die 28 weiteren Anlagen belaufen sich auf 164,5 Millionen Euro. 

Die Zehntklässler Melanie Wenger und Florian Springer finden es gemütlich im Pavillon.

Wer durch den orange gestrichenen Eingangsbereich im Container die Stufen in den ersten Stock hinaufgeht, steht nach wenigen Schritten vor dem Klassenzimmer von Melanie Wenger (16) und Florian Springer (17). „10a“ steht auf einem bunt bemalten Schild neben der Tür. Im Zimmer beschäftigen sich die Schüler gerade mit einem weniger bunten Thema: Sinus und Cosinus in Mathematik. 

„Ich habe zuerst gedacht: Oh Gott, Container! Aber jetzt bin ich froh, dass ich hier bin“, sagt Melanie Wenger. Leiser als im Hauptschulhaus sei es im Pavillon, außerdem die technische Ausstattung besser. Moderne Tafeln, sogenannte Whiteboards, hängen in jedem der sechs Klassenzimmer, es gibt einen Ruheraum mit Sitzsäcken und einen Besprechungsraum.

Rektorin Ute Kauschka im Pavillon.

Nur manches fehle noch, sagen die Schüler: Uhren an der Wand zum Beispiel. Das mit dem weggefallenen Fußballplatz sei „schon schade“, sagt Florian. „Aber zumindest haben wir jetzt einen kleinen Basketballplatz.“ Der wurde auf dem übrigen Teil des Sportplatzes errichtet, auf dem Rest steht jetzt der Container. Auch das Kollegium ist durch den Pavillon jetzt geteilt, erzählt Schulleiterin Kauschka. Denn auch im Container gibt es ein Lehrerzimmer. 

Außer diesem Kritikpunkt sei die neue Anlage bei den Kollegen gut angekommen. Eine langfristige Lösung ist sie trotzdem nicht: Schon dieses Jahr hatte die Direktorin eine Klasse mehr als letztes. Auch für das nächste Schuljahr erwartet sie wieder ein Plus von einer Klasse. „Dann wird es wieder eng.“ Wann Abhilfe geschaffen wird, ist noch nicht klar: Die Helen-Keller-Realschule soll zwar ein Erweiterungsgebäude bekommen. Wann das sein wird, steht allerdings laut Bildungsreferats-Sprecherin Warta noch nicht fest … 

Hier baut die Stadt

An mehr als einem Fünftel aller Schulen werden im nächsten Schuljahr Container stehen. Sie dienen häufig als Übergangslösung. Im Rahmen des Aktionsprogramms „Schul- und Kita-Bau 2020“ hat der Stadtrat 39 Baumaßnahmen an Schulen beschlossen. Kosten: 1,8 Milliarden Euro. Der Fokus liegt auf Grundschulen. Am Bauhausplatz (ehem. Funkkaserne) wird etwa eine neue Grundschule errichtet - oder die Grundschule am Pfanzeltplatz (Perlach) erweitert und umgebaut.

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