tz-Serie: "Platzt München aus allen Nähten?"

Sie wollen Arbeitsplätze der Zukunft schaffen

München - Unsere Stadt boomt - vor allem auch dank der vielen großen Firmen. Wir haben uns umgesehen: Werfen Sie einen Blick in die schöne neue Job-Welt.

München 2016: Die Stadt wächst, immer mehr Menschen konkurrieren um die wenigen bezahlbaren Wohnungen und der Verkehr steht an manchen Tagen kurz vorm Kollaps. Doch die blühende Wirtschaft zieht auch Unternehmen in die Stadt. 

1. Neue Deutschlandzentrale von Microsoft

So wie den Soft- und Hardware-Riesen Microsoft, der seine Deutschland-Zentrale Ende August von Unterschleißheim in das nördliche Schwabing verlegt. 

Dort, in dem so schön als „Parkstadt Schwabing“ bezeichneten Wirtschaftsquartier, sitzen bereits Unternehmen wie Amazon oder Fujitsu. 

Die neue Deutschlandzentrale soll Ende August eröffnet werden.

Der „Arbeitsplatz der Zukunft“ soll laut Microsoft hier entstehen. Wie viel das kostet? Das Geheimnis der Firma. Die tz hat sich über die Baustelle führen lassen: 

Das Atrium.

- Der große Eingangsbereich: Im Atrium werden ab dem Sommer die Mitarbeiter in das neue Gebäude kommen. Es soll auch ein Ort des Austausches mit Kunden entstehen. Im Erdgeschoss baut die Firma ein öffentliches Café, in dem Münchner Entspannen, aber auch neue Microsoft-Produkte kennenlernen können. 

Personalchef Markus Köhler freut sich auf den Umzug.

- Das Konzept: „Die Mitarbeiter sollen sich wohlfühlen“, sagt Personalchef Markus Köhler (46). Und so gibt es ein Fitnessstudio mit Sauna und einen Familienservice, der Kitaplätze vermittelt. Das Unternehmen gibt noch einen Zuschuss zur Betreuung dazu. Eins ist Köhler wichtig: „Arbeit und Freizeit verschwimmen in der modernen Arbeitswelt immer mehr. Wir wollen aber anders als andere IT-Firmen nicht, dass der Mitarbeiter nur noch in der Arbeit ist.“ Jeder arbeite anders - feste Arbeitsplätze und Arbeitszeiten wird es deswegen in der neuen Zentrale nicht geben. Eine Arbeitszeiterfassung hätten sie noch nie gehabt, so Köhler. Jeder könne jederzeit Home-Office machen. Deshalb sind auch nur Arbeitsplätze für 1100 der 1900 Mitarbeiter eingeplant. „Es ist die Herausforderung für uns als Arbeitgeber, dass der Mitarbeiter auch mal gerne ins Büro geht.“

Hier sollen Mitarbeiter konzentriert für sich arbeiten können.

- Vier Arbeitszonen sind für die neue Zentrale geplant, sie finden sich über alle Abteilungen. Dazwischen: Immer wieder Rückzugsräume. In einem Bereich sollen die Mitarbeiter konzentriert für sich arbeiten können. Dafür sitzen sie aber nicht an einem klassischen Schreibtisch… Die Einrichtung erinnert eher an eine Lounge: Mit Ledersesseln und Stühlen mit hohen Lehnen. Sie sollen den Einzelnen abschotten - und ihn zum Beispiel an seinem Laptop arbeiten lassen. Dafür ist Ruhe angesagt. Also pssst …Eine weitere Zone ist ein Mischbereich. Mitarbeiter können sich zurückziehen, aber auch Dinge zusammen erarbeiten. Am lebhaftesten geht es in der dritten Zone zu:Videokonferenzen und Workshops können hier abgehalten werden. Am meisten an ein klassisches Büro erinnert die vierte Zone: Hier gibt es Sie wollen Arbeitsplätze der Zukunft schaffen. Doch auch hier gilt: Am Abend müssen die Mitarbeiter den Arbeitsplatz wieder freiräumen! 

- So viel Flexibilität: Wird der Einzelne da nicht schnell überfordert? Komplett unselbstständige Menschen seien bei ihnen sicher falsch, so Köhler. Und für manchen neuen Mitarbeiter sei die Arbeitsweise erst einmal eine Umstellung. Das Motto des Konzerns: Eigenverantwortung. „Aber wir wollen auch nicht alles Persönliche wegnehmen.“ Wer wolle, könne sich untertags zum Beispiel durchaus ein Foto seiner Liebsten auf einen der Schreibtische stellen. „Er muss es dann nur über Nacht in ein Schließfach sperren.“

Die neue Chefin

Sabine Bendiek.

In der PC-Ära ging kein Weg an ihnen vorbei, doch den Trend zu Smartphones und Tablets verpassten sie: Bei Microsoft Deutschland soll es mit Sabine Bendiek (49) nun erstmals eine Frau richten. Vorher war sie Geschäftsführerin bei einem Speicherspezialisten. Die tz hat ihr vier Fragen gestellt:

Sabine Bendiek: In München schaffen wir den Arbeitsplatz der Zukunft, der unter den räumlichen Bedingungen des derzeitigen Standorts in Unterschleißheim nicht umsetzbar war. In der modernen Arbeitswelt sind vor allem die Flexibilität und Selbstbestimmung der Mitarbeiter wichtig. Klassische Schreibtischarbeit im Büro verliert an Bedeutung: Mitarbeiter können mit mobilen Geräten und Cloud-Services unabhängig von Zeit und Ort produktiv arbeiten. 

Bendiek: Wir ziehen nicht nur in die Stadt hinein, wir wollen auch Teil der Stadt sein. Deshalb wird das gesamte Atrium der Öffentlichkeit zugänglich sein. Im Herzen der Eingangshalle eröffnen wir die „Digital Eatery“: Ein Konzept aus Café und Showroom.

Bendiek: Tatsächlich bin ich seit Anfang des Jahres neu in der Stadt und da passt es natürlich hervorragend, dass Microsoft nun nach München zieht. Ich habe aber auch Familie in München und freue mich sehr darauf, die Stadt, den Englischen Garten und die Münchner in und außerhalb der Biergärten noch besser kennenzulernen. 

Bendiek: Schon jetzt schätze ich insbesondere, dass alle in offenen Bürowelten arbeiten - auch meine Kollegen und ich in der Geschäftsleitung. Die neue Arbeitsumgebung in Schwabing ist noch stärker darauf ausgerichtet, die Kommunikation zwischen Mitarbeitern teamübergreifend und über alle Ebenen hinweg zu fördern. Darauf freue ich mich und das möchte ich nicht missen.

2. "Coworkerei": Hier müssen Selbstständige nicht mehr alleine arbeiten

So sieht die "Coworkerei" von außen aus.

Auf dem Holzstisch liegt ein Päckchen Schafkopfkarten, daneben eine Dose Schnupftabak, von der Wand blickt ernst Herzog Max von Bayern. Zum einen Fenster lugt der Wendelstein herein, die verwitterten Fensterläden des anderen sind verschlossen. Dahinter erstreckt sich: ein Flachbildschirm. Tradition und Technik liegen nah beieinander im Besprechungszimmer „Alm“ der Coworkerei in Gmund am Tegernsee. „Coworking“ (engl. für: „zusammen arbeiten“) - glaubt man Anja Freitag, dann ist das die Arbeitsform der Zukunft. 

Menschen die sonst allein arbeiten - Freiberufler, Kreative, Gründer - mieten sich in einen Bürokomplex ein, um nicht länger allein zu sein. „Homeoffice funktioniert nicht“, sagt die Geschäftsführerin von Flowmotion, der Event-Agentur, welche die Coworkerei betreibt. „Zuhause lenkt einen immer etwas anderes ab.“ 

Anja Freitag und Florian Hornsteiner haben die Coworkerei am Tegernsee gegründet.

Wäsche waschen, Fenster putzen, Leergut zurückbringen … In dieser Welt gibt es diese Probleme nicht - zumindest nicht während der Arbeitszeit. „Wir stellen hier die perfekte Infrastruktur: W-Lan, Drucker, Besprechungsräume.“ 

Die Coworker haben ihr eigenes Postfach, wer Briefe verschicken muss, legt sie am Abend einfach auf den Tresen, Anja Freitag und ihre Kollegen kümmern sich darum. „Wir sind hier die Herbergseltern, eine Anlaufstelle, einer von uns ist immer da.“ 

Ein Arbeitsplatz in der Coworkerei - ein Rundum-Sorglos-Paket? „Wenn jemand im Urlaub ist, schicken wir ihm seine Post hinterher oder heben sein Telefon ab. Aber wir führen kein Update auf seinem Laptop durch“, erklärt Freitag. 

Im Grunde geht es laut Freitag zu wie in einem normalen Großraumbüro. „Nur dass jeder für sich selbst arbeitet.“ Büro- und Arbeitsgemeinschaften auf Zeit. Eine positive Atmosphäre soll erzeugt werden, die Coworker können untereinander „netzwerken“, sich gegenseitig helfen. Flexibilität ist ein anderes Schlagwort: Es gibt Tages-, Wochen-, Monats- oder 10er-Karten. „Wie im Fitnessstudio“, sagt Freitag. 

Dann die Kosten: „Unsere Angebote kommen günstiger als ein eigenes Büro“. Ein Tagesticket kostet 19 Euro, ein Monat geht los bei 249 Euro. In München gibt es derzeit eine Handvoll Angebote, in Berlin sind es deutlich mehr. 

Die Coworkerei hat sich bewusst gegen die Großstadt entschieden. „Wir wohnen hier in der Region - das pendeln wollen wir uns ersparen“, sagt Freitag. Den Gründergeist der Großstadt aufs Land holen - am Tegernsee läuft der Versuch. Die tz zeigt: Auch der modernste Arbeitsplatz kommt nicht ohne Nostalgie aus.

So können Jobs heute aussehen 

Florian (l.) und Christopher Flach.

Küche: Die Brüder Florian (37, Foto links) und Christopher (33) Flach führen eine PR-Agentur für Sport und Tourismus. „Wir arbeiten viel mit freien Mitarbeitern - da ist uns Flexibilität sehr wichtig“, sagt Florian. „Wenn wir ein großes Projekt an Land gezogen haben, brauchen wir mehr Leute - die holen wir dann hierher.“ Kunden einladen - kein Problem: „Die Coworkerei macht was her, ist repräsentativ. Und wir haben den Tegernsee vor der Haustür, Bräustüberl und Wallberg.“

Früher hatten die Flachs ein 120-Quadratmeter-Büro - „viel zu teuer“, sagt Florian. Er selbst ist 11 Jahre nach München gependelt, „das hat gereicht.“

„Alm“: Team-Besprechung von Flow-Motion. Tradition ist Trumpf - die Einrichtung habe man sich auf Flohmärkten und Dachböden zusammengesucht, sagt Chefin Anja Freitag (Foto r.). 

Die Kissen auf der Eckbank sind von Hand bestickt, die Holzschindeln an der Wand 200 Jahre alt. Motto: „Mal anders meeten“ - ein Wortspiel, to meet ist Englisch und heißt treffen und klingt wie das Deutsche mieten. Die Coworker können die Konferenzräume für eigene Zwecke nutzen, wenn sie zum Beispiel Kunden empfangen.

Das Miet-Büro: Unter all den Kreativen ist Karin Seidler die „Bodenständige“, die 53-Jährige ist Immobilienmaklerin: „Am Anfang habe ich mich schon gefragt: Passe ich hier überhaupt rein? Die Leute sind ja alle so jung …“ Seidler ist drei bis vier Mal in der Woche in der Coworkerei - und fühlt sich pudelwohl. „Ich habe lange von zuhause gearbeitet - aber nur hier komme ich in den Business-Flow.“ Sie meint damit: Es passiert etwas um sie herum, es wird konzentriert gearbeitet. „Und wenn ich ein Problem habe, frage ich die jungen Kollegen.“

Was würden Sie persönlich an Ihrem Arbeitsplatz nicht missen wollen?

Welchen Bezug haben Sie zu München? 

Wie werden Sie sich in die Stadt einfügen?

Warum haben Sie sich für München als neuen Standort der Deutschlandzentrale entschieden?

Rubriklistenbild: © Jantz

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