tz-Serie "Platzt München aus allen Nähten?"

So kämpfen Münchner mit der Wohnungsnot

+
Hannelore B. zieht von München nach Heilbronn: Ihre Rente reicht für ihre Miete in der Stadt nicht mehr.

München - Horrende Preise und zu wenig Sozialbau: Wir haben Münchner begleitet, die mit der Wohnungsnot kämpfen. Makler und Miet-Experten sind sich einig, dass die Lage "dramatisch" werden könnte.

Die tz begibt sich auf einen Streifzug durch die Stadt. In einer großen Serie nehmen wir Sie, liebe Leser, jeden Tag an die Hand. Unser Thema "Platzt München aus allen Nähten?" Heute steht ein brisantes Thema im Fokus: Die Wohnungsnot. Ein Problem mit vielen Gesichtern. Eine Rentnerin, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten kann. Eine Familie mit zwei Kindern, die seit drei Jahren auf 20 Quadratmetern wohnt. Migranten, die auf den überhitzen Wohnungsmarkt drängen. Kurz: ein Boom, der nicht einmal mehr die Immobilienmakler glücklich macht. 

Rente reicht für Miete nicht

Pfiad di, München… Hannelore B. (70) ist dann mal weg. Weg, weil sie mit ihrer Rente die Wohnung nicht mehr bezahlen kann. „Und das, obwohl ich im Vergleich noch relativ viel bekomme.“ 

Um die 1250 Euro hat B. pro Monat zur Verfügung. Doch die 74-Quadratmeter-Wohnung in Kleinhadern kostet 1085 Euro warm. „Da bleibt gar nichts zum Leben.“

Also hat sich B. entschlossen in die Nähe ihres Sohnes nach Heilbronn (Baden-Württemberg) zu ziehen. Und ihre Mietwohnung mit dem Gärtchen mit den vielen Blumen zu verlassen. 

30 Jahre lang hat Hannelore B.s Mann Otto dort gelebt. „Er war der erste Mieter.“ Vor zehn Jahren ist Hannelore B. zu ihm gezogen. Bis Mitte letzten Jahres verdiente B. als Selbstständige noch ein bisserl was zur Rente dazu. 

Auch Otto steuerte mit seiner Rente ein paar hundert Euro zur Miete bei. Schon damals war dem Ehepaar klar, dass sie die Wohnung langfristig nicht würden halten können. „Das hat meinem Mann unendlich leid getan.“ 

Nach Wohnungen auch im weiteren Umkreis der Stadt haben die beiden im Internet gesucht. „Ich habe eine Warmmiete bis 900 eingegeben - da kommt nicht viel.“

B.s Sohn entschloss sich schließlich, eine Wohnung in Heilbronn zu kaufen und seiner Mutter günstig zu vermieten. Im Herbst steht der Umzug an. 

Hannelore B. muss ihn alleine antreten: Ihr Otto ist im Dezember im Alter von 72 Jahren an Krebs gestorben. Bis sie sich gen Baden-Württemberg aufmacht, will B. München noch genießen. Den Botanischen Garten, den Englischen Garten und die Seen mag sie sehr gerne. 

Die Wohnungssituation in München sieht B. als Dilemma: Ihre Wohnung sei für die hiesigen Preise noch vergleichsweise günstig. Ihrem Vermieter macht sie keinen Vorwurf. Aber sie sei einfach zu teuer für Rentner.

Die Ex-Verwaltungsangestellte geht nicht mit Wut im Bauch. Enttäuscht ist sie aber doch: „Die Schere in der Stadt geht immer weiter auseinander zwischen bezahlbarem Wohnraum und der Rente.“

Sie sei sicher nicht die letzte Seniorin, die die Stadt verlassen müsse, ist B. sich sicher. München sei für Rentner ein sehr  schwieriges Pflaster. „Viele bekommen viel weniger Rente als ich - wie sollen die hier noch leben können?“

Mietkurse für Migranten: "So habt ihr eine Chance"

Sie haben oft Tausende Kilometer Flucht hinter sich, jetzt aber will der nette Mann mit den langen Haaren erst einmal eine Übung zur Mülltrennung machen. Einige Männer schütteln den Kopf, die Frauen grinsen. Kurze Diskussion auf Arabisch.

Dann meldet sich eine Frau mit Kopftuch: „Nein danke, wir wissen wie das funktioniert.“ Christian Schreiber (55) ist Sozialpädagoge bei ALVENI, der Caritas-Flüchtlingshilfe.

Christian Schreiber (Mitte) hilft Migranten bei der Wohnungssuche.

Schreiber unterstützt bei der Wohnungssuche, gibt Mietkurse. Meist kommen Menschen zu ihm, deren Asylantrag bewilligt ist und die jetzt aus ihrer Unterkunft ausziehen wollen. „Diese Menschen tun sich schwer auf dem deutschen Wohnungsmarkt“, sagt Schreiber. 

Viele Regeln, wenig Platz. „Dort wo es Wohnraum für Flüchtlinge gibt, gibt’s keine Arbeitsplätze“, sagt Schreiber. Und umgekehrt. Damit sie überhaupt eine Chance haben, konfrontiert sie Schreiber mit deutscher Bürokratie und Etikette. 

Das klingt manchmal lustig, etwa wenn 20 Männer auf Arabisch über „Schufa-Auskunft“ oder „Maklerkosten“ streiten. Aber sie profitieren davon. „Nichts unterschreiben, was Sie nicht verstehen!“, rät Schreiber. Wenn es sein muss, geht er Wort für Wort mit ihnen durch. 

Die tz hat mit zwei Migranten gesprochen: 

Er hat fünf Jahre lang eine Wohnung gesucht

Nazar Blasiny (30) lebt seit Februar 2010 in Deutschland, wirklich angekommen ist er erst vor ein paar Wochen. Jetzt wohnt der Syrer mit seiner Frau und den drei Kindern in einer eigenen Wohnung im Münchner Westen. 

Nazar Blasiny.

Eine Wohnung, die ihnen Christian Schreiber besorgt hat. Fünf lange Jahre auf Wohnungssuche! Blasiny sagt, er habe 20 Wohnungen besichtigt. 20 Mal wollte er einziehen, 20 Mal hieß es: Sorry, keine Aufenthaltserlaubnis, keine Wohnung. 

Ein Teufelskreis. Hinterher hat Blasiny immer seinen Vater im Irak angerufen: „Papa, ich komme zurück.“ Der sagte: „Nein. Hier ist überall der Tod.“ 

Also bleibt der gelernte Koch, hilft acht Stunden pro Tag in einer Küche, putzt danach noch zwei Stunden - und spart das Geld. 

Als er Asyl bekommt, holt er seine Familie nach und tingelt mit ihr von Unterkunft zu Unterkunft. „Alles besser als Irak, besser als tot“, sagt Blasiny. Im September erhält die Familie eine Aufenthaltserlaubnis. 

Blasiny wendet sich an die Caritas, die hilft ihm bei der Wohnungssuche und arrangiert einen neuen Besichtigungstermin.

Der Krieg machte ihn zum Münchner

Hikmat Ido.

2014 übernahm der „Islamische Staat“ seine Heimatstadt Mossul, seitdem fühlt sich Hikmat Ido (33) als Münchner. Seit vier Jahren lebt der Iraker mit seiner Frau und den drei Kindern in einer Gemeinschaftsunterkunft im Osten der Stadt. Er will weg: „Die Männer rauchen, das ist schlecht für meine fünfjährige Tochter, sie hat Asthma.“ 

Und er muss weg: seine Familie und er haben eine Aufenthaltserlaubnis, bis zum 30. April müssen sie raus aus der Unterkunft. „Ich brauche keinen Garten, ich brauche keinen Balkon. Ich brauche eine Wohnung“, sagt Ido. Seine Frau bekommt in wenigen Tagen ihr viertes Kind. Jetzt hilft ihm Christian Schreiber.

Sie leben zu viert in einer Ein-Zimmer-Notunterkunft 

Daheim ist’s am schönsten! Das kann Familie Pawlaczyk aus Polen nicht gerade behaupten: wohnen, essen, schlafen - alles findet auf engstem Raum statt. Genauer gesagt auf 20 Quadratmetern.

 Alle vier schlafen zusammen in einem Zimmer. „Jede Nacht wachen meine Kinder und ich auf, wenn mein Mann spät von der Arbeit kommt. Wir können nicht mehr richtig schlafen“, klagt Mutter Anna Pawlaczyk (32).

Die Familie lebt in einer Notunterkunft in Solln, die ihr vom Wohnungsamt bereitgestellt wurde. Jetzt warten sie mit Dringlichkeitsstufe 1 auf eine Sozialwohnung. Doch das Problem: Laut Sozialreferat gab es im vergangenen Jahr über 12 500 berechtigte Anträge auf eine Sozialwohnung. Davon befinden sich über 8000 in der Dringlichkeitsstufe 1. Doch dem gegenüber stehen nur rund 3500 Sozialwohnungen, die jährlich vergeben werden können. 

Familie Pawlaczyk hofft auf eine Sozialwohnung.

Es sieht also nicht gut aus für die Pawlaczyks: Aktuell sind schon rund 5500 Menschen in unserer Stadt wohnungslos, leben in Notunterkünften. Die Quartiere sind oft spärlich eingerichtet, doch die Stadt muss viel Geld für sie bezahlen. Und das Problem verschlimmert sich: Viele anerkannte Flüchtlinge haben jetzt auch einen Anspruch auf eine Sozialwohnung … 

So könnten es bis zu Jahresende rund 10 000 Wohnungslose in München werden. Eigentlich sind Anna Pawlaczyk und ihr Mann Daniel (39) vor sechs Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen, um einen Arbeitsplatz zu finden und sich hier ein besseres Leben aufzubauen. 

Doch dann der Schicksalsschlag: Nach einem Bandscheibenvorfall musste Anna ihren Job als Pflegehelferin aufgeben. Die Folge: Daniel ist ab sofort Alleinverdiener und muss die Familie mit seiner Arbeit als Küchenhelfer alleine über Wasser halten. 

Bei einem Kontrollbesuch stößt das Jugendamt auf die soziale Notsituation der Familie und verspricht zu helfen: „Eine eigene Wohnung in einem Zeitraum von acht Monaten“ - das sei ihnen zugesichert worden.

Seit mittlerweile drei Jahren lebt die Familie mit den Kindern Aleksander (8) und Victoria (2) in dem winzigen Einzimmer-Notapartment. 

„Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben“, erzählt Anna. Jede Woche seien sie beim Wohnungsamt. „Aber eine Sozialwohnung in München zu bekommen, ist wie ein Lottospiel. Es gibt einfach viel zu wenige.“ (Giuliana Barrios)

Das sagt der Makler

Die Miet- und Kaufpreise in München und Umland wachsen seit Jahren in den Himmel … Doch was viele überrascht: Auch viele Makler sind mit der Lage nicht glücklich, sagt Christoph Müller-Brandt (44).

Seit 25 Jahren arbeitet er in der Region, vermittelt aktuell etwa Wohn- und Geschäftshäuser sowie Gewerbeobjekte für die Firma „von Poll Immobilien“.

Makler Christoph Müller-Brandt.

Hohe Preise bedeuteten nicht automatisch ein super Geschäft für die Immobilienvermittler, so Müller-Brandt. Das Problem: Es seien einfach zu wenige Objekte auf dem Markt. „Früher habe ich mich als Makler bei Kaufinteressenten immer wieder in Erinnerung gebracht. Jetzt rufen mich potenzielle Käufer an und sagen: ‚Wenn Sie passende Angebote haben, denken Sie bitte an mich!‘“

Das Problem: Dadurch, dass die Preise so schnell ansteigen, verkaufe kaum jemand seine Immobilie. Denn: Eigentümer spekulieren auf immer größere Wertsteigerungen. Wenn verkauft werde, dann unter anderem aus Sachzwängen wie zum Beispiel im Falle einer Scheidung oder auf Grund einer Erbschaft, so Müller-Brandt. 

Er befürchtet, dass Otto-Normalverbraucher es in der Region immer schwerer haben werden, eine Immobilie zu kaufen: „Ohne einen sehr guten Job oder ein Erbe werden sich immer weniger Durchschnittsverdiener zukünftig ein Eigenheim leisten können.“ 

Anzeichen, dass sich die Lage bessert, seien nicht erkennbar. Das einzig Positive: Auch wenn einige Experten besorgt sind - die Gefahr einer Preisblase sieht Müller-Brandt momentan nicht. 

Wie erkennen Kunden ein seriöses Maklerbüro? Tipps vom Experten:

- Ein gutes Maklerbüro sollte auch räumlich gesehen ein Büro sein, sagt Müller-Brandt. „Kunden sollten auch hingehen und sich vor Ort beraten lassen können.“

- Ein Anhaltspunkt kann auch eine Mitgliedschaft in einem Maklerverband oder einem Netzwerk ein. „Die Verbände haben Zugangskriterien, dadurch wird schon mal ausgewählt.“ 

- Gute Makler sollten Qualifizierungen vorweisen können, zum Beispiel die Zertifizierung zum Immobilienmakler IHK, so Müller-Brandt. Kunden sollten sich nicht scheuen, den Makler nach dessen Ausbildung zu fragen. 

- Kann der Makler Referenzen vorweisen? „Fragen Sie nach weiteren Kunden. Mit denen können Sie sich darüber unterhalten, wie zufrieden sie mit dem Makler waren."

Studie: 158 000 Wohnungen fehlen

Horrende Mieten und Hunderte Bewerber: Schon jetzt ist der Wohnungsmarkt in München mehr als angespannt. Doch die Situation wird sich laut einer am Dienstag veröffentlichten Studie der Allianz-Versicherung und der Prognos-Forschungsgesellschaft zukünftig noch verschlimmern… 

Die Studie untersucht, wie sich das Wohnen in Deutschland in den nächsten 30 Jahren entwickelt. In der gesamten Region München - zu der auch etwa die Landkreise Dachau, Starnberg oder Erding gezählt werden - werden im Jahr 2045 demnach 3 508 000 Menschen leben. Das sind 740 000 mehr als etwa noch 2013. 

München und das Bayerische Oberland sind die Regionen, für die ein Plus von 35 Prozent bei den Haushalten prognostiziert werden. Damit sind sie Spitzenreiter in ganz Deutschland. 

Das Problem: Die Anzahl der Wohnungen wächst langsamer als die der Haushalte. Im Jahr 2013 kamen auf 1000 Haushalte in München 991 Wohnungen. 2045 werden es nur noch 950 sein.

Von einem ausgeglichenen Wohnungsmarkt kann aber erst gesprochen werden, wenn 1030 Wohnungen auf 1000 Haushalte kommen, weil eine gewisse Anzahl von Wohnungen etwa wegen Umzügen auch immer leer steht.

Das Fazit der Forscher: Falls die Bautätigkeit in der Region nicht deutlich ausgebaut werde, verschärfe sich die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt „dramatisch“. Geht man von einer baulichen Tätigkeit im Bereich der vergangenen Jahre aus, werden im Jahr 2030 in der Region um die 158 000 Wohnungen fehlen. 

Ähnlich wie in München sieht es in zehn weiteren Städten und Regionen wie etwa Köln in Stuttgart aus. Dagegen müssen strukturschwache Regionen wie Südsachsen sogar damit rechnen, dass ihre Bevölkerung sinkt.

Die Probleme auf dem Wohnungsmarkt sind laut der Experten in großen Teilen auf die Binnenwanderung, also Umzüge innerhalb von Deutschland, zurückzuführen. Die Zuwanderung aus dem Ausland habe eine geringere Auswirkung, verstärke die Wohnungsnot in den Zentren aber zusätzlich. 

Die Wissenschaftler sehen für Städte wie München nur eine Lösung: die Zusammenarbeit mit dem Umland. „Eine große Chance liegt in einer stärkeren Kooperation der Regionen“, so Peter Haueisen von der Allianz. „Die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft müssen zum Beispiel Infrastrukturprojekte diskutieren - wie etwa den Ausbau der S-Bahn-Netze."

Ramona Weise

Ramona Weise

E-Mail:ramona.weise@tz.de

Google+

Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare