Trambahnfahrerin und Jungunternehmer im Vergleich

So unterschiedlich leben die Menschen in unserer Stadt

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Trambahnfahrerin Petra Liebhart und Jungunternehmer Andreas Bruckschlögl treffen sich am Viktualienmarkt.

München - Wir haben uns zwei Münchner Leben genauer angeschaut. Das eines Firmengründers und das einer Trambahnfahrerin. Wie unterscheidet sich ihr Alltag - und was verbindet die beiden?

München - die Stadt ist Wachstumswunder und Menschenmagnet. So verschieden die Münchner sind, so verschieden sind auch ihre Lebenswelten.

In diesem Teil unser großen München- Serie haben wir zwei Menschen zusammengebracht, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Petra Liebhart (52) lebt seit mehr als 30 Jahren in München, übt als Tram-Fahrerin einen Ur-Münchner Beruf aus und radelt gerne durch die Stadt. Andreas Bruckschlögl (26) ist in einer anderen Welt zuhause: Der Jungunternehmer führt ein erfolgreiches IT-Startup, sein Arbeitsalltag ist gespickt mit „Keynotes“, „Leads“ und „Feel-Good-Managern“ - an manchen Tagen sitzt er 17 Stunden im Büro.  Wir haben beide einen Tag lang begleitet. Wie unterscheidet sich ihr Alltag - und was verbindet die beiden Wahl-Münchner?

Petra (52), die Trambahnfahrerin 

Sie hat eigentlich mal Friseurin gelernt, dann aber auf Trambahnfahrerin umgesattelt. Mittlerweile ist Petra Liebhart (52) seit neun Jahren als starke Frau auf Münchens Schienen unterwegs. Und kümmert sich außerdem auf Lehrfahrten um den männlichen - und natürlich auch weiblichen - Nachwuchs der MVG. Wir haben die Trambahnfahrerin einen Tag lang bei ihrem typisch münchnerischen Job begleitet: 

6.15 Uhr: Rrrrinngggrringgg. Aufstehen! „Ich bin niemand, der noch dreimal auf die Schlummerfunktion beim Wecker drückt“, sagt Petra. Sie braucht wenig Schlaf. Kurz duschen und stylen. Petra schlüpft in ihre Arbeitskluft. Seit 1982 lebt sie in München, ursprünglich kommt sie aus Ostwestfalen. In der Früh läuft bei der 52-Jährigen alles automatisch ab. Kein Wunder: Je nach Schicht muss Petra teils schon um drei Uhr in der Früh aus dem Bett oder bis spät abends arbeiten. Jessas! Da sind Flexibilität und ein guter Schlaf gefragt … 

7.10 Uhr: Jetzt muss ein Kaffee her. Groß Frühstücken ist nichts für Petra. Auch beim Fahren muss sie organisiert sein. „Mal kurz zwischendrin auf die Toilette gehen ist schwierig“, sagt sie und lacht. Sobald sie in der Tram sitzt, läuft ein klares Zeitschema ab. Heute etwa: 8.39 Tram am Sendlinger Tor übernehmen, 17.42 Uhr: Feierabend! „Wir leben in Zahlen - am Anfang habe ich von ihnen geträumt.“ Jetzt muss sich Petra von ihrer Wohnung in der Dachauer Straße auf zum Sendlinger Tor machen. Per Tram, klar … 

8.39 Uhr: Petra übernimmt eine Linie am Sendlinger Tor. Am Trambahnfahren liebt sie, dass sie mittendrin ist in der Stadt. „Wenn ich im Frühling die Blumen sehe und im Sommer die braunen Beine der Mädels - dann ist das für mich München pur.“ Eine Lieblingslinie hat sie nicht. Nur die 23er fährt sie nicht so gern: „Die ist so kurz.“ Mehr Fahrgäste als früher seien heute in den Bahnen. Stress? Keine Spur! Nur eins regt sie auf: Wenn Münchner ihre Kinder über eine rote Ampel ziehen, um eine Tram zu bekommen. „Das ist gefährlich. Da schimpfe ich schon mal ein bisserl aus dem Fernster raus.“

12.02 Uhr: Petra steuert ihre Tram auf den Scheidplatz zu, jetzt hat sie Pause. Um 13.22 Uhr übernimmt sie eine Linie am Hauptbahnhof. Worauf die Fahrer immer achten? Dass genug Sand in einem Behälter in der Tram ist. „Den lassen wir ab, wenn es rutschig ist. Damit genügend Reibung auf den Schienen ist.“

17.42 Uhr: Feierabend für heute. Petra fährt nach Hause, sich umziehen. Dann macht sie - je nach Schicht - gern Sport. Drei Kinder und drei Enkelkinder hat die Trambahnfahrerin. Einer ihrer Söhne samt Enkeltochter haben sie auf den Geschmack des Longboard-Fahrens gebracht.

Aber auch Radeln ist eine Leidenschaft der Familie. Petra hat gleich vier Fahrräder, an denen sie auch selbst herumbastelt. „Im Sommer fahre ich gerne zum Fasaneriesee.“

20.30 Uhr: Mit Freunden ein Bier trinken, ins Kino gehen oder lesen: So verbringt Petra gern ihre Abende. Wenn sie es sich auf der Couch gemütlich macht, ist Kater Merlin nicht weit. Bei der Lektüre ist Petra eins wichtig: Es muss spannend sein - „und mindestens drei Tote geben“.

Andi (26), der Jungunternehmer 

Als die anderen Jungs in seinem Alter Zeitungen austrugen oder Schnee schippten, hatte der zwölfjährige Andi Bruckschlögl seine erste Geschäftsidee. 

Er verkaufte Taschen und Rucksäcke aus dem Lederwarengeschäft seiner Mutter über Ebay. Das lief so gut, dass er ein Jahr später seinen eigenen Onlineshop gründete. 

Mit 21 war er Chef von zehn Mitarbeitern, 2013 gründete er mit seinen Partnern die Software-Firma OnPage.org und ein Jahr später die Gründerkonferenz Bits & Pretzels. Bruckschlögl bereist beruflich die ganze Welt - „dahoam“ ist er in München. 

6.00 Uhr: Der Wecker klingelt. „Dann döse ich noch kurz“, sagt Andi und schmunzelt. Irgendwann greift er nach seinem iPhone und guckt, was auf Facebook los war, während er geschlafen hat. Andi schlüpft in seine Laufsachen und joggt in Richtung Englischer Garten. Mit dabei: sein iPhone - damit spielt er Musik ab und zeichnet manchmal seine Laufleistung auf. Für die sieben Kilometer braucht er knapp 30 Minuten, manchmal nur 25. Andi war früher Leistungssportler, wurde Zweiter bei der „Bayerischen“ im Triathlon. 

6.45 Uhr: Nach dem Laufen kurz in die Dusche. Andi setzt sich an den Frühstückstisch und checkt mithilfe eines Web-Tools, wo und wie oft „OnPage.org“ und „Bits & Pretzels“ in den vergangenen 24 Stunden im Netz erwähnt wurden. Das macht hungrig. „Wenn ich genug Zeit habe, mache ich mir eine Acai-Bowl“, sagt Andi - ein veganes Powerfrühstück aus Brasilien. „Meistens wird’s aber nur ein Apfel oder eine Banane.“ Im Moment hat Andi viel um die Ohren. Neben seiner Arbeit für OnPage.org organisiert er „das größte Gründerfrühstück der Welt“, das Event Bits & Pretzels. 2015 kamen deswegen rund 3500 Gründer aus über 50 Nationen nach München. Um 7.30 Uhr schnappt Andi seine Laptoptasche und fährt aus der Maxvorstadt mit den Öffentlichen zum „OnPage-Campus“ in die Paul-Heyse-Straße.

8.00 Uhr: Der Arbeitstag beginnt. Andi und die rund 40 Mitarbeiter von OnPage.org belegen dort zwei Stockwerke. Andi ist als COO (Chief Operating Officer) für das Tagesgeschäft verantwortlich. Das Schönste an seinem Job? „Meine Arbeit ist wahnsinnig abwechslungsreich“, sagt Andi. Ein Meeting jagt das nächste. Elisabeth Tafelmeyer, die „HR & Feel-Good Managerin“ bei OnPage.org zum Beispiel informiert ihn über den aktuellen Stand bei den ausgeschriebenen Stellen. Bewerber müssen durch einen fünfstufigen Bewerbungsprozess. „Uns ist wichtig, dass wir nur Leute aufnehmen, die zu 100 Prozent zu uns passen.“

14.00 Uhr: Mit reden allein kommt Andi aber nicht weit - es muss auch jede Menge Papierkram erledigt werden … An seinem Schreibtisch stapeln sich jeden Morgen Rechnungen und Verträge, die unterschrieben werden müssen. Zeitgleich trudelt eine E-Mail nach der anderen ins Postfach - digitaler Papierkram. Dazwischen müssen Monatspräsentationen vorgestellt, Nutzerzahlen analysiert und Strategien erarbeitet werden. Andi: „In der Münchner Startup-Szene tut sich gerade unglaublich viel, da müssen wir am Ball bleiben.“ 

23.30 Uhr: Ein langer Tag geht zu Ende. Um 23 Uhr verschickt Andi die letzte Mail, dann macht er Feierabend.. Die U-Bahn fährt nur noch alle zehn Minuten, auf dem Nachhauseweg informiert sich Andi auf diversen Startup- und Technikportalen über Szene-Neuigkeiten. Dann reicht es aber auch, oder? „Zuhause lege ich mich entspannt auf die Couch und schaue mir eine spannende Dokumentation auf Netflix an“, sagt Andi. „Aber meistens schlafe ich dann nach ein paar Minuten ein.

Das Treffen der beiden

Ratschen im Biergarten am Viktualienmarkt: Auf einen Kaffee und einen Spezi haben sich unsere zwei Münchner Gesichter, Petra Liebhart und Andi Bruckschlögl, getroffen. Ihr gemeinsames Fazit: In München ist Platz für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe, die Trambahnfahrerin und den Startup-Gründer. Eins verbindet beide: die Liebe zu ihrer Stadt.

Ramona Weise

Ramona Weise

E-Mail:ramona.weise@tz.de

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Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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