tz-Serie: "Platzt München aus allen Nähten"

Luxus und Armut: So extrem sind die Gegensätze in München

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Warteschlange bei der Münchner Tafel.

München – Der Boom in unserer Stadt bringt nicht nur Gewinner hervor. Die große tz-Serie über die krassen Gegensätze in der Stadt zwischen Kaviar und Tafel.

München – die Stadt der extremen Gegensätze! So mancher gönnt sich für sein Geld auch mal persönlichen Luxus: Champagner für knapp 300 Euro, Kaviar für 2000 Euro oder Brustvergrößerungen für 7000 Euro. Über Geld spricht man bekanntlich nicht – für unsere Serie haben wir es trotzdem getan. 

Lesen Sie aber auch die dunkle Seite des Erfolgs: Die tz-Reporter haben einen Tag lang Essen an Bedürftige verteilt, Senioren besucht und mit einer Schuldnerberaterin gesprochen.

Schon Baby Schimmerlos stand auf seinen Schampus zum Frühstück. Die Bar "Schampunade" am Viktualienmarkt widmet sich seit ihrer Eröffnung im Juli vollends dem Champagner.

Ralph Lehner arbeitet in der Schampunade am Viktualienmarkt.

Die teuerste Flasche in der Bar kostet 270 Euro (Dom Pérignon). „Davon habe ich aber noch keine verkauft“, sagt der Chef vor Ort, Ralph Lehner (43). Beliebter bei den Kunden ist der Lionel Derens Brut Reserve (Flasche 65 Euro), den Lehner als einzigen Champagner auch für 9,50 Euro glasweise ausschenkt.

Seine Bar werde von den Münchnern gut angenommen, so Lehner. Touristen kämen nur wenige. Das teure Produkte bestimme die Kundschaft natürlich schon zu einem Teil, so der Champagner-Liebhaber. „Aber es gibt auch Bier und 40 Gin-Sorten.“ Das Glas ab 7,50 Euro.

Na dann, Stößchen!

„Schönheit in besten Händen“ steht auf dem Schild vor der "Medical One"-Klinik in Grünwald. Seit fast 15 Jahren betreibt die Klinikgruppe die Praxis zwischen den prächtigen Villen im Münchner Vorort. 

Eine Brustvergrößerung kostet hier zwischen 6000 und 7000 Euro. Wer sich die Zornesfalte wegspritzen lassen möchte, ist um die 250 Euro los. 

Natürlich werden hier immer wieder auch einige prominente Klienten behandelt, sagt die Ärztliche Leiterin der Klinik, Dr. Sylvia Angerer (44). „Der Großteil der Patienten sind aber ganz normale Menschen wie du und ich.“ 

Die Ärztliche Leiterin der Klinik, Dr. Sylvia Angerer.

Die Klinik sei nicht nur eine Einrichtung für Reiche, viele Patienten sparten lange auf eine OP. „Aber klar ist es teurer, als zum Frisör zu gehen.“

München ist nicht nur eine Stadt der großen Gegensätze – sondern auch eine der Städte mit der höchsten Dichte an Schönheitschirurgen in Deutschland. Rund 100 Kollegen von Angerer praktizieren laut Landesärztekammer als plastische Chirurgen in der Region.

Die meisten ihrer Patienten litten unter einem Makel, berichtet Sylvia Angerer. „Eine junge Frau, die zu uns gekommen ist, hatte etwa so gut wie keine Brust.“

Das seelische Leiden bei diesen Menschen sei sehr hoch. Das Schöne an ihrem Beruf sei, diesen Patienten helfen zu können. Andere wiederum wollten jugendlicher aussehen. Angerer erinnert sich an eine 78-Jährige, die ein Facelifting machen ließ. „Das war eine ganz aktive Dame. Sie meinte, das Spiegelbild passe einfach nicht mehr zum Inneren.“

 Auch wenn die Frauen immer noch die Überzahl bilden: Rund 20 Prozent der Patienten sind Männer. Die häufigsten Behandlungen: Botoxen, Fettabsaugen oder Augenlider straffen.

Wenn Lela Kalandia (33) eine Dose aus der Kühlung nimmt, blättern Kunden schon mal 2000 Euro auf die Theke. So viel kosten 500 Gramm des teuersten Iranian-Beluga-Kaviars im "Grand Caviar"-Shop. 

Ende Dezember hat das Geschäft gleich im Eingangsbereich des Hotels "Vier Jahreszeiten Kempinski" in der Maximilianstraße eröffnet. Und sich seitdem eine Stammkundschaft aufgebaut, sagt Kalandia. 

Es ist nicht der erste Laden in der Stadt. Auch in der Blumenstraße ist der Kaviar-Spezialist vertreten, lange gab es auch einen Laden am Odeonsplatz.

In Sachen Kaviar ein Profi: Verkäuferin Lela Kalandia.

Das Besondere am teuren Iranian Beluga-Kaviar: Er hat ein großes, relativ festes Korn und ist hell- bis dunkelgrau gefärbt. Das wollen sich auch viele Kunden aus Asien oder den arabischen Staaten nicht entgehen lassen – und nehmen den frischen Kaviar mit nach Hause. 

Drei bis vier Monate hält er, so die Verkäuferin. Wer nicht gleich 2000 Euro bezahlen möchte, kann auch zu einer kleinen 10-Gramm-Dose greifen. Die kostet beim Iranian Beluga 60 Euro, beim günstigsten Sterlet-Kaviar 20 Euro.

Dem ein oder anderen Münchner ist das trotzdem zu viel. „Klar ist das ein Luxusgut, das wir hier verkaufen“, sagt Kalandia. „Trotzdem kann jeder, der sich dafür interessiert, gern bei uns reinschauen.“

Reichste Region Deutschlands, horrende Mieten – aber auch krasse Armut: Die Extreme in München klaffen immer weiter auseinander. Seit 22 Jahren kümmert sich die Münchner Tafel um die Ärmsten der Stadt. 

Rund 18 000 Bedürftige versorgt sie jede Woche. Die tz hat einen Tag bei einer der Ausgabestellen am Großmarkt mitgeholfen.

  12 Uhr: Ein Grüppchen in blauen Schürzen hinter dem Großmarkttor – hier muss ich richtig sein! „Hallo, wir sagen hier Du: Ich bin die Kiki“, begrüßt mich eine meiner Mitstreiterinnen gleich nett.

  12.15 Uhr: Mitstreiterin ist gut… Kiki alias Kirsten muss mir ab jetzt jeden Schritt geduldig erklären. Aber zuerst bekomme ich auch eine blaue Schürze mit Tafelaufdruck. Passt! 

  12.20 Uhr: Biertische ausladen. Wir bauen die Ausgabestelle auf.

   12.30 Uhr: Die Lieferwagen rollen an. Ich wuchte Äpfel, Salat und Orangen aus einem der Transporter. Jetzt ist mir wenigsten warm. Zusammen mit Edith und Roswitha sortiere ich Kisten mit Mandarinen und Orangen. Der Tipp der beiden: „In jedem Säckchen ist ungefähr eine kaputte.“

  13 Uhr: Axel Schweiger ist Verteilstellenleiter vor Ort. 270 Familien mit mehr als 500 Personen versorgen die Helfer hier jeden Freitag, erzählt er. Viele Lebensmittel bekommt die Tafel von Supermärkten, Metzgereien, Bäckereien oder Großmärkten gespendet. „Was wir zu wenig bekommen – wie Kartoffeln, Äpfel oder Karotten – kaufen wir zu“, so Schweiger. „Uns ist es wichtig, dass die Leute eine ausgewogene Ernährung bekommen.“

Die tz-Reporterin packt eine Kiste für eine Seniorin.

  13.15 Uhr: Ich packe mit Kirsten eine Kiste für eine alte Dame, die es nicht mehr alleine zur Tafel schafft. Die Johanniter holen die Lebensmittel für die Seniorin ab. Doch das ist die absolute Ausnahme, denn die Regel ist: „Wer gebrechlich ist und niemanden hat, der seine Sachen abholt, hat leider ein Problem“, sagt Schweiger. Hier wären mehr Helfer gefragt. Was die Tafel außerdem dringend sucht: ehrenamtliche Fahrer, die Lebensmittel für sie abholen. 

  13.30 Uhr: Die Ausgabe fängt an. Am Eingang regelt Anton, wer wann an der Reihe ist. „Jeder Berechtigte hat eine Nummer – jedes Mal starten wir mit einer anderen.“

  13.45 Uhr: Ich arbeite mit Heidi bei den Semmeln, Brezen und süßem Gebäck fast am Ende der Verteilerkette. „Von den Brezen haben wir nicht so viele bekommen, da müssen wir gut haushalten“, sagt sie. Auf den Kärtchen, die unsere Kunden um den Hals haben, sehe ich, wie viele Personen Anspruch auf Lebensmittel haben. Schwierig, die richtige Menge einzuschätzen!

tz-Reporterin Ramona Weise im Gespräch mit Elisabeth A, die freitags mit dem Fahrdienst zur Tafel kommt.

  14 Uhr: Elisabeth A. (53) kommt jeden Freitag mit einem Fahrdienst zur Tafel. Seit einem Arbeitsunfall vor 15 Jahren geht sie an Krücken. „Ich bin froh, dass ich herkommen darf. Wenn ich das nicht hätte, würde ich nicht über die Runden kommen.“ 

Evi und Anton regeln, wer als nächstes an der Reihe ist.

  14.30 Uhr: „Jetzt sind alle auf dem Gelände“, sagt Anton. Alle Bedürftigen haben sich in die Schlange eingereiht.

   15 Uhr: Im Minutentakt kommen Männer und Frauen an unseren Tisch. Einer davon ist Andreas E. (Name geändert, 47). Ein Unfall hat ihn vor einigen Jahren „komplett aus der Bahn geworfen“, wie er sagt. E. war mit einer Grafikfirma selbstständig, doch dann hatte er einen Autounfall, wurde von einem LKW überrollt. „Die Reha hat ewig gedauert, in dieser Zeit ist meine Firma bankrott gegangen.“ Heute bekommt er Berufsunfähigkeitsrente, 180 Euro bleiben ihm im Monat. „Es hat mich große Überwindung gekostet, hierher zu kommen.“

  15.50 Uhr: Schicksale wie das von E. hängen nach. Die Menschen, die zur Ausgabestelle kommen, stammen aus den unterschiedlichsten Ländern. Für die Tafel spielt die Herkunft keine Rolle, solange die Kriterien für eine Aufnahme ins System erfüllt sind. „Uns ist es egal, woher jemand kommt. Deutscher Hunger fühlt sich genauso an wie afghanischer“, sagt Verteilstellenleiter Schweiger. 

  16.30 Uhr: Die letzten Kunden kommen. Wir haben nur noch wenig Gebäck und ein paar Semmeln mit Kümmel im Angebot. Leer geht trotzdem niemand aus. 

  16.50 Uhr: Ich spüre meine Zehen nicht mehr. Doch jetzt ist eh Schichtende für heute. Bis zum nächsten Mal!

Wenn ihn der Schuldenberg wieder fast erdrückte, besann sich Sven Kamm (33, Name geändert) auf seine Vogel-Strauß-Taktik. „Kopf in den Sand, dann findet mich niemand, dann kann nix passieren!“

Er öffnete seine Briefe nicht, ging nicht ans Telefon, versteckte sich vor den Gläubigern. In den schlimmsten Zeiten forderten die fast 40 000 Euro. Jetzt sitzt Sven Kamm bei Inge Brümmer (56) von der Schuldnerberatung von AWO und DGB – und will sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. 

„Die Menschen kommen meist erst dann, wenn es wehtut. Wenn der Druck zu groß wird“, sagt Beraterin Brümmer. München ist eine reiche Stadt, die Wirtschaft boomt, in keiner anderen deutschen Großstadt haben die Menschen mehr Geld zur Verfügung. 

Trotzdem standen vergangenes Jahr rund 900 Münchner vor dem Aus: letzter Ausweg Privatinsolvenz. Im Durchschnitt drücken diese Menschen 51 356 Euro Schulden. Das wollte Kamm immer verhindern. „Ich hätte dann anerkennen müssen, dass ich gescheitert bin.“

Sven Kamm (33, Name geändert) drücken fast 20 000 Euro Schulden – Beraterin Inge Brümmer (56) will ihm helfen.

Warum rutschen Menschen in die roten Zahlen ab? Laut Beraterin Brümmer sind es meist drei Gründe: „Arbeitslosigkeit, Trennung, Krankheit.“ Auch gescheiterte Selbstständigkeit und niedriges Einkommen nennt sie. Wer kommt zu ihr? „Alle Einkommensklassen sind vertreten“, sagt Brümmer. „Familienväter mit lukrativen Jobs bei BMW, Pensionäre mit 3000 netto, Architektinnen.“ 

Auch Sven Kamm hatte ein gutes Einkommen. Als 18-Jähriger kam er ohne Schulabschluss nach München. Er jobbte als Barkeeper in einer Diskothek, der Laden brummte, im Monat machte Kamm 4000 bis 4500 DM netto. „Ich war reich“, sagt Kamm. Bald machte er sich selbstständig, gründete eine kleine Promotion-Firma, leaste sich ein großes Auto. 

Dann der Autounfall. Kamm: „Auto weg, Job weg, Geld weg.“ Kamm muss mehrmals operiert werden, Rechnungen blieben liegen. „Ich bin im Heim aufgewachsen, niemand hat mir beigebracht, zu kalkulieren oder vorzusorgen.“ 

Es kam zu Pfändungen, Kamm versuchte sich als Kellner und Putzkraft über Wasser zu halten. Immer wieder musste er operiert werden, psychische Probleme kamen dazu. „Ich hatte Existenzängste“, sagt Kamm. Er fängt in einer Münchner Klinik als Pflegehelfer an, 1500 Euro verdient er im Monat, seine Miete beträgt 820 Euro. Dann hat er sich einen Bandscheibenvorfall – seit September ist Kamm nun krankgeschrieben.

Im Moment lebt er von Krankengeld und Sozialleistungen. 764 Euro im Monat bleiben ihm – die er sich mit seinem Lebensgefährten teilen muss. Die beiden wohnen zusammen in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft – Kamm kommt für seinen Freund aus der Slowakei auf, der auf seine Arbeitserlaubnis wartet. 

Jetzt arbeitet er mit der Schuldnerberaterin an einem Plan, um aus den Schulden zu kommen. „Vor zwei Jahren bin ich aus Verzweiflung zur Schuldnerberatung“, sagt Kamm. „Aber jetzt geht es wieder aufwärts! Wäre ich doch schon vor fünf Jahren hergekommen …“

Früher sei sie oft ziemlich traurig gewesen, sagt Margiet Krohmann (81). „Doch jetzt gehe ich hierher – und es geht mir gut.“ Hier, das sind die „Kinder von gestern“.

Margiet Krohmann mag die "Kinder von gestern".

Im April 2014 hat Musiker Abi Ofarim (78) zusammen mit Lebensgefährtin Kirsten Schmidt (51) das Jugendzentrum für Senioren in der Schleißheimer Straße 53 eröffnet. Jugendzentrum? Ja, weil es nicht um starre Schubladen mit Beschäftigungstherapie für alte Menschen geht, wie der Musiker sagt: „Bei uns gibt es keinen Stundenplan. Und genau das mögen unsere Gäste.“ 

Es ist die besondere Stimmung, die die "Kinder von gester"n so außergewöhnlich macht. Die Besucher sind per Du – und Neuankömmlinge werden gleich ins Gespräch miteinbezogen, singen zusammen oder spielen Schach.

Musiker Abi Ofarim (l.) hat das „Jugendzentrum für Senioren“ ins Leben gerufen.

„Hier redet niemand über Krankheiten und Negatives, das ist wunderbar“, sagt Krohmann. Auf die Idee zum Zentrum kam Ofarim, als sich die Schlagzeilen über „Senioren als Abfall unserer Gesellschaft“ mal wieder häuften. „Für jede Krankheit gibt es einen Onkel Doktor, nur für die Einsamkeit nicht“, so Ofarim. 

Im November 2015 hat der Musiker für seine Idee den Deutschen Alterspreis in Silber der Robert-Bosch-Stiftung erhalten. Geld vom Staat bekommt er noch nicht für sein Projekt.

Mehr als ein Dutzend Ehrenamtliche packen im Zentrum mit an.Caterer Boristo spendiert Essen, Opel stellt ein Auto zur Verfügung, Ex-OB Christian Ude ist Schirmherr.

In der Zukunft würde Ofarim gerne mehr Zentren in München und ganz Deutschland eröffnen. „Es kann doch nicht sein, dass die Leute, die Deutschland zur Nummer eins in Europa gemacht haben, in Vergessenheit geraten!“

Ramona Weise

Ramona Weise

E-Mail:ramona.weise@tz.de

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Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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