tz Serie "Platzt München aus allen Nähten?"

Eindrucksvolle Bilder: So hat sich unsere Stadt verändert

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1900 war rund um die Bavaria nichts als Wiese, heute ist fast alles bebaut.

München - Die große tz-Serie: Wir zeigen, wie viel sich in München innerhalb von wenigen Jahrzehnten getan hat. Anwohner aus verschiedenen Vierteln berichten.

Im heutigen Teil der Serie nehmen wir die Stadt ganz genau ins Visier - und zwar von oben, aus der Luft. Wie hat sich München in mehr als 100 Jahren verändert? Wie hat München den Zweiten Weltkrieg überstanden? Wo ist die Stadt gewachsen?

Und wir sind abgetaucht in Münchens Viertel, haben echte Münchner und Münchnerinnen besucht und wollten wissen: Wie lebt es sich in ihren Vierteln? Welche Ecken müssen geschützt werden? Und ganz wichtig: Gibt’s das alte München noch?

Theresienhöhe 

Wenn Günther Leibrandt an seine Wohnung denkt, kommt ihm das Oktoberfest in den Sinn. „Bei Ostwind wehen all die typischen Düfte zu uns herüber. Es riecht dann nach Mandeln und Hendl. Da bekommt man gleich Appetit“, sagt der 63-Jährige, der fast direkt hinter der Theresienwiese sein Zuhause hat.

Günther Leibrandt wohnt heute gleich an der Theresienwiese.

Mit seiner Frau Monika (49) und Hundedame Kira wohnt er in einer 120 Quadratmeter großen Wohnung. Rund um den Bavariapark war vor 100 Jahren nichts als Wiese. Mittlerweile ist hier ein großes Wohngebiet. 

„Die Gegend ist einfach traumhaft“, schwärmt Leibrandt, der ursprünglich aus Sendling kommt. „Wir können zu Fuß in die Stadt laufen. Das ist toll, denn meine Frau und ich gehen sehr gern ins Theater.“ 

An seinem jetzigen Wohnort war der Rentner auch früher schon einige Male. Bis 1998 befand sich oberhalb der Theresienwiese noch das Messegelände. „Besonders gut erinnere ich mich noch an die erste Internationale Verkehrsausstellung 1965. Dass ich später mal hier wohnen würde, habe ich damals noch nicht zu träumen gewagt.“ 

Heute unvorstellbar: Im Jahr 1905 weideten noch Schafe unter der Bavaria.

Trotz der prominenten Lage ist es in dem Wohngebiet angenehm ruhig. An Leibrandts Wohnung gibt es keinen Durchgangsverkehr, und die grüne Lunge, der Bavariapark, ist nur wenige Schritte entfernt. 

Für einige Tage Schluss mit der Ruhe ist jedes Jahr Ende September. „Zur Wiesn wird’s hier natürlich etwas belebter. Dorthin laufen wir keine zehn Minuten.“ Das größte Volksfest der Welt vor der Tür zu haben, hat aber auch seine Schattenseiten. „Es kommt schon mal vor, dass einem ein Pulk von 300 Italienern auf der Straße entgegenkommt. Und die steigen oft schon angeheitert aus dem Bus aus.“

Darüber schaut Leibrandt aber für die kurze Zeit hinweg, er geht selbst schließlich auch ganz gerne auf das Oktoberfest. „Ich bin mittlerweile seit zwölf Jahren hier und will auch nicht mehr weg!“ 

(Sabrina Höbel)

Haidhausen

Grüner Hut, Rausche-Schnauzer und fast immer eine Zigarre im Mund: Würde ein Werbegesicht für einen Ur-Münchner gesucht, die Wahl könnte auf Ferdinand „Ferdl“ Schuster (71) fallen. Sein Kommentar dazu? „I bin do dahoam, des is hoid so.“ 

Und dazu gehört für ihn auch sein Gwand, wie er sagt. „Jetzt im Winter ist die Lodenhosn doch gscheider wiar a Jeans.“ Das platte Bayern-Klischee erfüllt Schuster aber nur äußerlich: Der Wirt liebt Japan, seine Norwegischen Waldkatzen und hat Porzellanmalerei in Nymphenburg gelernt. 

In Haidhausen aufgewachsen: Ferdinand Schuster.

Davon, wie sich sein Viertel Haidhausen über die Jahre entwickelt hat, ist Schuster nicht sonderlich begeistert: „Früher war Haidhausen grau, aber erschwinglich. Heute ist es aufpoliert, aber teuer.“

Schon Schusters Großvater hat in dem stattlichen Haus in der Weißenburger Straße gelebt, in dem Enkel Ferdl auch heute noch in einem Appartement wohnt. Den Rest der Wohnungen und drei Geschäftsflächen vermietet er.

Seine Mieter kennt Schuster persönlich. Eh klar … „Griaß di, Ferdl“, sagt eine Frau, die ihr Radl durch den Innenhof schiebt. Der Hof ist mit einem großen Baum in der Mitte und den vielen kleinen Balkonen ein wahres Juwel - mitten in der Stadt. 

Die Weißenburger Straße.

Schuster selbst kann im Sommer zu seiner Wohnung über eine Außentreppe heraufsteigen. Er mache sich sein München halt schön, sagt Schuster. 

Die Gentrifizierung sei ein Graus, die Mieten würden immer höher. „Wir haben doch schon genug von diesen BWLern.“ 

Auch die Hektik, die in der Stadt mit der Zeit eingezogen ist, kann der 71-Jährige nicht verstehen. Manchmal komme plötzlich einer von hinten angerauscht und rede laut, erzählt Schuster. „Handys san praktisch. Aber des ist doch wia a Tourette-Syndrom.“ 

Haidhausen hat sich über die Jahrzehnte stark verändert. Hier die Rosenheimer Straße 1895.

Jetzt muss Schuster aber mit seinem grünen Radl mit dem hohen, gebogenen Lenker los. Erst einmal ein paar seiner Virginia-Zigarren in der Innenstadt kaufen.

 Und dann ins Hofbräuhaus: Mit seinen Bekannten beim „Wolperdinger Stammtisch“ ratschen. Zum Beispiel über Themen wie ökologische Tierhaltung …

Riem

Die Zeit vergeht wie im Flug - und das darf man hier ganz wörtlich nehmen …

Seit der Flughafen von Riem ins Erdinger Moos zog, hat sich viel verändert. Wo früher riesige Flugmaschinen über Start- und Landebahn rollten, liegt heute die Messestadt Riem.

Roxana Smäränbeamu ist stolze Riemerin.

Das Viertel hat seine ganz eigenen Themen und braucht seine eigenen Planungskonzepte. Denn: Neben der Neuen Messe München und dem Einkaufszentrum Riem-Arcaden gibt es in dem Wohnviertel zahlreiche Sozialwohnungen. Ein soziales Vorzeigeprojekt - oder doch ein Brennpunkt am Rande der Stadt? 

Roxana Smäränbeamu (48) arbeitet als Reinigungskraft und wohnt mit ihren zwei Kindern (15 und 21) seit drei Jahren in einer der vom Staat unterstützten Wohnungen. 

1992 zog der Flughafen aus Riem weg. Hier ein Foto aus den 1980er-Jahren.

Nach zehn Monaten vergeblicher Wohnungssuche kam für die Familie doch noch das große Glück: „Wir wohnen hier im dritten Stock. In Riem ist es ruhig. Und das Beste: Meine Kinder können ganz in der Nähe zur Schule gehen. Durch die gute S-Bahn-Verbindung ist man außerdem in Kürze im Stadtzentrum.“ 

Doch das Familienparadies hat auch seine Schattenseiten. „Es gibt keine Geschäfte mehr“, sagt ein Nachbar, der Riem seit über 50 Jahren seine Heimat nennt. 

Die Messestadt Riem heute.

Der Grund ist seiner Meinung nach: Die Riem-Arcaden ließen keine Konkurrenz zu. In Folge müssten traditionelle, kleine Geschäfte dem Einkaufstraum weichen. 

(G. Barrios)

Freiham

Wer München verstehen will, fährt am besten raus nach Freiham - hier treffen Alt und Neu aufeinander. 

Im Westen wird ein Viertel aus dem Boden gestampft, 20 000 Menschen sollen hier einmal wohnen: Europas größtes urbanes Neubaugebiet. 

Einen Steinwurf entfernt leben rund 300 Flüchtlinge in einer Containerstadt. Hier verändert sich etwas - rasant und grundlegend. Einen Fixpunkt gibt’s trotzdem. Seit fast 900 Jahren liegt hier das Gut Freiham. 

Anton Fürst (76) kümmert sich um die Gräber in Gut Freiham.

„Wir wollen Geschichte aufbereiten und am Leben halten“, sagt Anton Fürst (76). Der Landwirt ist Vorstand der Freunde Freihams, die für den Erhalt des Gutes kämpfen. 

Dessen Geschichte kennt er wie kaum ein anderer - gerade arbeitet der Freizeit-Chronist an einem Buch über die Landwirtschaft in Freiham. 

Der Aubinger ist dem Gut seit der Kindheit verbunden. „Wir haben früher Bittgänge zur Kirche unternommen. Ich war Ministrant und durfte das Kreuz tragen“, erinnert sich Fürst. „Die Erwachsenen sind dann in die Kirche zum Beten. Wir Kindern haben uns die Brennerei angeschaut.“

Das Gut Freiham ist fast 900 Jahre alt.

Hin und wieder führt er Interessierte über das Gut, zu jedem Gebäude weiß er eine Geschichte. In den Häusern der Bediensteten waren während des Zweiten Weltkrieges französische Kriegsgefangene untergebracht. Die Brennerei versorgte München mit hochprozentigem Alkohol. 

Nach und nach soll in Freiham ein Viertel im Ausmaß einer Kleinstadt entstehen.

Das Gut steht als Ensemble unter Denkmalschutz, einige Bauwerke sollen behutsam renoviert werden. Sebastian Kriesel (32), Vorsitzender des Bezirksausschusses, sagt: „Das Gut war lang im Dornröschenschlaf.“

Jetzt soll dem Gut wieder Leben eingehaucht werden. Die neue Eigentümerin, die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung, hat angekündigt, das Gut in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Für Fürst heißt Erhalten nicht Fernhalten.

Geht es nach ihm, soll hier ein Ausflugsziel für die Münchner entsteht. „Die Menschen sollen herkommen und sich erholen“, sagt er. „Die können ja nicht jeden Tag an den Starnberger See fahren.“

Immer dichter und weiter

Fröttmaning 1970.

Über die Jahre ist unsere Stadt nicht nur um viele Wahrzeichen wie den Olympiaturm (Eröffnung 1968) reicher geworden.  Immer dichter reiht sich Haus an Haus in unserer Stadt. Stichwort: Nachverdichtung! 

Fröttmaning 2015 mit der Allianz Arena.

Und so werden auch in einst grünen Innenhöfen Wohnblöcke hochgezogen. Nicht immer zur Freude der Anwohner … Auch an den Rändern der Stadt wächst München unaufhörlich. Ein unübersehbares Beispiel steht in Fröttmaning: Die 2005 eröffnete Allianz Arena.

Interview: „Das alte München gibt’s nicht mehr“

Dr. Andreas Heusler (56) ist Historiker und Fachmann für die Stadt München. Seit über 20 Jahren leitet er das Sachgebiet Zeitgeschichte/Jüdische Geschichte am Stadtarchiv München.

Historiker Dr. Andreas Heusler vor dem Stadtarchiv.

Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des NS-Dokumentationszentrums und Autor zahlreicher Bücher. Im tz-Interview erklärt er, warum München für ihn ein Freiluftmuseum ist und warum Meister Eders Werkstatt eine Illusion ist.

Herr Dr. Heusler, wo findet man heute noch das alte München? 

Dr. Andreas Heusler: Sie meinen Meister Eders Werkstatt im gemütlichen Hinterhof? Den Prototyp der „guten, alten Zeit“? Da muss ich Sie enttäuschen … Diese Zeit ist vorbei. Solche Orte gibt es nicht mehr. 

Was ist mit der Frauenkirche, der Residenz, dem Hofbräuhaus oder dem neuen Rathaus?

Heusler: Nehmen Sie das Hofbräuhaus und die Gassen drumherum. Das mag jetzt hart klingen, aber im Prinzip ist das eine Art Freiluftmuseum. Vor langer Zeit war München einmal so. Aber was wir heute sehen, ist eine Illusion.

Eine Illusion?

Heusler: Die beiden Weltkriege, besonders der Zweite, haben das Gesicht der Stadt für alle Zeit verändert - oder besser: deformiert. Lediglich 2,5 Prozent der Bausubstanz blieben von den Luftangriffen der Alliierten verschont. Die Innenstadt glich einer Trümmerwüste, mehr als die Hälfte der Gebäude war unwiederbringlich verloren.

Die berühmte Stunde null?

Heusler: Nach der Zerstörung gab es zwei Möglichkeiten. Entweder man baut München so wieder auf, wie es einmal war. Das Alt-Münchner Idyll so zu sagen. Oder man gibt der Moderne eine Chance. In München ist man den ersten Weg gegangen, den sentimentalen. Das „Isar-Athen“, wie es sich König Ludwig I. und sein Architekt Leo von Klenze erdacht haben, sollte wiederauferstehen. Das Trauma des Krieges sollte überschrieben werden. 

Wie sehr haben die Nazis das Gesicht der Stadt geprägt?

Heusler: Hitler wollte die „Hauptstadt der Bewegung“ einer radikalen Neugestaltung unterziehen. Von Pasing aus sollte sich eine gewaltige Schneise durch die Stadt pflügen. Eine Prunkstraße für die Nationalsozialisten und ihre Helden. Der Krieg hat diese monströsen Pläne zunichte gemacht. Nicht Hitler, sondern der Krieg hat das Stadtbild also nachhaltig verändert. 

Zwei Kriege - was hat die Stadt noch geprägt?

Heusler: Vor 1950 ist hier in erster Linie der technologische Fortschritt zu nennen. Die Elektrizität hat das Zusammenleben der Menschen von Grund auf verändert. Plötzlich gab es keine Pferdebahnen mehr, sondern eine elektrische Tram. Dann kam der Krieg.

Wie ging es dann weiter? 

Heusler: Die Menschen sind immer weniger verwurzelt. Die Bereitschaft, sein Glück woanders zu suchen, wächst. 1950 hatte München 800 000 Einwohner, heute sind es fast doppelt so viele. Städte haben eine starke Anziehungskraft. In den 50er-Jahren kamen dann die ersten „Gastarbeiter“ - das hat die Stadtgesellschaft nachhaltig geprägt. Die Stadt ist seitdem bunter, vielfältiger, die Wirtschaft brummt. 

Und 1972 kamen die Olympischen Spiele.

Heusler: Klar: Die Spiele waren markant für die Stadtentwicklung. Respekt, wie klug und weitsichtig die Entscheider damals vorgegangen sind. Damals mauserte sich München zu einer Metropole mit Weltgeltung. 

Und trotzdem heißt es oft: München ist ein Dorf. Woher kommt das eigentlich?

Heusler: Das Jahr 1957 ist hier entscheidend. Damals durchbrach München die magische Grenze von einer Million Einwohnern. Da wurd’s dem Münchner ein bisserl unwohl, seine Stadt war plötzlich eine Millionenstadt. Veränderung weckt Sorgen. Das Märchen vom „Millionendorf“ war geboren. 

Wenn München ein Dorf ist, dann muss es doch noch ein paar alte Ecken geben … 

Heusler: Jaja, schon gut. Aber man stößt nicht mehr einfach darauf, man muss gezielt suchen! In Moosach gibt es die Borstei, eine Wohnsiedlung aus den 1920er Jahren. Da hat sich in fast 100 Jahren kaum etwas verändert. Außer, dass man heute - anders als früher - nur mit Mühe einen Parkplatz findet.

Ramona Weise

Ramona Weise

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Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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