tz-Serie "Platzt München aus allen Nähten?"

Wir sind die "Zuagroasten"

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Christiane und Peter kamen wegen der guten Jobchancen.

München - Warum ziehen so viele Menschen in unsere Stadt, wer hilft ihnen und was sind ihre Ängste? Die tz hat sich unter anderem im KVR umgehört.

In dieser Serien-Folge hören wir uns unter anderem im Kreisverwaltungsreferat (KVR) um, wie es für Zugezogene ist, in München anzukommen. Warum ziehen so viele Menschen in unsere Stadt, wer hilft ihnen? Was sind ihre Hoffnungen, Sorgen und Nöte? Vorhang auf für die neuen Münchner! 

Ziel: Gemeinsam in Bayern bleiben

Für Christiane Ziegler (25) und Peter Reitinger (26) stand von Anfang an fest: Eine Fernbeziehung kommt nicht mehr infrage. Zu oft war das Paar aus Passau während des Studiums schon getrennt.

Seit Sommer 2015 sind die Niederbayern wieder vereint - in München. Christiane und Peter sind in beschaulichen Dörfern in der Nähe der Dreiflüssestadt aufgewachsen.

Wie es ist, in einer Großstadt zu leben, kannten sie aber bereits aus ihrem Studium. Peter verbrachte sieben Monate in Atlanta, Christiane verschlug es nach Los Angeles. 

Ein Leben in München ist deshalb für die beiden überhaupt kein Problem - im Gegenteil: „Die Stadt ist so vielseitig“, sagt Christiane. „Ich mag den Großstadt-Charakter, gleichzeitig ist man schnell in ruhigeren Ecken mit dörflichem Charme.“ 

Peter stimmt zu und meint: „Als Niederbayer kann man sich mit der Stadt problemlos identifizieren.“ Auch die Nähe zu ihrer Heimat ist dem Paar wichtig. Mit dem Auto sind es gerade einmal eineinhalb Stunden Fahrt.

Da sind auch mal spontane Trips zu Freunden und Familien drin. Ausschlaggebend waren für beide aber die vielversprechenden Jobchancen.

„Da gibt es bei uns in der Region nichts Vergleichbares“, weiß Christiane, die im Marketing- und Tourismusbereich arbeitet. „Die Frage war: Wo gibt es Unternehmen, die junge Leute engagieren und auch Perspektiven für die Zukunft bieten?“

Auch Stuttgart stand für das Paar auf dem Zettel. „Doch wir wollten unbedingt in Bayern bleiben.“ Projektingenieur Peter sagt aber auch: „Der Schein trügt. Denn München bietet zwar viele Arbeitsplätze, der Konkurrenzkampf ist aber umso größer.“

Christiane und Peter sind in München angekommen. Hier wollen sie auch in naher Zukunft bleiben. Zusammen haben sie eine Wohnung in Laim renoviert. 

Anschluss war schnell gefunden. München war auch für einige ihrer Freunde die erste Wahl.

Viel ruhiger als das hektische Paris

Sie lebt in Paris, in der Stadt der Liebe und der großen Geschichte. Trotzdem hat Cécile Menant (23) vor drei Jahren ihr Herz an München verloren. 

Zu Beginn ihres BWL-Studiums war sie vor drei Jahren den Sommer über nach Deutschland gekommen - und wusste schon damals: „Ich komme wieder zurück.“

Cécile lebte in einer Wohngemeinschaft mit anderen Studenten in Thalkirchen. Ganz in der Nähe des Tierparks. „Ich liebe die Isar. Ich fühle mich hier immer wie im Urlaub“, lacht sie. „Paris ist mir zu stressig. Es wird immer meine Heimat bleiben - aber in München kann ich mich besser erholen.“

Warum ist unsere Stadt ein Magnet? „Schauen Sie sich doch mal um! Die Stadt ist wunderschön, die Menschen sind freundlich und hilfsbereit.“ Und: „Die geografische Lage ist einmalig! Wo sonst habe ich in einer Großstadt die Berge vor der Haustür?“

Seit Februar ist sie zurück in der Landeshauptstadt - und sitzt an einem nasskalten Dienstagmorgen mit Hunderten anderen im Kreisverwaltungsreferat, um dort ihren neuen Wohnsitz zu melden. 

Die Gänge sind verstopft, die Zeit vergeht nur langsam - Cécile ist noch längst nicht an der Reihe. Platzt München aus allen Nähten? „Den Eindruck habe ich nicht. Aber da bin ich als Pariserin wohl der falsche Ansprechpartner.“ 

Kein Wunder: Der Kern der Stadt zählt mehr als 2,2 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die nur ein Drittel so groß ist wie München. Paris ist mit 22 000 Menschen pro Quadratkilometer die am dichtesten bevölkerte Großstadt Europas. 

Zum Vergleich: In München leben auf einem Quadratkilometer gerade einmal 4600 Menschen.

Von der Insel in die geschäftige Stadt

„München ist eine sehr geschäftige Stadt“, meint Brandon Young und blickt in den vollen Wartebereich im KVR. Der 19-Jährige aus dem Norden Englands hat sich München für sein Business- und Tourismus-Studium ausgesucht. 

Seine Uni auf der Insel hat eine Partnerschaft mit der LMU. Erst seit knapp einer Woche ist der Teenager bei uns und will mindestens ein halbes Jahr bleiben. Wie ging es ihm bei der Wohnungssuche? „Das war wie eine Lotterie, aber ich hatte großes Glück. Ich wohne jetzt im Südwesten, direkt an der U6. Von hier aus kann ich alle Ecken schnell erreichen.“

Er will die Stadt richtig kennenlernen. „In Deutschland zu leben, war sowieso immer mein Traum. Ich mag den kulturellen Unterschied gegenüber England.“ Und die Sprache? „Schwierig, aber ich will sie schnell lernen.“

Lange nach einer Wohnung gesucht

Das Münchner Stadtleben für sich entdecken - das will Sakura Tlaskal (20), Schülerin vom Ammersee: „Junge Leute wie mich treibt es in die Stadt. Egal ob Ateliers, die Clubkultur oder Freizeitangebote im Englischen Garten oder Olympiapark - hier ist einfach immer was los“, weiß sie. 

Die Zwanzigjährige musste lange suchen, bis sie eine bezahlbare Bleibe in der Landeshauptstadt gefunden hat.  Mittlerweile lebt sie in einer WG. „Ich gehe schon seit drei Jahren in München zur Schule. Da ich einfach keine Wohnung finden konnte, musste ich jeden Tag pendeln.“ 

Eines ist die Schülerin noch nicht so ganz gewohnt: die Menschenmengen im Zentrum … Ein Problem sei dies aber nicht, sagt sie: „Ich liebe es, interessante Leute kennenzulernen.“

Die kleine Fatima ist jetzt auch Städterin

Fofana Babadere (40) aus Togo und seine Frau Ahoua von der Elfenbeinküste sorgen für Nachwuchs in München: Die kleine Fatima, anderthalb Jahre jung, darf sich über eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland freuen.

Fofana (l.) und Ahoua Babadere mit Töchterchen Fatima.

Der Antrag auf Kindergeld läuft allerdings noch. Das Problem: „Die Wartezeit für das Verfahren beträgt drei Monate. In dieser Zeit erhalten wir kein Elterngeld“, erzählt Fatimas Papa. 

Und trotzdem: Die Familie wirkt auffallend glücklich. „Ich mache gerade einen Deutsch- und Integrationskurs“, so Mama Ahoua, die erst vor ein paar Monaten nach München gezogen ist.

Ihr Mann dagegen ist schon länger ein echter Münchner. Genauer: seit 24 Jahren! Die deutsche Sprache ist längst keine Hürde mehr: „Natürlich helfe ich meiner Frau beim Deutschlernen.“

Sie hilft Zugezogenen 

Neuankömmlinge zu Münchnern machen - das will Elisabeth Sommer (60). Sie ist Geschäftsführerin der Firma "Elisabeth Sommer Relocation", die es seit mehr als 20 Jahren in der Stadt gibt. 

Wohnungssuche, Arbeitserlaubnis beantragen, Kitaplatz finden: Für Neu-Münchner ist es schwierig, das Bürokratie-Chaos alleine zu bewältigen. Um den Stress zu ersparen, bezahlen einige Firmen für die Dienstleistungen von Elisabeth Sommer und ihren zehn Mitarbeiterinnen.

„In unserem Büro betreuen wir Familien aus mehr als 50 Nationen - die meisten aus Europa und Amerika. Ihr Ziel: München zu ihrem Zuhause zu machen“, erläutert Sommer. 

Elisabeth Sommer.

Momentan kümmert sie sich um mehr als 100 Kunden. Ein klassisches Service-Paket zur Wohnungssuche liegt bei 2000 Euro, kleinere Dienstleistungen bewegen sich zwischen 500 und 1000 Euro. 

Doch warum ist ausgerechnet München das Ziel so vieler Menschen? „Die Landeshauptstadt profitiert von ihrer optimalen Lage: zentral, sicher und wohlhabend“, sagt die Geschäftsführerin. München sei etwa für Spezialisten im IT- und Pharma-Bereich besonders attraktiv.

Doch der Zuzug treibt die Preise in die Höhe. „Dass unsere Kunden 25 Euro pro Quadratmeter auf den Tisch legen müssen, ist keine Seltenheit.“ Früher hätten sie meist innerhalb von drei Monaten ein passendes Wohnobjekt für die Zugezogenen finden können, so Sommer. Heute seien es fünf Monate Wartezeit.

Johannes Heininger und Giuliana Barrios

Johannes Heininger

Johannes Heininger

E-Mail:Johannes.Heininger@tz.de

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