Serie: Platzt München aus allen Nähten?

tz-Test: Am Samstagabend spontan einen Tisch - ohne Reservierung? 

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tz-Reporter Tobias Scharnagl macht den Selbstversuch: Spontan einen Tisch für vier Personen bekommen? Am Samstagabend, ohne Reservierung?

München - tz-Reporter Tobias Scharnagl macht den Test: Bekommt er am Samstagabend spontan einen Tisch für vier Personen - ohne Reservierung?

Es ist das Versprechen der Großstadt: Du kannst haben, was du willst, du musst nur vor die Tür gehen. Kinos, Konzerte, Kneipen, Restaurants – alles einen Katzensprung entfernt … Frei und spontan! Soweit die Theorie. Es ist einer der Gründe, warum ich nach München gezogen bin. Und einer der Gründe, warum ich einen neuen Spitznamen habe: Greenhorn. Wie kann man nur so naiv sein und glauben, an einem Samstagabend einen Tisch zu bekommen? Ohne Reservierung? Zwölf Lokale, zwölf Absagen. Das Protokoll eines Verzweifelten.

Samstagabend also, drei Kumpels aus der Heimat kommen zu Besuch. Denen will man etwas bieten. Die Bayern spielen gegen Dortmund – das schreit nach Kneipe! Anruf bei Leo’s Lounge in der Rosenheimer Straße: Tisch für vier Personen? „Sorry, total ausgebucht“, keucht der Kellner. „Da hätten Sie vor einer Woche anrufen müssen.“ Eineinhalb Stunden später, das Wassermann in der Fraunhoferstraße. Wir sind kaum im Laden, da versperrt uns ein Kerl in Schwarz den Weg: „Reserviert?“, knurrt er. Kopfschütteln. „Viel zu voll, keine Chance.“ Letzte Chance: Anruf beim Stadion an der Schleißheimer Straße. Aber die gehen nicht mal mehr ans Telefon …

Naja, dann doch zuhause Fußball schauen. Allmählich kommt der Hunger. In der Halbzeit schnell rüber ins Wirtshaus in der Au. „Tisch für vier in – sagen wir – 45 Minuten?“ Der Kellner ist sehr freundlich: „Tut mir leid. Wie Sie sehen, sind alle Tische reserviert“, erklärt er mir ruhig. So wie man einem Grundschüler das Rechnen mit den Fingern beibringt. „Einfach nachher vorbei schauen. Vielleicht kommt jemand nicht.“ Er blickt auf seine Armbanduhr. „Ist ne schlechte Zeit.“

tz-Restaurant-Test: Platz beim Italiener oder Asiaten?

Schwamm drüber. Gleich um die Ecke gibt’s diesen super Italiener, Pizzen groß wie Wagenräder. Solo Pizza ist: voll. Wie der Typ vor der Tür. Starkbierzeit, erkläre ich den Jungs. Dann eben Hamburger. Nicht das Fast-Food-Zeug, „richtige“ Burger! Also weiter zu MC Müller. „Sorry, leider voll.“ Anruf in der Hamburgerei, Brienner Straße: „Heute?“, fragt der Mann am Telefon ungläubig. „Sicher nicht.“

Lust auf Asiatisch, Männer? Wir versuchen es bei Jack Glockenbach in der Thalkirchner. Wieder ein sehr netter Kellner, wieder kein Platz. „Wenn Sie in 30 Minuten wiederkommen wollen?“ Wir wollen nicht.

In Sendling kenn’ ich einen Geheimtipp. Kleines, verstecktes Lokal. Dort heißt es: „Kommen Sie in einer Stunde wieder.“ Da sind wir verhungert.

Also weiter zu Sano Sushi in der Josephspitalstraße. Nix frei, 20 Minuten warten. Beim Griechen ein paar Meter weiter blicken wir sehnsüchtig durchs Fenster: Menschen in weißen Gewändern und Lorbeerkränzen auf dem Kopf speisen an langen Tafeln. Kein Witz. Ich muss an die erste Folge Kir Royal denken. Titel: „Wer rein kommt, ist drin.“ Schön wär’s …

Mittlerweile ist es 21.11 Uhr, dicke Flocken fallen vom Himmel. Ein letzter Versuch: Hans im Glück im Tal. Vor der Tür stehen ein paar Halbstarke: „Alter, wir warten schon 20 Minuten. Lass abhauen.“ Unsere Chance, schnell rein. Ein Schild versperrt uns den Weg: Bitte warte hier.

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tos

Tobias Scharnagl

Tobias Scharnagl

E-Mail:Tobias.Scharnagl@tz.de

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