tz-Serie "Platzt München aus allen Nähten?"

Freiham: So entsteht ein neues Stadtviertel

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Stück für Stück setzen sich hier neue Viertel zusammen: In der stadteigenen Modellbauwerkstatt werkeln Monika Schiller, Rainer Zeiske und Thomas Menzel.

München - Wie entstehen Viertel von morgen? Die tz schaut den Planern von Freiham über die Schulter. Zwei Architekten einer jungen Genossenschaft erklären, wie der Wohnungsbau aufregender werden kann

Tausende Menschen wollen Münchner werden. Doch es muss auch Platz zum Leben her! OB Dieter Reiter (57, SPD) hat das Ziel von 8500 neuen Wohnungen für heuer ausgerufen.

Geeignete Flächen für den Bau zu finden? Das sei nicht einfach, sagt Susanne Ritter (60), Chefin der Hauptabteilung Stadtplanung. München habe ein sehr kleines Stadtgebiet. „Und die Flächen, die noch in Frage kommen, gehören teilweise mehreren Eigentümern.“

Die Stadtplaner Susanne Ritter und Steffen Kercher.

Das bedeutet: Eine lange Prüfphase, bevor ein Gebiet ins Rennen kommt … 4000 bis 5000 neue Wohnungen sollen sich dadurch ergeben, dass im Bestand etwa Einfamilienhäuser abgerissen und Mehrfamilienhäuser geplant werden. 

Nochmal 4000 bis 5000 Wohnungen sind auf neu ausgewiesenen Bauflächen angedacht. „Wir müssen jedes Jahr im Grunde dreimal die Anzahl der Wohneinheiten von Paulaner planen - das ist schwierig.“

Auf dem ehemaligen Gebiet der Brauerei in der Au entstehen 1500 neue Appartements. Das Problem: In der Stadt gibt es kaum von der Größe vergleichbare, bebaubare Flächen. Momentan begehrt: Ex-Gewerbegebiete. 

- Der Stadtrat: Letztendlich ist es der Stadtrat, der die Abteilung mit den Planungen für ein Gebiet beauftragt. Ritters Mitarbeiter überlegen dann, wie das Viertel aussehen könnte und berechnen etwa den Bedarf an Kitas, Grünflächen und Geschäften. Pro 400 Wohneinheiten wird etwa eine Kita gebraucht.

- Die Bürger: Die Planer versuchen, Bürger immer früher in ihre Vorhaben einzubeziehen. Doch: Anwohner sind oft generell gegen Neubau in ihrem Viertel. Dagegen steht die Wohnungsnot. „Die Wünsche sind auch sehr unterschiedlich. Manche Bürger wollen keine Hochhäuser im Viertel, andere stört das wieder nicht“, sagt Ritter. 

Rainer Zeiske lässt die Stadt von morgen im Mini-Format entstehen.

- Die Modellbauwerkstatt: In städtebaulichen Wettbewerben reichen Architekten ihre Ideen zum neuen Viertel ein. In der Modellbauwerkstatt der Stadt erwachen die Entwürfe zum Leben. Monika Schiller (30), Thomas Menzel (36) und Chef Rainer Zeiske (53) werkeln im 120 Quadratmeter großem Atelier mit Werkstatt. Aus Lindenholz formen sie Häuser mit Simsen, Erkern und Fenstern. „Das Holz hat eine saubere und glatte Oberfläche, deswegen eignet es sich besonders gut“, erklärt Zeiske. 

Wie viele Details im Modell zu sehen sind, hängt vom Stand der Planungen ab. „Am Anfang symbolisieren Holzklötzchen, wo später mal ein Haus stehen soll.“ Später werden Feinheiten herausgearbeitet. Wie die aussehen sollen, planen die Modellbauer am Computer, dann geht’s ab an Kreissäge, Fräse und Schleifmaschine. Für den Feinschliff ist Handarbeit gefragt. Doch das heißt nicht, dass das Modell fertig ist: Es wird nach Planungsstand angepasst. 

- Freiham: Das größte Neubauprojekt seit der Messestadt Riem ist Freiham. „Wir lassen dort im Grunde eine Kleinstadt entstehen“, sagt der zuständige Planer Steffen Kercher (41). 

Freiham: Hier soll ein Viertel im Ausmaß einer Kleinstadt entstehen.

Über 20 000 Menschen sollen einmal in Freiham wohnen. Die meisten von ihnen ab dem Jahr 2018 im Wohngebiet in Freiham Nord. Südlich der Bodenseestraße existiert seit dem Jahr 2005 ein Gewerbegebiet. Hier leben derzeit rund 400 Menschen, am Ende sollen es rund 1000 sein. 

Eine Visualisierung des geplanten Bildungscampus’ in Freiham.

Die Planer wollen in Freiham Fehler vermeiden, die bei der Messestadt Riem gemacht wurden, so Kercher. Besonders wichtig ist dem Planer des neuen Viertels die Anbindung an bestehende Stadtteile. „Auch Schüler aus Aubing sollen etwa in eine der vier neuen Schulen des Bildungscampus' oder die zwei zusätzlichen Grundschulen gehen.“

So soll das neue Stadtteilzentrum aussehen.

Vor allem zwei bis vier Zimmerwohnungen im Geschossbau entstehen im neuen Viertel. Zum Einkaufen lädt ein neues Stadtteilzentrum ein: Hier haben die Planer aber kein geschlossenes Einkaufscenter vorgesehen. Orientiert an der Münchner Innenstadt soll es an einem zentralen Platz im Viertel ein Angebot an Geschäften und Ärzten geben. 

In Freiham soll ein "Freiluftsupermarkt" entstehen.

Ab diesem Frühjahr schon können Münchner in einem „Freiluftsupermarkt“ in dem Viertel einkaufen. „Die Kunden können sich Ihre Karotte selbst aussuchen und aus dem Boden ziehen“, sagt Kercher. 

Und wer weiß: Vielleicht zieht es so auch den ein oder anderen Innenstädter ins „ländliche“ Freiham…

Sie liefern frische Bauideen

Markus Sowa (l.) und Christian Hadaller.

Gässchen und kleine Plätze zwischen Häusern mit Charakter. Genau das sei es doch, was die beliebten Viertel in München ausmacht, sagen Markus Sowa (43) und Christian Hadaller (36). 

Sie sind die Vorstände der „Kooperative Großstadt“, einer der jüngsten der rund 40 Baugenossenschaften der Stadt. Das Problem: Genau dieses Erfolgsmodell beliebter Viertel werde bei Neubauprojekten fast nie angewandt, sagen die Architekten. „Der aktuelle Wohnungsbau in München ist sehr uniformiert.“

Mit ihrer Genossenschaft möchten die insgesamt 16 Gründungsmitglieder Schwung in den Markt bringen. „Wir wollen keine Häuser, die vom Erdgeschoss bis zum Dach gleich sind.“ 

Baugenossenschaften haben zum Ziel, ihren Mitgliedern günstigen Wohnraum zu verschaffen. Ihr Eigentum ist langfristig dem Markt und damit der Spekulation entzogen, die Mitglieder haben das Recht auf eine lebenslange Nutzung einer Wohnung.

Doch: Wegen der teuren Grundstückspreise sind die Genossenschaften meist auf Unterstützung der Stadt angewiesen. Die will etwa auch in Freiham nach jetzigem Stand der Planungen 1000 Wohneinheiten für Genossenschaften ausschreiben. 

Auch die „Kooperative Großstadt“ hofft,  zum Zug zu kommen. Bei aller Kritik: Die Rahmenbedingungen für Genossenschaften in der Stadt hätten sich in den letzten Jahren stark verbessert. 

Ihre Idee: Bei Neubauprojekten könnten etwa Gemeinschaftsräume, Kitas oder Büros für Selbstständige zum gemeinsamen Arbeiten in Häuser miteingeplant werden. 

Aktuell werde viel Wohnraum für Familien mit einem oder zwei Kindern geplant. „Es gibt aber auch viele Singles, Alleinerziehende oder WGs, die andere Raumangebote brauchen.“

 Langfristig angelegt sollen die Bauvorhaben sein. Von der von OB Reiter zur Zeit häufig ins Spiel gebrachten, schnellen Modulbauweise halten Sowa und Hadaller wenig. 

Eine Idee: Wieso nicht die Park&Ride-Anlage in der Aidenbachstraße mit einem Haus überbauen?

Auf einer Linie mit Reiter sind sie bei den Orten, die sie sich für innovative Projekte vorstellen könnten. Zum Beispiel die Park&Ride-Anlage in der Aidenbachstraße. „Die könnte hervorragend mit einem großen Haus für Wohnen und Arbeiten überbaut werden.“

In einem von der Genossenschaft ausgeschriebenen Fotowettbewerb schickten Teilnehmer als Anregung für neu nutzbare Flächen außerdem etwa das OEZ-Parkhaus oder Flächen unter dem Frankfurter Ring ein. Ganz schön futuristisch… 

In einer "Open Table"-Veranstaltung sammelte die Genossenschaft Anregungen für einen innovativen Städtebau.

Und klagewütige Nachbarn? Klar, die gebe es in München zuhauf. „Deswegen ist die Stadt mit ihren Planungen auch so vorsichtig.“ Aber gerade weil die Nachfrage so hoch sei, könnten Bauherren doch mal etwas wagen, finden die zwei. „Dafür muss es wirklich offene Ausschreibungen für Bauprojekte in München geben - sonst kommen immer die Gleichen zum Zug.“

Freiham: Er ist Chef des Bezirksausschusses

Herr Kriesel, Ihr Bezirk wächst bald um 20 000 Menschen. Haben Sie Sorgen?

Sebastian Kriesel (32, CSU) : Nein. Hier entsteht Europas größtes, urbanes Neubaugebiet. Hier entsteht ein Viertel in der Größe einer Kreisstadt. Das ist ein Risiko - und eine große Chance! 

Wie meinen Sie das?

Sebastian Kriesel.

Kriesel: Wir dürfen nicht die gleichen Fehler machen, wie damals im Hasenbergl oder in Riem. Da wurden Satellitenbauten errichtet, ohne Anbindung, ohne Infrastruktur. Die Menschen wollen nicht nur irgendwo wohnen, sondern auch einkaufen, und ihre Kinder in die Schule schicken. Außerdem muss die Sozialstruktur gemischt sein.

Was heißt das konkret?

Kriesel: Der Bau einer Schule läuft, die Infrastruktur wird verbessert. Davon profitieren auch die „Alteingesessenen“ im Bezirk.

Wie Münchner in Zukunft leben könnten

Ein Kulturzentrum, in dem es auch Wohnungen für Flüchtlinge, ein Café und Gemeinschaftsbüros gibt: Das ist einer der ausgezeichneten Vorschläge des Ideenwettbewerbs „Wohnraum für Alle“. 

Prämierter Vorschlag: In einer Baulücke an der Schwanthalerstraße könnte ein gemeinsames Wohnhaus und Kulturzentrum entstehen.

Der Verein Deutscher Werkbund Bayern hatte Ideen gesammelt, wie die Wohnungsnot bewältigt werden kann. „Es soll günstiger Wohnraum geplant werden, der von langfristiger Qualität ist“, sagt Irene Burkhardt (64) vom Werkbund. Das könne zum Beispiel durch Gemeinschaftsräume geschafft werden, durch die Wohnungen kleiner sein könnten.

Das Münchner Architekturbüro Palais Mai etwa schlägt vor, das Kulturzentrum Import Export in eine Baulücke in der Schwanthalerstraße umziehen zu lassen. Derzeit ist es im Kreativquartier an der Dachauer Straße angesiedelt. 

Bislang fehlt das Geld, die Idee umzusetzen. „Es soll ein Stadthaus entstehen, das als Kulturzentrum, für Flüchtlingswohnungen oder auch für Übernachtungen von Künstlern genutzt werden kann“, sagt Architekt Peter Scheller. 

Eine andere Idee: Das Berliner „FAR Frohn & Rojas“-Büro schlägt vor, Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge privater zu gestalten. So soll es einzelne Schlafräume, aber auch gemeinsame Innenhöfe und öffentlich zugängliche Plätze geben. „Das alles ohne Mehrkosten“, sagt Architekt Max Koch. 

GB

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