Er hat nie weggeschaut

Freundlich, korrekt, ausgeprägter Gerechtigkeitssinn: So beschreiben Nachbarn und Mitarbeiter Dominik B. (50). Er wurde am Samstag zu Tode geprügelt.

München - Das Opfer der brutalen Schläger von Solln: Dominik B. Der Vater des Opfers, Dr. Oskar B., war seit Anfang der 1960er-Jahre in der traditionsreichen Erlus AG (gegründet 1842) der führende Kopf.

Die Firma ist in der deutschen Baubranche einer der größten Hersteller für Dachziegel und Schornsteine. An zwei niederbayerischen Produktions-Standorten erwirtschafteten 600 Mitarbeiter im Vorjahr einen Umsatz von 93 Millionen Euro. Dominik B. stieg 1994 in die Unternehmensleitung auf, war dort unter anderem für die Finanzen und das Personal zuständig.

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Sein Vater, den sie in Ergoldsbach sympathisch-respektvoll „den Doktor“ nennen, sitzt nach wie vor im Aufsichtsrat. Das Glück der Familie B. war bis Samstag perfekt. Der Sohn stand erfolgreich in den Fußstapfen des Vaters, der demnächst seinen 80. Geburtstag feiert. Und seit kurzem war er den Eltern auch privat wieder ganz nah: Ihnen zuliebe zog Dominik B. erst im Frühjahr zurück nach Ergoldsbach. Er wohnte im Anwesen neben dem Erlus-Kaminwerk – und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Elternhaus. „Er wollte sich einfach um sie kümmern und für sie da sein“, sagt ein Mitarbeiter der Firma, der seit über 30 Jahren dort arbeitet. „Ich kenne Dominik B. , seit er ein Bub war. Ich kann das alles noch gar nicht fassen.“

Der Mann hatte zwar aus den Nachrichten vom dem Verbrechen gehört. Doch München, das ist von Ergoldsbach aus weit weg. „Dass es sich dabei um meinen Chef handelt: Nein, das kann ich noch nicht glauben!“, sagt der Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will. Dominik B. hatte in Solln eine Zweitwohnung, verbrachte dort mit seiner Lebensgefährtin häufig die Wochenenden. Nachbarn haben ihn dort oft seine Anzüge zur Reinigung bringen sehen. Sie beschreiben ihn als sehr gepflegten, zurückhalteten und freundlichen Mann. Kopfschütteln auch hier über das Verbrechen, dass sich quasi vor ihrer Haustür abgespielt hat, nur 500 Meter entfernt am ­S-Bahnhof. Dort haben sich auch Freunde mit einem Brief verabschiedet: „Lieber Nick, wir vermissen Dich. Du lebst in uns weiter! Deine 7.“

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Zurück nach Ergoldsbach: Bürgermeister Ludwig Robold erhielt am Sonntag am Stammtisch die schreckliche Botschaft. Kurze Zeit später war der Angriff auf Dominik B. das Gesprächsthema in dem 7500-Seelen-Ort. Genauso wie im nur fünf Kilometer entfernten Neufahrn. Dort steht die Erlus-Hauptverwaltung. Man mag sich kaum ausmalen, wie die Stimmung dort am Montag ist. Wenn die Mitarbeiter zur Arbeit kommen und viele erst dann erfahren, was passiert ist. Dominik B. s Vorstandskollegen Peter Maier und Dr. Rüdiger Grau trafen sich bereits am Sonntag , um sich mit der Tragödie auseinandersetzen. „Wir sind alle geschockt und wollen uns dazu aber nicht weiter äußern“, bat Maier um Verständnis.

Erst im Mai hatte er zusammen mit Dominik B. dessen 50. Geburtstag gefeiert. Bürgermeister Robold war ebenfalls dabei. „Es war ein schönes Fest, der Dominik B. war ja bei allen beliebt und sehr angesehen!“ Auch der altgediente Erlus-Mitarbeiter beschreibt seinen Chef, einen gelernten Juristen, als nett, bodenständig – und vor allem mit einem großen Drang zur Gerechtigkeit: „Er hat sich schon immer eingemischt, im Positiven natürlich. Er wollte immer schlichten.“ Nicht wegschauen, sondern einschreiten und helfen: Das wollte Dominik B. auch am Samstag, als die beiden Brutalo-Schläger in der S-Bahn andere Jugendliche anstänkerten. Dominik B. hat seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlt.

Stefan Dorner

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