GWG-Projekt in Ramersdorf

Nachverdichtung nicht um jeden Preis: Bürger stoppen Neubauten

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Das wäre der Idealzustand, aber in München fehlt es an allen Ecken und Enden an bezahlbarem Wohnraum. 

München - Nachverdichtung ist ein Rezept, um der Wohnungsnot in München zu begegnen. Doch nicht um jeden Preis. In Ramersdorf wurde nun ein GWG-Projekt nach dem Protest von Bürgern abgespeckt. Kommunalpolitiker halten dies für einen Einzelfall. Prinzipiell seien Projekte wie „Wohnen für alle“ der richtige Weg.

Es ist ein ständiger Zwiespalt, und er wird umso offenkundiger, je größer der Zuzug: Auf der einen Seite gibt es den Druck der Stadt, Wohnungen zu bauen, auf der anderen Seite steht die Skepsis der Anlieger. Die städtische Wohnungsgesellschaft GWG, die über das gesamte Stadtgebiet 28.000 Wohnungen in ihrer Obhut hat, weiß ein Lied davon zu singen. „Egal, wo gebaut wird, man hat überall Widerstand“, sagt GWG-Sprecher Michael Schmitt. Das war bei der Sanierung der Maikäfersiedlung in Berg am Laim so oder bei der derzeit laufenden Modernisierung der GWG-Siedlung an der Haldenseestraße in Ramersdorf. Die Hauptargumente der protestierenden Bürger seien meist ähnlich: Der Ausblick werde verbaut oder der Parkplatzdruck im Viertel sei ohnehin schon immens.

Die Angst der Bürger vor der Verdrängung

Eine ähnliche Beobachtung macht der planungspolitische Sprecher der CSU, Walter Zöller, beim Thema Nachverdichtung. Die Befürchtung der Bürger sei: Mehr Verkehr und Gentrifizierung. Sprich: Reiche Leute verdrängen Geringverdiener.

Doch bei allem Verständnis für die Sorgen alteingesessener Bewohner: „Wir brauchen die Wohnungen“, sagt Zöller. Und angesichts knapper Flächen sei das Aufstocken vorhandener Gebäude der Königsweg.

Auch der Kooperationspartner SPD hatte sich immer wieder dafür ausgesprochen, das Potenzial bestehender Siedlungen für zusätzlichen Wohnungsbau zu nutzen und auch Zwischenflächen zu bebauen.

Nach Bürgerprotesten abgespeckt

Wie bei der geplanten Neubaumaßnahme der GWG-Siedlung in Ramersdorf zwischen Ständler-, Görzer-, Puechberger- und Balanstraße, die nun jedoch abgespeckt wurde. Grund: Eine Wiese wäre komplett zerstört worden. 105 Wohneinheiten in sechs quadratisch geschnittenen Gebäuden wären vorgesehen gewesen, nun sollen es nur 70 Wohnungen in vier Häusern werden, um das Grün zu retten. „Die beiden geplanten Bauten auf der Seite Ständlerstraße kommen erst einmal nicht“, erklärt GWG-Sprecher Schmitt. Dieser Beschluss war zu Beginn der Woche in der städtischen Arbeitsgruppe zum Sofortprogramm „Wohnen für alle“ gefallen. Der Protest von Anwohnern und Bezirksausschuss war somit von Erfolg gekrönt.

Dazu beigetragen hat offensichtlich auch ein Schreiben aus dem OB-Büro, in dem Dieter Reiter (SPD) die GWG gebeten hat, die Pläne vor dem Hintergrund der Proteste zu überdenken. Ein ähnliches Machtwort hatte der OB bei dem „Wohnen für alle“-Projekt am Dantebad gesprochen. Auch dort handelt es sich um Wohnungen für Geringverdiener und anerkannte Flüchtlinge. Ursprünglich war vorgesehen, auf dem Parkplatz des Dantebads nur Einzimmerappartements zu bauen. Nun sollen auch größere Wohnungen gebaut werden, die Familien vorbehalten sind.

Projekt für einkommensschwache Gruppen

Das Programm „Wohnen für alle“ ist ein Pilotprojekt für einkommensschwache Gruppen. Im Jahr 2016 sollen in dem Rahmen bei zehn Einzelvorhaben 1000 Wohnungen gebaut werden, bis 2019 insgesamt 3000. OB Reiter nennt das Programm einen „wohnungspolitischen Paukenschlag“. Jedenfalls wird die Initiative parteiübergreifend vom Stadtrat begrüßt, wobei Zöller konstatiert, das Projekt Dantebad sei planerisch „ein Schnellschuss“ des OB gewesen.

Der Ansatz des Projekts „Wohnen für alle“ dürfte auch im Sinne des Mietervereins sein. Der hatte unlängst beklagt, dass nachverdichteter Wohnraum oft viel zu teuer sei. Nachverdichtung bedeutet, dass in bereits bebauten Gebieten Lücken geschlossen, Dachgeschosse aufgestockt oder Innen- und Hinterhöfe bebaut werden. Der neueste Statusbericht der Stadt weist bis zum Jahr 2035 ein geschätztes Potenzial von 61 000 Wohneinheiten aus. Etwa ein Drittel davon sollen durch Nachverdichtungsmaßnahmen entstehen. Derzeit leben in München gut 1,5 Millionen Menschen, bis zum Jahr 2030 werden es 1,7 Millionen sein.

Bei der GWG-Siedlung in Ramersdorf ist im Übrigen das letzte Wort noch nicht gesprochen. Denn auch wenn die beiden Gebäude im Innenhof im Rahmen des Sofortprogramms „Wohnen für alle“ nun nicht entstehen, das generelle Baurecht dort bleibt bestehen. „Das Planungsreferat sieht weiterhin Baurechtspotential an dieser Stelle“, sagt Sprecher Ingo Trömer. Laut GWG sollen die Gesamtpläne für die Siedlung noch einmal überarbeitet werden.

Carmen Ick-Dietl und Klaus Vick

Klaus Vick

Klaus Vick

E-Mail:klaus.vick@merkur.de

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