Unbekannte Ecken in unserer Stadt

Die Stadt der 477 Dörfer: Das Geheimnis im Wald

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Geschäftsführer Michael Strobach zeigt das ­Modell des Anbaus.

München - "München ist ein Dorf", heißt es gern im Volksmund – und mit diesem Satz liegt man gar nicht so verkehrt. Warum? Wer länger als ein Jahr hier lebt, trifft überall Bekannte.

"München ist ein Dorf", heißt es gern im Volksmund – und mit diesem Satz liegt man gar nicht so verkehrt. Warum? Wer länger als ein Jahr hier lebt, trifft überall Bekannte. In der Kaufingerstraße, an der S-Bahn oder im Englischen Garten – anonym ist was anderes. Ein Gemeinschaftsprojekt von tz und tz.de zeigt Ihnen, liebe Leser, dass München tatsächlich auch geografisch aus 477 Dörfern besteht. In einer spannenden Serie stellen wir fest, dass die bekannten 25 Bezirke (Bogenhausen, Sendling, Schwabing usw.) noch einmal viel genauer unterteilt sind. Gefunden haben wir dort ein Geheimnis – tief im Wald liegt die Klinik Menterschwaige. In der Psychiatrie werden viele hundert Menschen gesund. Wir stellen heute den Grund dafür vor: das Team der Klinik.

Die 66 ohne Namen

Unser Aufruf an Sie, liebe Leser: Machen Sie die Stadtkarte grün! Leider finden sich auf unserer Karte immer noch rund 60 rote Fleckerl. Sie stehen für die Dörfer, die nach unseren Recherchen noch keinen offiziellen Namen tragen. Auch aus der langjährigen Geschichte gehen keine Informationen über eine Namensgebung hervor. Sie wissen es besser, kennen jemanden, der in diesen Stadtteilen lebt oder wohnen gar selbst dort? Dann schicken Sie uns eine E-Mail an lokales@tz.de oder eine Karte an tz-Redaktion, 80282 München – damit auch wirklich alle 477 Dörfer einen Namen tragen.

Das Geheimnis im Wald

Auf einer dieser vielen bunten Wände steht in verbrämten Lettern ein Zitat: "Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an." Einst hat das E.T.A. Hoffmann gesagt. An die Wand geschrieben haben es die Patienten in der Klinik Menterschwaige. Und treffender hätte man das Konzept der Psychiatrie nicht in einen Satz packen können.

Das geheime Haus im Wald: Entstanden ist es 1928 als Sanatorium für junge Tuberkulosepatienten. Es gehörte zur damaligen Gemeinde Menterschwaige. Die Psychiatrie zog 1979 ein. Aber über die Jahre ist es zu eng geworden. Daher gibt es Anbau-Pläne. Geschäftsführer Michael Strobach verrät: Kosten wird der Neubau rund 3,2 Millionen Euro. Es entstehen circa 1100 Quadratmeter neue Fläche, inklusive eines Patiententraktes mit sieben Dreibett- und sechs Einzelzimmern. Auch werden Aufenthalts- sowie Therapieräume errichtet. Los geht es wohl im April, Bauzeit: sechs bis sieben Monate. Der Platz wird auch gebraucht: 300 Patienten im Quartal zählt die ambulante Psychiatrie. 62 Betten hat das Haus; stationär werden rund 340 Menschen behandelt. Und das mit einem außergewöhnlichen Ansatz: 

Zwar spielt in der Menterschwaige die Diagnose eines Patienten natürlich eine Rolle, wie Chefarzt Egon Fabian (69) erklärt. Aber: Die Kranken sollen auch daran erinnert werden, worin sie gut sind, nicht nur an das, was gerade schlecht läuft. Daher geht es in den ersten Gesprächen um die Stärken eines Menschen. Je nachdem, ob jemand künstlerisch begabt ist, als Musiker, Sportler oder Handwerker. "Wir wollen wissen, was das für Menschen sind", sagt Millieutherapeutin Hermine Pfindel (57). Freilich werden die Patienten auch durch Einzeltherapien behandelt und gegebenenfalls medikamentös eingestellt. Das ist normal. Jedoch sind Millieu- und non-verbale Therapie ebenso wichtig. Ihren Talenten nach werden die Patienten in Gruppen aufgeteilt. Es gibt welche, die malen, tanzen oder Musik machen. Sogar eine Reittherapie wird angeboten. Durch ihre zumeist kreativen Arbeiten drücken sich die Patienten aus und verarbeiten auch unterbewusst ihre Krankheit. Ferner hilft die Arbeit in der Gruppe. Dadurch rücken die Kranken aus ihrer Isolation heraus. Und ganz nebenbei entstehen rund um das Klinikum kleine und große Projekte und Kunstwerke. So haben die Patienten einen Brunnen angelegt, im Sommer blüht es auf einer ehemaligen Müllhalde. Oder sie bemalen eben Wände. Zum Abschluss einer solchen Therapie, die im Schnitt 60 Tage dauert, übergeben die Patienten ihre Projekte an die Klinik. "Das ist wichtig, um den Abschluss zu finden und Wertschätzung für ihre Arbeit zu erhalten", sagt Fabian, der abschließend noch mal das Konzept des Klinikums zusammenfasst: "Es ist wichtig, sich von den Fesseln der Krankheit zu befreien." Das wäre auch ein schöner Spruch für eine Wand.

Chefarzt Egon Fabian in einem der Therapieräume. Psychologin Hermine Pfindel zeigt eine Wand, die Patienten gestaltet haben

Die gute Seele

"Es gibt hier immer etwas zu tun", sagt Mirko Galic. Der 52-Jährige ist der Hausmeister in der Klinik. "Das Haus ist sehr alt, da fällt immer Arbeit an." Elektrik, Installation – meist muss der 52-Jährige alleine ran, hin und wieder hilft ihm eine 400-Euro-Kraft.

Übergabe

Chefarzt Egon Fabian  übergibt bald die Leitung der Klinik an Oberarzt Daniel Hermelink (59). Er ist seit 2000 an der Klinik, Leitender Oberarzt seit 2002.

Der Chef der Pfleger

Harald Krüger ist seit 23 Jahren Leiter des Pflegedienstes und der Milieutherapie. Seinen Dienst in der Klinik Menterschwaige versieht der 59-Jährige seit 25 Jahren.

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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