Zu Besuch in einer kleinen Enklave

Münchens 477 Dörfer: Haben Sie eine Idee, wo Unterdill liegt?

München - Unser Daten-Team hat eine exklusive Karte erstellt, die zeigt, aus welchen 477 Dörfern die Stadt München besteht. Nun waren wir zu Gast in Unterdill.

„München ist ein Dorf“, heißt es gerne im Volksmund – und mit diesem Satz liegt man gar nicht so verkehrt. Warum? Wer länger als ein Jahr hier lebt, trifft überall Bekannte. In der Kaufingerstraße, an der S-Bahn oder im Englischen Garten – anonym ist was anderes. Ein Gemeinschaftsprojekt von tz, tz.de und Merkur.de zeigt Ihnen, liebe Leser, dass München tatsächlich auch geografisch aus 477 Dörfern besteht. In einer spannenden Serie stellen wir fest, dass die bekannten 25 Bezirke (Bogenhausen, Sendling, Schwabing usw.) noch einmal viel genauer unterteilt sind. Eine interaktive Karte finden Sie dazu unten.

Hier dreht sich alles um die Enklave in Unterdill. Sie finden diese ganz unten links auf der Karte. Sie liegt zwar nicht mehr im Stadtgebiet, gehört aber noch zu München. Lesen Sie hier, wie Schützen, Förster und Gastwirte in diesem Idyll leben.

Sascha Karowski

Hochbetrieb im Denkmal-Saal

Oberkellner Vasileios Kalogiannis im denkmalgeschützten Saal.

Hier treffen sich die Schützen: Das Poseidon in Unterdill ist aber nicht nur die Vereinsgaststätte der Hubertus-Schützen – der Schlemmertempel ist längst kein Geheimtipp mehr. Das sagt Vasileios Kalogiannis (42). Er kam vor 22 Jahren nach Deutschland, vor 19 Jahren hat er als Oberkellner im Poseidon angefangen, als das Restaurant eröffnete. Das Haus gibt es freilich schon länger. „Wir hatten ganz früher einen italienischen Pächter, dann ein deutsches Ehepaar“, sagt Hubertus-Chef Robert Schmid. „Aber mit dem waren wir nicht so zufrieden.“ Dann kamen die Griechen, seitdem läuft es. „Uns war es wichtig, dass die Schützen auch einen Ort haben, um gesellig beisammenzusitzen“, sagt Schmid. Das nutzen nicht nur die Schützen. Der historische, denkmalgeschützte Saal bietet Platz für bis zu 200 Personen. Hochzeiten, Geburtstage werden hier gefeiert. Auch die anderen Forstenrieder Vereine sind regelmäßig zu Gast.

Das Gasthaus gibt es seit 1924, nun heißt es Poseidon.

Idyllisch ist es schon in Unterdill, aber über zu wenig Betrieb kann sich der Pächter nicht beschweren. Draußen führt ein Münchner Radweg vorbei, der Biergarten des Poseidon ist im Sommer proppenvoll. Apropos Sommer: Ans deutsche Wetter gewöhnt man sich als Südländer wohl nie so ganz, oder? „Ich bin aus Griechenland, klar ist es da wärmer“, sagt Kalogiannis und lacht: „Aber 22 Jahre habe ich ja jetzt schon durchgehalten.“

Dieser Verein ist zum Schießen!

Einst haben die Hubertus-Schützen da draußen niemanden gestört. 1924 war das, als der Verein gegründet wurde. Dazu eine Schießanlage, eine Wirtschaft und der Festsaal in Unterdill. Der steht sogar unter Denkmalschutz. Doch über dem Idyll zogen dunkle Wolken auf. Denn München wuchs, und die Häuser kamen immer näher an die Anlage heran. „Seit 1972 dürfen wir nur an zwei halben Tagen in der Woche schießen“, sagt Hubertus-Vorsitzender Robert Schmid.

Dabei ist die Anlage sehr beliebt! Wer es nicht glaubt, sollte mal an so einem Schießtag vorbeischauen. Autos aus München, Bad Tölz, Starnberg, Miesbach, Fürstenfeldbruck – das ganze Münchner Umland rückt an. 320 Mitglieder hat der Verein. „An den Schießtagen ist hier die Hölle los“, sagt Schmid.

Robert Schmid ist seit 40 Jahren Schütze, seit 1980 im Verein und seit sechs Jahren Vorsitzender. Der Verein hat eine der größten Anlagen im Stadtgebiet: Neun 100-Meter Schießstände gibt es fürs Gewehr, vier 25-Meter-Stände für Pistole. Und hinter dem Schützenhaus eine Freifläche für Wurfscheiben.

Außerdem bietet der Verein als einer der wenigen Ausbildungen für die Jäger an. Und irgendwie auch für Schauspieler: Gerd Silberbauer hat hier für seine Soko-Rolle trainiert.

Die Schützen sind Teil der Forstenrieder Vereinsfamilie. Regelmäßig treffen sich die Vorstände. Es gibt einen regen Austausch. Auch gefeiert wird zusammen. Zum 90-jährigen Bestehen kamen auch die übrigen Vereine zum Gratulieren. Und auch die Nachbarn der Schützen. „Es hat lange gedauert, bis wir uns wieder ein bisschen angenähert haben“, sagt Schmid. Darüber ist er sehr froh. Demnächst soll die Anlage auch umgebaut werden, der Verein investiert in den Lärmschutz. Die Schützen wollen schließlich niemanden stören.

Er ist der Waldwächter

Andreas Wallner lebt seit 1991 in dem Idyll an der Autobahn.

Die Serie Forsthaus Falkenau hat sich Andreas Wallner gerne angeschaut. „Dort wurden auch immer mal wieder wirklich reale Probleme behandelt, wie etwa der Umweltschutz“, sagt der 51-Jährige. Sonst habe die Serie aber mit dem echten Leben eines Försters wenig gemein. Und Wallner muss es wissen, denn er ist Förster, Revierleiter im Forstenrieder Park. Seit 1991 wohnt und arbeitet der 51-Jährige in Unterdill. 1500 Hektar misst sein Revier.

Die Wohnanlage entstand 1960 und war zunächst für Arbeiter aus dem Forstbereich vorgesehen. Mittlerweile wohnen aber auch Privatleute im Idyll an der Autobahn.

Förster war Wallners Traumberuf, doch es hat sich etwas verändert. „Es ist über die Jahre betriebswirtschaftlicher geworden“, sagt er. Und insgesamt mehr! „Als ich angefangen habe, gab es noch vier Reviere. Jetzt sind es zweieinhalb.“ Die Arbeit hat er trotzdem immer vor Augen. „Es ist zwar sehr schön hier draußen“, sagt der Familienvater. „Der Wald ist vor der Haustüre. Aber die Arbeit damit auch.“

Und die sieht so aus: Wallner entscheidet nicht nur, wo Bäume gepflanzt oder gefällt werden. Orkan Niklas hatte Ende März gewütet. Mit den Aufräumarbeiten sind die Förster immer noch beschäftigt.

Zudem wird aus dem einst reinen Fichtenwald immer mehr ein Mischwald. Denn diese gelten als gesünder. Auch die Jagd ist ein Thema, ein Großteil des Reviers gehört zum Wildpark. Der Tierbestand muss in Maßen gehalten werden, damit junge Bäume wachsen können. Daher arbeitet Wallner mit einem Revierjäger zusammen.

Doch wann und wie Andreas Wallner arbeitet, bleibt ihm überlassen. Es gibt Vorgaben, Zahlen und Termine. „Aber ich kann mir die Zeit einteilen“, sagt Wallner. „An einem Tag arbeite ich zehn, dann am anderen nur sechs Stunden.“ Das war im Fernsehen auch nicht so.

Machen Sie die roten Dörfer grün

Unser Aufruf an Sie, liebe Leser: Machen Sie die Stadtkarte grün! Leider finden sich auf unserer Karte immer noch rund 60 rote Fleckerl. Sie stehen für die Dörfer, die nach unseren Recherchen noch keinen offiziellen Namen tragen. Auch aus der langjährigen Geschichte gehen keine konkreten Informationen über eine mögliche Namensgebung hervor. Sie wissen es besser, kennen jemanden, der in diesen Stadtteilen lebt oder wohnen gar selbst dort? Dann schicken Sie eine E-Mail mit Ihrer Geschichte an lokales@tz.de oder erzählen Sie uns diese über unser Leserreporter-Tool - damit auch wirklich alle 477 Dörfer einen Namen tragen.

Rubriklistenbild: © Jantz

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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