Weil der Bürger so eigen ist

Münchens 477 Dörfer: Experte erwartet Widerstand

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Helmuth Stahleder vergleicht unsere Grafik mit dem Buch von Dr. Elmar Huss.

München - Was fast niemand wusste: München besteht aus 477 Dörfern. Diese namentlich bennen? "Eine heikle Angelegenheit", meint Buchautor Helmuth Stahleder. Wir haben dem Historiker unsere Karte gezeigt.

Helmuth Stahleder, 75, ist Buchautor von "Von Allach bis Zamilapark" und ehemaliger Vize-Leiter des Münchner Stadtarchivs. Wenn sich jemand mit den Münchner Viertelnamen auskennt, dann er. Im zweiten Stock des Münchner Stadtarchivs zeigen wir dem leidenschaftlichen Historiker unsere Grafik. Beim Blick auf die exklusive Karte unseres Datenteams möchte er es gar nicht glauben: "Das sind wirklich 477?"

Definitiv. Mehr als 400 haben sogar einen Namen. Stahleder lacht und spricht von einer "heiklen Angelegenheit".

Der Münchner ist sehr eigen

"Weil der Auer Auer und kein Haidhauser sein möchte. Weil der Pasinger Pasinger und kein Obermenzinger sein möchte. Da regen sich die Leute bis heute auf." Stahleder spielt auf die Bezirksreform im Jahre 1992 an, als die bis dato 41 Münchner Stadtbezirke zu 24 zusammengelegt wurden. Inzwischen sind es 25, weil sich die Laimer und Schwanthaler gegen die Zusammenlegung vehement gesträubt haben. Die beiden Bezirke wurden 1996 wieder getrennt. Der Münchner ist in Sachen "Do bin i wirklich dahoam" definitiv sehr eigen.  

Kaninchenberg! So hieß das heutige Hasenbergl im 19. Jahrhundert. 

Stahleder kennt die Frotzeleien, macht auch selbst keinen Hehl daraus, dass er zum Beispiel nicht im Hasenbergl wohnen wollen würde. "Wie kann man einen Stadtbezirk nur so nennen", fragt sich der gebürtige Landshuter. Letztlich war das Hasenbergl vor etlichen Jahrzehnten ein Paradies für Kleinwild. Daher stammt auch der Name. Und mal ehrlich: Hasenbergl klingt immer noch besser als Kaninchenberg - so hieß der Ort im 19 Jahrhundert tatsächlich. 

Doch zurück zum Projekt "Die 477 Münchner Stadtviertel". Nicht auszumalen, wie der Münchner auf strittige, nicht eindeutig zuzuordnende Viertelnamen reagiert. "Da muss man mit viel Gegenwind rechnen", sagt Stahleder, der in diesem Moment ein rund 500 Seiten starkes Buch aufschlägt.  

Gescheiterte Viertel-Taufe

Helmuth Stahleder stöbert im Werk "Münchner Statistik Jahrgang 1996".

Nicht sein eigenes. Der Titel heißt "Münchner Statistik Jahrgang 1996." Verfasser des Werks ist ein gewisser Elmar Huss. Auch ein ehemaliger Leiter des Münchner Stadtarchivs. Und tatsächlich: Huss hatte es vor knapp 20 Jahren schon mal versucht, wollte den Münchner Stadtvierteln einen Namen geben. "Beim Blick in das Buch sieht man aber deutlich, dass der Mann damals an seine Grenzen gestoßen ist", sagt Stahleder, der mit den wenigen Namensgebungen nicht wirklich einverstanden ist. "Er hat sogar eine Straße als Viertelname verwendet, das kann man meiner Meinung nach nicht machen." Dann doch lieber beim Zahlensalat bleiben, die Viertel ausschließlich durchnummerieren? Stahleder ist sich jedenfalls nicht ganz sicher, ob er unser Projekt für gut oder schlecht heißen soll. Gewagt sei es allemal. 

js

 

Machen Sie die roten Dörfer grün

Unser Aufruf an Sie, liebe Leser: Machen Sie die Stadtkarte grün! Leider finden sich auf unserer Karte immer noch rund 60 rote Fleckerl. Sie stehen für die Dörfer, die nach unseren Recherchen noch keinen offiziellen Namen tragen. Auch aus der langjährigen Geschichte gehen keine konkreten Informationen über eine mögliche Namensgebung hervor. Sie wissen es besser, kennen jemanden, der in diesen Stadtteilen lebt oder wohnen gar selbst dort? Dann schicken Sie eine E-Mail mit Ihrer Geschichte an lokales@tz.de oder erzählen Sie uns diese über unser Leserreporter-Tool - damit auch wirklich alle 477 Dörfer einen Namen tragen.

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