477 Dörfer in einer Stadt

Spannende Geschichten von Münchens Stadtgrenzen

Wir erzählen im heutigen Teil der Serie spannende Geschichten aus verschiedenen Himmelsrichtungen.

München - Ein Projekt von tz und tz.de zeigt, dass München geografisch aus 477 Dörfern besteht. Zum Auftakt unserer exklusiven Serie haben wir die Stadtgrenzen besucht. Lesen Sie unterhaltsame Geschichten aus allen Himmelsrichtungen.

1. Der Norden: Bei der Meyer Gerda im Schwarzhölzl

Erst seit drei Jahren führt eine befestigte Straße zum Häuschen von Gerda Meyer. „Vorher war das eine Schotterpiste“, sagt die 68-jährige Niederbayerin, die seit 1969 im Schwarzhölzl, Münchens nördlichstem Viertel, lebt. Gleich hinter dem Erdwall, am Ende des Regattaweges, beginnt der Landkreis München und die Gemeinde Oberschleißheim.

Gerda Meyer lebt am nördlichsten Zipfel der Stadt und zeigt auf ein Bild ihres Anwesens.

Gerda Meyer fühlt sich wohl am Stadtrand. Doch Anfang der 1970er-Jahre, kurz vor den Olympischen Spielen, drohte der kleinen Siedlung der Abriss. Bis vor knapp zehn Jahren galten die Häuser im Regattaweg noch als Schwarzbauten. „Auch wir haben damals bewusst einen Schwarzbau gekauft“, erinnert sich Meyer. „Aber die Stadt hat den Kauf zunächst abgesegnet. Für uns war es natürlich günstig.“

Ihr Haus steht seit 1957. Schon Jahre zuvor, während des Zweiten Weltkrieges, siedelten sich im Norden Münchens Flüchtlinge aus dem Sudetenland an. Damals war Feldmoching noch eine eigenständige Gemeinde. Die Alliierten bauten notdürftige Baracken, in der Innenstadt war kein Platz. Dort war es auch zu gefährlich. Nach und nach hat man die Hütten durch stabile Häuser mit richtigen Mauern ersetzt – ohne echte Genehmigung.

Wegen der Regattastrecke wäre ihr Haus fast abgerissen worden.

Die ehemalige Grashofsiedlung war ursprünglich Heimat von Vertriebenen und wurde von allen Seiten geduldet – bis kurz vor Olympia. „Dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel waren wir ein Dorn im Auge. Unsere Siedlung sollte komplett abgerissen werden“, erzählt Meyer. Grund: Gleich nebenan wurde die über zwei Kilometer lange Ruderregatta gebaut. 1974 schaute also die ganze Welt auf München und damit auch auf den Schandfleck aus willkürlich errichteten Bauten. Meyer: „Wir passten da wohl nicht ins Bild.“

Doch es kam anders: „Mein Mann hat immer gesagt, ich soll mir keine Sorgen machen. Wir kommen hier nicht weg. Und er hatte recht.“ Eine neu formierte Siedlungsgemeinschaft verhinderte den Abriss. Die Ruderregatta wurde vor über 40 Jahren beinahe zum Fluch für die kleine Siedlung. Heute ist sie für Anwohner und Erholungssuchende ein beliebter Treffpunkt. „Mit meinen Enkeln umfahre ich den See oft mit dem Radl. An heißen Tagen, wie wir sie im Vorjahr hatten, kann man dort auch wunderbar baden“, sagt Gerda Meyer und verspricht: „Hier geh ich nicht mehr weg.“

2. Der Osten: Hier geht’s um die Wurst

Am östlichsten Stadtrand, dort wo mit Messehallen und Industrieparks eine moderne, sterile Welt entstanden ist, lebt ein kleines Stück Münchner Tradition weiter. Seit 1982 steht die Metzgerei Kuffler für bodenständige wie extravangante Produkte aus der Region. Die tz war zu Besuch in der Schmankerlzentrale, die auch so manchen Innenstädter anlockt.

Metzgermeister Udo Flade in der Fleisch-Reifekammer.

Genüsslich beißt Metzgermeister Udo Flade in die knackige Debreziner. „So muss sie sein“, sagt er zufrieden. Erst wenige Minuten zuvor haben seine Kollegen das Brät in den Darm gefüllt, die Würste geräuchert und vorgebrüht. „Frischer geht’s nicht.“ Auf ihre Wurstspezialitäten ist die Familie um Metzgerei-Chef Sebastian Kuffler besonders stolz: „Durch unsere gute Verkehrsanbindung werden wir häufig von Fernfahrern besucht. Vor allem unsere Hauswurst ist der Renner.“

Der Tag in Münchens östlichster Metzgerei beginnt, wenn die Stadt noch schläft. Flade: „Unsere Häuser wollen schon am Vormittag mit frischer Ware versorgt sein. Wir fangen deshalb schon zwischen 3 und 4 Uhr morgens an. Dann werden Hendl mariniert, Rinderlenden portioniert, frisches Hackfleisch für Burger durch den Fleischwolf gedreht und ganz wichtig: Würste gemacht. Direkt im Anschluss gehen die Schmankerl in die eigenen Betriebe. Dazu zählen das Spatenhaus, der Haxenbauer, das Seehaus, das Hotel Palace und natürlich der Hofladen direkt auf dem Produktionsgelände. Aber auch externe Kunden befinden sich unter den Abnehmern. Metzgermeister Flade: „Wir beliefern zwei Lokale am Flughafen, das Restaurant in der Menterschwaige und sogar in Frankfurt haben wir Kunden.“ In einer separaten Küche werden die Gerichte für Kufflers Catering-Service zubereitet. Der Chef: „Die Lage am Messegelände ist gerade für diesen Geschäftszweig ein Segen.“

Sebastian Kuffler vor der modernen Metzgerei in Riem.

Seit viereinhalb Jahren wursteln die Kufflers schon im Münchner Osten. Aus einer Hinterhofmetzgerei im Westend entwickelte sich der Betrieb zu einer modernen Wurstwarenmanufaktur, die nach höchsten Hygienestandards arbeitet. Auch wichtig: Die Herkunft des Fleisches. Food-Scout Rene Pfaff: „Wir halten viel persönlichen Kontakt zu unseren Lieferanten. Besuche bei Höfen am Tegernsee oder in Lenggries gehören einfach dazu.“

Rund zwei Tonnen Fleisch verarbeitet die Metzgerei täglich, zur Wiesn-Zeit verdoppelt sich die Menge für das Weinzelt. Laut Sebastian Kuffler ist der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren konstant hoch. Unterschied: „Die Leute achten viel mehr auf Qualität. Und das ist auch gut so.“

3. Der Süden: Gute Hirten, junge Mütter & ein Klosterfriseur

Die idyllische Ordensgemeinschaft im Süden Münchens.

Auf einer Fläche so groß wie acht Fußballfelder, an der Grenze zu Pullach, liegt Münchens südlichstes „Dorf“. Auf dem Areal der internationalen Ordensgemeinschaft Schwestern vom guten Hirten steht vor allem eines im Mittelpunkt: Menschen fördern, fordern, helfen. Neben dem Kloster St. Gabriel findet man auf dem Gelände Kinderkrippen, Kitas, ein Blindeninstitut und sogar einen Friseur. Kloster-Bereichsleiterin Elke Pitzer: „Das ist eben nicht nur ein heiliger Ort. Hier pulsiert das Leben.“ Die tz nimmt Sie mit auf einen Rundgang:

Meike Klug arbeitet im Haus Debora.

Haus Debora – Jugendhilfeeinrichtung: Gruppenleiterin Meike Klug und fünf weitere Pädagoginnen helfen minderjährigen Müttern, ein selbstständiges Leben zu führen. Die Frauen werden über das Jugendamt vermittelt, das Haus Debora unterstützt sie dann bei allen Hürden des Alltags. Dazu zählen Arztbesuche und Behördengänge. Der Wochenplan enthält verschiedene Angebote wie gemeinsames Kochen. „Wir erziehen die Mädchen, schnell Verantwortung für ihre wichtige Aufgabe zu übernehmen“, erklärt Klug.

Kloster St. Gabriel: Die Internationale Ordensgemeinschaft Schwestern vom guten Hirten hat weltweit 6000 Niederlassungen und beherbergt auch im Münchner Süden Klosterschwestern. Seit 51 Jahren gibt es das Gelände in Solln. Vorher gehörte zum Kloster, das damals noch in der Preysingstraße angesiedelt war, eine heilpädagogische Einrichtung für Mädchen mit Realschule und Mutter-Kind-Bereich. In den vergangenen Jahren wurden die Bauten aus den 60er-Jahren nahezu komplett saniert.

Heinz-Peter Schirk vom Blindeninstitut.

Blindeninstitut: „Begegnung mit behinderten Menschen ist für Kinder wichtig für ihren Reifeprozess“, sagt Heinz-Peter Schirk, Bereichsleiter des heilpädagogischen Internats im Blindeninstitut. Seit 1992 werden hier 55 blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche betreut. Auch 20 Internatsplätze gibt es. Der größere Teil des Instituts liegt aber in Neuhausen. Schirk: Die Kinder lieben das weiträumige Gelände. Wir sind in der Stadt, fühlen uns aber eigentlich wie auf dem Land.“

Klosterfriseur Erwin G. Jahn.

Klosterfriseur: „Von außen kaum wahrnehmbar, keine Laufkundschaft, sechs Tage die Woche geöffnet – wenn Sie pleitegehen möchten, machen Sie das“, sagt Friseurmeister Erwin G. Jahn. Der Inhaber des Friseurladens auf dem Klostergelände hat es trotzdem gewagt und geschafft. Sein Geschäft heißt folgerichtig Klosterfriseure. Sein extravagantes Konzept aus Stilberatung, zeit­intensiver Behandlung und Service macht sich bezahlt. Passend zur neuen Frisur bietet Jahn im Kosmetikstudio Behandlungen an. „Ein Besuch bei uns ist wie ein Wellnessurlaub mitten im Alltag.“ (www.klosterfriseure.de)

4. Der Westen: Im Westen ist es ziemlich Schaf

Das ist ziemlich Schaf! Aus ihrer Liebe zu Tieren hat Elke Lampertsdörfer nie ein Geheimnis gemacht – mittlerweile aber ein Projekt. Die Aubingerin nennt es „meet a sheep“, sie lädt ein zum Schafe-Treffen!

Aufgewachsen ist die 45-Jährige in Aubing. Und mit Schafen. „Mein Vater hat eine große Herde mit 200 Tieren“, sagt die Aubingerin. Die Tiere grasen nahe der Lohe, in der Moosschwaige. Tief im Westen!

Elke Lampertsdörfer mit ihren Schafen.

Faszination Schaf: „Ich liebe es, die Tiere zu beobachten. Die haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, die Mutterschafe passen auch auf die anderen Lämmer auf. Und wenn die Tiere fressen, gibt es immer ein paar, die nach Feinden Ausschau halten.“ Immer mal wieder hat Lampertsdörfer sich um kranke Schafe gekümmert, sie gepflegt. Geschenkt wurden ihr auch welche, unter anderem von der Tierklinik. Dann waren es auf einmal 19! „Da habe ich mir gedacht, was machst du mit denen?“, erzählt die 45-Jährige. „Die kosten natürlich, also müssen sie auch etwas Geld verdienen.“

Seither verkauft die Schäferin unter anderem die Wolle der Tiere, hat aber auch „Meet a shep“ gegründet! Etwas über ein Jahr ist das nun her. Seitdem kommen regelmäßig Kinder zu Geburtstagen, Familien schauen vorbei, auch Schulklassen. Jeder, der Bock hat, darf vorbeischauen. „Während der Öffnungszeiten der Gärtnerei. Einfach vorher anrufen.“

Gärtnerei? Richtig, denn eigentlich ist die Aubingerin Gärtnerin. Wie schon ihr Vater, die Landwirtschaft ist ein Nebenerwerb. Das alles allerdings schon in der dritten Generation.

Elke Lampertsdörfer kennt den Münchner Westen. „Hier gibt es eine wunderbare Mischung aus dörflichem Charakter und der Nähe zur Stadt, sehr schön für Familien “, sagt sie. „Es ist ganz toll, du setzt dich in die S-Bahn, und in 20 Minuten bist du am Marienplatz. Und Aubing wächst stetig.“

Der Münchner Westen, ein Ort zum Alt werden. Das gilt nicht nur für Menschen. „Ich habe als Kind schon mitbekommen, wie mit Nutztieren umgegangen wird. Das stört mich“, sagt Lampertsdörfer. „Meine Tiere werden nicht geschlachtet. Bei mir dürfen sie in Würde alt werden.“ Das ist ziemlich Schaf!

Machen Sie die roten Dörfer grün!

Unser Aufruf an Sie, liebe Leser: Machen Sie die Stadtkarte grün! Leider finden sich auf unserer Karte immer noch rund 60 rote Fleckerl. Sie stehen für die Dörfer, die nach unseren Recherchen noch keinen offiziellen Namen tragen. Auch aus der langjährigen Geschichte gehen keine konkreten Informationen über eine mögliche Namensgebung hervor. Sie wissen es besser, kennen jemanden, der in diesen Stadtteilen lebt oder wohnen gar selbst dort? Dann schicken Sie eine E-Mail mit Ihrer Geschichte an lokales@tz.de oder erzählen Sie uns diese über unser Leserreporter-Tool - damit auch wirklich alle 477 Dörfer einen Namen tragen.

Johannes Heininger, Sascha Karowski, Johannes Schelle

Johannes Heininger

Johannes Heininger

E-Mail:Johannes.Heininger@tz.de

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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