Kleingärtner im Daglfinger Moos

Münchens 477 Dörfer: Das Paradies am Stadtrand

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Horst (68) und Marion (64) Vetter.

München - München besteht aus 477 Dörfern - das zeigen wir Ihnen, liebe User, mit unserer ausführlichen Karte am Ende dieses Artikels. Außerdem werfen wir heute einen Blick über den Gartenzaun - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

„München ist ein Dorf“, heißt es gern im Volksmund – und mit diesem Satz liegt man gar nicht so verkehrt. Warum? Wer ­länger als ein Jahr hier lebt, trifft überall ­Bekannte. In der Kaufingerstraße, an der ­S-Bahn oder im Englischen Garten – anonym ist was anderes. Ein Gemeinschaftsprojekt von tz und tz.de zeigt Ihnen, liebe Leser, dass München tatsächlich auch geografisch aus 477 Dörfern besteht. In einer spannenden Serie stellen wir fest, dass die bekannten 25 Bezirke (Bogenhausen, Sendling, Schwabing usw.) noch einmal viel genauer unterteilt sind. Heute werfen wir einen Blick über den Gartenzaun – besser gesagt: über ganz viele. Die Kleingärtner im Daglfinger Moos zeigen uns ihr kleines Paradies ganz am Rande der Stadt. 

Exklusiv: Münchens 477 Dörfer - in welchem wohnen Sie?

Unser kleines Paradies

Auf den Maibaum des Kleingartenvereins ist Josef Fehn stolz wie Oskar. Und die Geschichte, wie er geklaut wurde, erzählt er auch gern. Die Burschen aus dem Nachbarort waren auf Maibaum-Diebestour nach München aufgebrochen. Doch dort hatten sie keinen Erfolg. Auf dem Weg nach Hause entdeckten sie den Baum des Kleingartenvereins am Dornacher Weg – und nahmen das gerade erst gefertigte Stück mit! „50 Schweinsbraten und 50 Liter Bier haben wir zahlen müssen, um ihn auszulösen“, erzählt der 75-Jährige und lacht.

Fehn ist Vorsitzender des Vereins Kleingartenanlage Nord-Ost 74 – so der offizielle Name. Das klingt nun wenig romantisch, ist aber ein lebhafter, gemütlicher Ort. Vor allem ein geselliger. Ein kleines Paradies. Draußen im Daglfinger Moos wird nicht nur gearbeitet, sondern auch viel gefeiert. Selbst nach den gemeinsamen regelmäßigen Aufräumarbeiten gibt es am Abend eine Brotzeit.

Kleingärtner sind gesellige Menschen.

Doch nicht alles ist lustig: Die Anlage liegt weit draußen – viel weiter geht im Stadtgebiet schon nicht mehr. Das ist Fluch und Segen gleichermaßen. Zwar sind die Kleingärtner unter sich, aber mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Anlage nicht zu erreichen. Und das birgt Probleme: „Wir haben viele ältere Mitglieder, die sich dann irgendwann das Autofahren nicht mehr zutrauen“, sagt Fehn. Konsequenz ist: Sie geben ihre Schrebergärten auf. „Da blutet mir jedes Mal das Herz, wenn jemand über viele Jahre im Verein war.“ Dabei gäbe es eine Lösung: Die Stadt müsste eine Buslinie verlängern. Die 184er-Linie zum Beispiel. Die endet bisher am Westerlandanger. Würde sie alle zwei Stunden bis zum Dornacher Weg fahren, wäre den Gartlern schon geholfen …

Der Verein ist nämlich auch kein ganz kleiner: 300 Schrebergärnter haben eine Parzelle am Dornacher Weg. „Wir sind der größte Verein mit einer zusammenhängenden Fläche“, sagt Fehn. Der kleine Einschub ist nötig, um das Prädikat nicht an Land in Sonne zu verlieren. Die Anlage ist nämlich tatsächlich die größte, allerdings wird sie von der Garmischer Straße geteilt.

Und damit auf seiner Parzelle nicht jeder machen kann, was er will, gibt es das Bundeskleingartengesetz. Außerdem hat jeder Verein noch seine eigenen Spielregeln. Im NO74 dürfen beispielsweise Solarkollektoren auf den Dächern angebracht werden – allerdings nicht größer als einen Quadratmeter. Das Grillen im Garten ist zwar erlaubt, es darf aber kein fest installierter Grill sein. Und überhaupt gilt: Rücksichtnahme auf die anderen Gartler ist oberstes Gebot! Was streng verboten ist: Wohnen im Kleingarten. Das verbitten sich die Schrebergärtner. Übernachten indes: Das ist in Ordnung – wenn man zum Beispiel zu lange gefeiert hat.

Die Preisträger

Ihr Garten ist sogar preisgekrönt: Jedes Jahr gibt jeder Kleingartenverein Vorschläge für die schönste Anlage ab. Und dabei haben Horst (68) und Marion (64) Vetter abgeräumt. „Das ist jedes Jahr ein hartes Rennen“, sagt Axel Pürkner vom Kleingartenverband München, der Dachorganisation für alle Anlagen. Dotiert ist der Preis mit 100 Euro, Vertreter des Verbandes und des Gartenbaureferats der Stadt suchen die Preisträger aus. Gekürt wird der Gewinner traditionell im Augustinerkeller, da schaut dann meist auch der OB oder ein Vertreter vorbei. Für das Ehepaar Vetter steht aber der Preis nicht im Vordergrund: „Wir sind gern an der frischen Luft. Außerdem hat man hier seine Ruhe.“

Daniel kniet sich richtig rein

Er hat es für die Kinder getan: Daniel Schumacher (35). Der Nachwuchs sollte was zum draußen Spielen haben. Außerdem hat der 35-Jährige einen technischen Beruf und sieht die Arbeit im Kleingarten als Ausgleich. Seit vier Jahren ist er im Verein, und für den wird Schumacher immer wertvoller. Er macht derzeit eine Ausbildung zum Fachberater. Dabei lernt er alles rund ums Thema Baumschnitt, Gemüse- und Pflanzenanbau, welche Bodenarten wofür geeignet sind, wie richtig gedüngt wird. Die Ausbildung hat der Verein angestoßen. Wenn Schumacher fertig ist, wird er nämlich für die Mitglieder der Anlage als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und sein Wissen weitergeben.

Am Anfang war es viel Arbeit

Für Peter (67) und Iris (57) Schieb bedeutet die Kleingärtnerei vor allem Spaß und Entspannung. Das Paar hat es auch nicht ganz so weit. Sie wohnen in Johanneskirchen und sind seit 2011 Mitglied im Kleingartenverein Nord-Ost 74. „Am Anfang war es schon sehr viel Arbeit“, sagt Iris Schieb. Denn wer eine Parzelle übernimmt, muss meist alles übernehmen: die Hütte, den Weg, manchmal sogar die Werkzeuge – das ist Verhandlungssache. Manchmal muss der Vorbesitzer seine Parzelle auch in den Urzustand zurückversetzen. Familie Schieb hat viel Zeit und Liebe in die Umgestaltung gesteckt. Heute sind sie zufrieden. „Für die Kinder ist es toll zum Spielen. Und man ist an der frischen Luft.“

tz-Stichwort Schrebergarten

Insgesamt gibt es in München 85 Schrebergartenanlagen. Davon sind drei auf Privatgrund. Die übrigen Flächen sind von der Stadt verpachtet – an den Kleingartenverband München. Der verpachtet seinerseits an die örtlichen Vereine und die wiederum an die Kleingärtner. Rund 8700 ­Kleingarteninhaber gibt es in der Stadt, die Vereine haben aber circa 11 000 Mitglieder. Wer nämlich eine Parzelle pachten möchte, muss erst mal Mitglied in einem der Ortsvereine werden. Und tatsächlich kommen nur die Harten in den Garten: Wartezeiten von bis zu einem Jahr sind nicht ungewöhnlich, früher sogar mal bis zu sieben!

Münchens 477 Dörfer auf der Karte

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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