Hacken-, Kreuz-, Anger- & Graggenauviertel

Münchens 477 Dörfer: Was Sie über die ältesten Viertel nicht wussten

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Stefan Blum ist der Chef der letzten Münchner Mühle im Graggenauer Viertel.

München - tz und tz.de zeigt Ihnen, dass München auch geografisch aus 477 Dörfern besteht. Zum Abschluss unserer Serie geht es zu den ältesten Vierteln und buchstäblich in das Herz der Stadt.

Wir erzählen deren spannende Geschichte und treffen dabei auf Menschen, die dort leben und arbeiten.

Das bunte Treiben im Hackenviertel

„Früher war das hier die Puffstraße Nummer 1“, erzählt Friedrich Schachinger. „Mein Vater hat damals noch mit dem Pfarrer der Pfarrei St. Peter prozessiert, um das zu ändern.“ Erfolglos. „Aber für mich hatte das Vorteile. Ich hatte häufig Besuch von meinen Schulkameraden“, sagt Schachinger und lacht.

Geändert hat sich die Nachbarschaft in der Josephspitalstraße und im Hackenviertel ganz von allein. „Es hat sich sehr gewandelt, früher gab es hier eine Amikneipe neben der anderen“, sagt Schachinger. „Heute ist es eine sehr beliebte Wohngegend.“  Geblieben ist indes das Kunsthaus Schachinger, das Friedrich (60) und seine Frau Karin (67) mittlerweile in der vierten Generation betreiben. Und die beiden arbeiten nicht nur in dem Haus, sie leben dort auch. Friedrich Schachinger seit seiner Geburt. „Ich hab mal vorne gewohnt, mal hinten im Gebäude – je nach Lebenssituation.“

Dass er das Kunsthaus mal übernehmen würde, war lange nicht klar. Friedrich Schachinger ist Rechtsanwalt, seine Frau Karin Polizistin. Sie war sogar einst die erste Frau in Münchens Mordkommission.

Friedrich und Karin Schachinger.

Um aber die Zukunft des geschichtsträchtigen Kaufhauses nicht zu gefährden, gaben beide ihre Berufe auf. „Mein Vater hatte die Betriebe verkauft, früher gab es ja noch ein großes Lack-Geschäft nebenan.“ Der neue Besitzer meldete 1994 Konkurs an, Schachingers übernahmen das Kunsthaus wieder. „Seitdem sind wir am Rödeln.“
Und sie rödeln in einer immer bunteren Nachbarschaft, wie Friedrich Schachinger feststellt. „Mittlerweile geht es hier sehr multikulturell zu.“ Franzosen, Finnen, Kanadier hat Friedrich Schachinger schon getroffen. Das Hackenviertel – das bunte Treiben ist geblieben.

Altstadt-Polizist will Standl-Mann werden

Erwin Noll.

Am meisten ärgert Erwin Noll, dass immer mehr der alten Läden verschwinden. „Da geht ein Stück München verloren“, sagt der 58-Jährige. Seit 16 Jahren ist der Polizist Erwin Noll Kontaktbeamter in der Altstadt – und damit einer der dienstältesten Polizisten im Kreuzviertel. „Einen gibt es noch, der ist ein halbes Jahr länger dabei“, erzählt Noll und lacht.
Seine Karriere bei der Polizei war vorgezeichnet, sie lag in den Genen. „Mein Vater war Polizist und mein älterer Bruder auch.“ Vor 39 Jahren ist Noll dann ebenfalls in den Dienst eingetreten, helfen und beschützen. Zunächst war er in Milbertshofen, dann in verschiedenen Inspektionen im Münchner Norden. Schließlich zog es ihn in die Altstadt, wo er vor allem rund um den Viktualienmarkt als Ansprechpartner fungiert.

Der Dienst habe sich nicht sehr verändert, die Menschen auch nicht. Und bei den Touristen seien auch „90 Prozent höflich und freundlich“. Was sich dennoch verändert hat: Es ist hektischer geworden in der Innenstadt. Mehr und mehr übernehmen Ketten die kleinen Geschäfte, Familienbetriebe machen dicht! „Das ist schade.“

Wenn er in Pension geht, dann mit schönen Erinnerungen. „Die Menschen werde ich vermissen, die Ladenbesitzer und Standl-Betreiber am Viktualienmarkt.“ Damit ihm nicht fad wird, will sich Erwin Noll für ein oder zwei Tage einen Job suchen – an einem der Standl am Viktualienmarkt vielleicht. „Da habe ich gute Beziehungen“, sagt er..

Im Februar nächsten Jahres ist es so weit. Erwin Noll geht dann in Ruhestand. Und ein Stück München geht mit ihm verloren.

Mehr Minga geht nicht

Moses Wolff.

Moses Wolff (46) liebt das Angerviertel. „Es ist einfach sehr, sehr schön hier“, sagt der Kabarettist. Seit 14 Jahren lebt er dort – von Neuhausen ist er reingezogen. „Ich wollte schon immer nahe an die Fraunhofer Schoppenstube.“ Die gibt es ja nun nicht mehr, für Moses Wolff zwar traurig, aber es gibt auch andere Lokale, in denen man sich wohlfühlen kann. „Es ist immer was los, man hört sehr oft feiernde Menschen, was ich gerne höre. Und man kann sich auch dazu setzen, wenn man feiern möchte. Was ich auch gerne tue“, sagt Wolff.

Das Viertel habe sich zwar verändert in den 14 Jahren, aber nicht zum Nachteil. „Anfangs hatte ich Angst vor der Gentrifizierung, aber es sind auch sehr schöne Sachen entstanden.“ Und Wolff mag es, wie freundlich die Leute sind. „Selbst wenn man nur an einem Geschäft vorbeigeht, ruft irgendwer: Grüß Gott!“

Benjamin Rauth.

Wolff will nicht mehr weg, Benjamin Rauth (31) auch nicht. Der Student kam 2006 nach München. „Ich wollte unbedingt mitten in die Stadt, weil ich vom Land komme“, sagt der 31-Jährige. Das hat er geschafft, 350 Meter vom Marienplatz entfernt. Auch wenn er freilich nur in einem kleinen Ein-Zimmer-Appartement wohnt. „Aber da bin ich meist eh nur zum Schlafen“, sagt der Student. Laut ist es manchmal auch ein bisschen an Münchens Hauptschlagader. Aber wen stört das schon?

Das ist die letzte Mühle Münchens

Die Uhr ganz oben unterm Dach geht nicht. Die im Aufenthaltsraum ebenfalls. Tatsächlich scheint die Zeit in der Kunstmühle an der Neuturmstraße im Graggenauviertel stehen geblieben zu sein. Altes Holz an den Wänden, alte Rezepte für das hauseigene Gebäck und über 90 Jahre alte Maschinen. Aber: „Die machen die beste Qualität“, sagt Stefan Blum (58). Es ist Chef in der letzten Mühle Münchens.

Die letzte Münchner Mühle.

Wenn die gibt es schon lange. Bereits auf dem hölzernen Stadtmodell Jakob Sandners von 1570 steht an der Stelle der heutigen Mühle eine Malzmühle. Nach dem Umzug des Hofbräuhauses ans Platzl wird 1677 hinter der Stadtmauer am Kosttor ein neues Malzhaus erbaut. 1703 läßt Churfürst Max Emanuel eine Malzbrechmühle mit 4 Gängen errichten. Im 19. Jahrhundert führt die Mühle die Bezeichnung „Königliche Malzmühle“ und ist fester Bestandteil des Königlichen Weißen Bräuhauses am Platzl.

In den Jahren nach 1870 wird an der Inneren Wiener Straße in Haidhausen eine neue Brauerei gebaut. Die alten Brauereigebäude am Platzl werden abgerissen, es entsteht eine neue Großgaststätte, das heutige Hofbräuhaus.

Die Malzbrechmühle mit der Wasserkraft bleibt bestehen und wird an Privat verkauft. Nun werden die alten Mahlgänge durch eine innovative Technik – die Walzenstühle – ersetzt. Die Mühle wird zur Kunstmühle umgebaut und stellt fortan helle Mehle aus Weizen her. 1921 erwirbt Jakob Blum, ein Müller aus der Pfalz, die Mühle.

In der Mühle gibt es seit 1988 einen Mehlladen mit allen Produkten der Hofbräuhaus-Kunstmühle. Und seit 2010 ist in dem Gebäude auch eine Backstube eingerichtet.

Ebenso wie die Mühle so hat sich auch das Viertel gewandelt. Früher war es das Vergnügungsviertel. „Wie die Spider Murphy Gang es besungen hat, so war es hier wirklich“, sagt Blum. „Für uns Buben war es gut, hier war immer was los“.

Machen Sie die roten Dörfer grün

Unser Aufruf an Sie, liebe Leser: Machen Sie die Stadtkarte grün! Leider finden sich auf unserer Karte immer noch rund 60 rote Fleckerl. Sie stehen für die Dörfer, die nach unseren Recherchen noch keinen offiziellen Namen tragen. Auch aus der langjährigen Geschichte gehen keine konkreten Informationen über eine mögliche Namensgebung hervor. Sie wissen es besser, kennen jemanden, der in diesen Stadtteilen lebt oder wohnen gar selbst dort? Dann schicken Sie eine E-Mail mit Ihrer Geschichte an lokales@tz.de oder erzählen Sie uns diese über unser Leserreporter-Tool - damit auch wirklich alle 477 Dörfer einen Namen tragen.

Sascha Karowski

Sascha Karowski

E-Mail:sascha.karowski@tz.de

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