Bilanz nach einem Jahr Flucht-Drama

OB Reiter im tz-Interview zur Flüchtlingswelle: Haben viel geschafft

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Nah an den Menschen: OB Dieter Reiter spricht mit den Flüchtlingen, die kurz vorher in München angekommen sind.

München - Im Spätsommer 2015 stand München vor einer riesigen Aufgabe: Tausende Flüchtlinge kamen in der Stadt an. Ein Jahr später schaut OB Dieter Reiter im Interview zurück.

An diesem Donnerstag vor genau einem Jahr erreichte das Flüchtlingsdrama München mit voller Wucht. An nur einem Tag kamen am Münchner Hauptbahnhof 3000 Menschen an, die zuvor in Ungarn unter absolut menschenunwürdigen Verhältnissen vor allem am Bahnhof von Budapest vor sich hin vegetierten. Am darauf folgenden Wochenende kamen sogar 21.000 Menschen in Müchnen an. Die tz Sprach mit OB Dieter Reiter (SPD) über diesen Tag, was darauf folgte und wie die Stadt mit der großen Zahl an Flüchtlingen umgeht. Und was sie für die öffentliche Sicherheit bedeutet.

Herr Reiter, wie war Ihr 1. September 2015?

Dieter Reiter: Ich werde mich immer an den Tag erinnern. Ich hatte gerade 1000 neue städtische Auszubildende im Circus Krone begrüßt und bin von da aufgrund der Nachrichtenanlage direkt zum Hauptbahnhof. Dort war alles noch improvisiert. Es waren eine Handvoll Helfer da. Ich half selbst mit, Bänke zu tragen und Tische und Sonnenschirme zu besorgen. Als immer mehr Flüchtlinge ankamen, habe ich alle Termine abgesagt und versucht, möglichst viel Unterstützung zu organisieren.

Es war ja vor allem die Stunde der ehrenamtlichen Helfer…

Reiter: Ja es war unglaublich, die Münchner haben gesehen, da kommen viele Menschen an, es ist heiß. Sie brachten ihr eigenes Mineralwasser vorbei, damit die Ankommenden etwas zu trinken, zu essen haben. Später wurden auch Windeln und Babynahrung vorbeigebracht. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer wäre dieser Tag sicher nicht zu schaffen gewesen.

Und dann haben die Leute geklatscht…

Reiter: Das war erst am zweiten Tag, da hatten viele Münchner erst über die Medien mitbekommen, was los ist. Sie bildeten ein Spalier, schenkten den Kindern Spielsachen. Da gab es Momente, die ich nicht vergessen werde.

Sind Sie immer noch stolz auf die Hilfsbereitschaft der Münchner?

Reiter: Ja, selbstverständlich. Das war sensationell, wie die Münchner hier zusammengestanden sind und ganz selbstverständlich Menschen in Not geholfen haben. Dafür haben sie zurecht die internationale Anerkennung verdient.

Hätten Sie an Stelle der Kanzlerin das Dublin-Abkommen ebenfalls ausgesetzt?

Reiter: Ich habe Frau Merkel dafür nie kritisiert. Ich hätte in Anbetracht der Bilder des überfüllten Bahnhofs in Budapest wahrscheinlich ähnlich reagiert. Was daraus wurde, war zu diesem Zeitpunkt wohl weder der Kanzlerin noch sonst irgend jemand klar.

Sind Sie froh, dass es zu dem Flüchtlings-Deal mit der Türkei kam und Zustrom der Geflüchteten zurück ging?

Reiter: Natürlich hilft uns dieser Rückgang, weil er die Situation entspannt.

Meinen Sie, die Türkei könnte den Deal platzen lassen?

Reiter: Darüber will ich nicht spekulieren. Wichtig für uns in München ist jetzt das Thema Integration voranzubringen. Aus großen Unterkünften mehrere kleine machen, aus Notunterkünften vernünftige Wohnverhältnisse. All diese Dinge, die dazu führen, dass Integration gelingen kann.

Schaffen wir das in München?

Reiter: Wir haben schon viel geschafft. Wichtig ist, dass es bis heute eine breite gesellschaftliche Zustimmung zum Thema gibt. Wir haben Übergangsklassen geschaffen. Da brauchen wir mehr Lehrer. Wir bieten Sprachkurse an. Neben den Schulen und der Volkshochschule engagieren sich hier erfreulicherweise viele Ehrenamtliche.

Könnte München ein derartiges Ereignis nochmal stemmen?

Reiter beim Interview mit den tz-Redaketuren.

Reiter: Hätten Sie mich am 1. September 2015 gefragt, ob wir 3000 Flüchtlinge an einem Tag versorgen können, hätte ich gesagt, das wird ganz schwierig. Am Wochenende drauf kamen mehr als 20.000 Menschen an. Und auch das haben wir geschafft. Wenn es nochmal so kommen sollte, würden wir uns auch dieser Herausforderung gemeinsam mit den Münchnerinnen und Münchnern stellen, da bin ich mir ganz sicher, auch wenn es deutlich schwieriger wäre. Ich bekomme immer noch viele Zuschriften von Leuten, die nachfragen, ob sie helfen können.

Gleichzeitig ist die Beunruhigung groß über tatsächliche oder angebliche Straftaten von Geflüchteten. Und es gab tatsächlich Anschläge durch Flüchtlinge. Sehen Sie die öffentliche Sicherheit durch die große Anzahl Geflüchteter gefährdet?

Reiter: Das sehe ich definitiv nicht. Objektiv sagen alle Zahlen, alle Berichte des Münchner Polizeipräsidiums, des Bundesinnenministeriums, des bayerischen Innenministeriums, dass es keine signifikanten Veränderungen der statistischen Zahlen gibt, was das Thema Gesetzesverstöße durch Flüchtlinge betrifft. Allerdings kann ich die subjektiven Befürchtungen vieler Menschen nachvollziehen, die sie aufgrund der Weltsicherheitslage haben. Im Unterschied zu früher passieren nun auch in Bayern solche Dinge. Subjektiv unterscheiden die Menschen aber nicht zwischen einem Anschlag eines verquerten IS-Sympathisanten oder eines psychisch kranken Amokläufers. Es ist die Wahrnehmung der Menschen, dass es nicht mehr so sicher ist. Ich kann das verstehen, auch wenn es objektiv durch nichts zu begründen ist.

Interview: Johannes Welte und Sascha Karowski

Den zweiten Teil des Interviews lesen Sie in der Freitagsausgabe der tz und am selben Tag auch online bei uns.

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