Obwohl man Luftqualität verbessern will

Münchner Bürgermeister-Fahrzeuge: Im dicken Diesel zum Termin

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Viel im Auto: Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter im Fond seines Dienstwagens.

München - Die Stadt erwägt ein Einfahrtsverbot für Diesel-Fahrzeuge in die Umweltzone. Davon wären derzeit auch die Dienstwagen der drei Münchner Bürgermeister betroffen. Die Deutsche Umwelthilfe kritisiert die Auto-Wahl scharf.

„Entspannter Reisegenuss in luxuriösen Sitzen, dazu eine überwältigende Leistung und innovative Komfort- und Entertainment-Funktionen.“ So wirbt BMW für seine Limousinen der 7er-Reihe. Die Münchner Stadtspitze genießt den Komfort dieser gediegenen Fahrzeuge. Im Innenhof des Rathauses stehen für Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und den Zweiten Bürgermeister Josef Schmid (CSU) zwei neue BMW 730d (265 PS, Listenpreis ab 82 000 Euro) bereit. Die Dritte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) muss mit einem günstigeren BMW 525d (218 PS, ab 47 000 Euro) Vorlieb nehmen. Alle drei Stadtoberhäupter verfügen über einen eigenen Fahrer, der sie an das gewünschte Ziel steuert. Im Fuhrpark des Rathauses gibt es insgesamt fünf Diesel-BMW, die bei Bedarf auch von Referenten oder Stadträten genutzt werden. Die Autos sind geleast und werden jedes Jahr durch neue Modelle ersetzt. BMW gewährt der Stadt besonders günstige Konditionen, über die beide Seiten Stillschweigen vereinbart haben. Zwischen 20 000 und 30 000 Kilometer haben die drei Bürgermeister Reiter, Schmid und Strobl voriges Jahr jeweils zurückgelegt – ob zu Geburtstagen, Bürgerversammlungen oder sonstigen Veranstaltungen im Dienste der Stadt.

Mit ihren Dienstfahrten haben die Bürgermeister allerdings zur Verschlechterung der Luftqualität in der Stadt beigetragen. Denn Diesel-Pkw stoßen neben dem schädlichen Feinstaub (CO2) auch giftige Stickoxide (NOx) aus. Und diese sind in München ein gravierendes Problem. Seit Jahren werden die europäischen Grenzwerte für Stickoxide überschritten, weshalb die Deutsche Umwelthilfe jüngst den Freistaat Bayern verklagt und gewonnen hat (wir berichteten). Die Stadt diskutiert deshalb gerade intern, welche Maßnahmen ergriffen werden könnten, um die Grenzwerte künftig einzuhalten und damit Zwangsmaßnahmen zu entgehen. Als Worst-Case-Szenario gilt ein Einfahrverbot für Diesel-Kraftfahrzeuge in die Innenstadt.

Der Ausstoß im Realfahrbetrieb: Nicht der auf dem Papier

Schneller als 300 km/h fahren in Bogenhausen 261 Autos – der Münchner Spitzenwert.

Zwar erfüllen die BMW-Limousinen im städtischen Fuhrpark alle die moderne Euro 6-Norm, doch der in Europa für die Abgasprüfung verwendete Fahrzyklus steht seit längerem in der Kritik, da er nur einen sehr kleinen Kennfeldbereich (niedrige Last/niedrige Drehzahl) abdeckt und somit keine realistischen Fahrbedingungen widerspiegelt. Auf dem Papier stößt der BMW 730d lediglich 26 Milligramm NOx pro Kilometer aus. Im Realfahrbetrieb emittieren viele Diesel-Pkw jedoch ein Vielfaches. „Wir kennen keine Diesel-Fahrzeuge, die im Realbetrieb die Grenzwerte einhalten“, sagt Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Er kritisiert, dass Reiter und Schmid Drei-Liter-Diesel-Motoren fahren. „Warum braucht ein Bürgermeister in einer Stadt so ein hochmotorisiertes Auto?“

Um die Luftqualität in den Griff zu bekommen, setzt München seit geraumer Zeit auf die Förderung und den Ausbau der Elektromobilität. Selbst ging die Stadtspitze bisher nicht mit gutem Beispiel voran. Voriges Jahr noch hatte Bürgermeister Schmid zwar Bereitschaft signalisiert, auf einen Dienstwagen mit Elektroantrieb umzusteigen – auf dem Markt habe er aber noch kein Fahrzeug gefunden, das den Ansprüchen eines Bürgermeisters entspreche, so Schmid damals. Nun gibt es ein solches Fahrzeug offenkundig.

"Für den Dienstwagen eines Bürgermeisters völlig überzogen"

Ende des Jahres werden Schmid und Oberbürgermeister Reiter ihre Diesel-Limousinen gegen neue Plug-in-Hybride der 7er-Reihe tauschen, nächstes Jahr erhält auch Christine Strobl einen neuen 5er mit gekoppeltem Verbrennungs- und Elektromotor. Der so genannte BMW 740e bietet den selben Bürgermeister-adäquaten Komfort wie die konventionelle Variante, kostet aber rund 10 000 Euro mehr und verfügt über 326 PS. Auch darüber regt sich Jürgen Resch auf. „Mit 326 PS waren früher 20-Tonner-Lkw ausgestattet. Das ist für den Dienstwagen eines Bürgermeisters völlig überzogen.“

Resch zieht zudem die Umweltfreundlichkeit von PS-starken Hybriden in Zweifel. „Ist die Batterie erstmal leer, übernimmt der Verbrennungsmotor. Und dann schießt der Verbrauch in die Höhe.“ Rein elektrisch kommt der 740e bei sparsamer Fahrweise 45 Kilometer weit. Anschließend startet ein 258 PS starker Verbrennungsmotor, der die komfortable Weiterreise bis zur nächsten Bürgerversammlung sicherstellt.

Die Arbeit des Bürgermeisters lässt sich im Übrigen auch ohne Luxuskarosse bewältigen. Der frühere Dritte Bürgermeister Hep Monatzeder (Grüne) verzichtete sowohl auf Dienstwagen als auch auf einen Fahrer. Er nutzte stattdessen den öffentlichen Nahverkehr – und sein privates Auto.

Ulrich Lobinger

Ulrich Lobinger

E-Mail:ulrich.lobinger@merkur.de

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