Hebamme erhält Preis der Stadt

Flüchtlingshilfe: Diese Münchnerin ist ein Lichtblick

+
Oertel (rechts) mit einer jungen Mutter  beim  Hilfseinsatz  auf der griechischen Insel Lesbos im  November 2015.

München - Sie hat Flüchtlinge in Ungarn betreut und unterkühlte Babys auf Lesbos versorgt. Jetzt berät sie Schwangere in einem Münchner Flüchtlingsheim. Die Münchner Hebamme Annett Oertel erhält dafür den Förderpreis "Münchner Lichtblicke".

„Die Boote kamen stoßweise“, erzählt Annett Oertel. Und immer, wenn diese Boote neue Flüchtlinge an den Strand im Norden der griechischen Insel Lesbos spuckten, hatten die 40-Jährige und ihre Mitstreiter viel zu tun. „Da gab es kleine Kinder die nur noch schrien, weil sie so unterkühlt waren“, berichtet die Münchnerin. „Und Schwangere, die nicht wussten, ob ihr Kind noch lebt.“ Auch wenn ihr der Anblick von Toten am malerischen Strand erspart blieb: Es sind Bilder, die Annett Oertel nicht vergessen wird.

Oertel  auf der griechischen Insel Lesbos im  November 2015 am Strand, im Hintergrund Flüchtlingsboote.

Doch die zierliche Frau mit den langen hellbraunen Haaren erinnert sich lieber an die Erfolge ihres Einsatzes Anfang November: In einem zum medizinischen Stützpunkt umgebauten Bibliotheksbus der Adventisten wurden die Durchnässten neu eingekleidet. „Schuhe waren immer knapp“, berichtet Oertel. „Notfalls haben wir den Kindern dann eben trockene Socken angezogen und Plastiktüten drübergezogen. Dann konnten sie wieder in ihre nassen Schuhe steigen.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als die Hebamme von den Schwangeren redet: Mit einem mobilen Gerät, das sie aus München mitgebracht hatte, konnte sie die Herztöne der Ungeborenen hörbar machen und den Müttern zeigen: Dein Kind lebt! „Das hat die Frauen sehr beruhigt“, erzählt Oertel. Aus solchen Erlebnissen schöpft sie die Kraft zum Weitermachen.

Mit Flüchtlingen hatte Oertel, die als Hebamme im Schwabinger Krankenhaus arbeitet, schon vorher sporadisch zu tun. Doch richtig begonnen hat alles in jener Nacht Ende August 2015, „als es in München losging“, wie sie erzählt. Mit Freunden hatte sie sich am Hauptbahnhof verabredet, um den Menschen, die da zu Tausenden ankamen, zu helfen. Die Bilder der Münchner Willkommenskultur gingen um die Welt, doch Oertel erkannte: „In München waren letztendlich einfach zu viele Leute aktiv. Man konnte da gar nicht so viel machen.“ Am Budapester Hauptbahnhof dagegen, so erfuhr sie, herrschte Chaos. Eine Hebamme werde dort dringend gebraucht. Wenige Tage später war Oertel mit einer Passauer Ärztin, deren Tochter in Budapest Medizin studierte, Richtung Ungarn unterwegs. Warum? Die 40-Jährige lächelt und sagt: „Ich hatte noch zweieinhalb Wochen Urlaub.“

In Budapest gab es keine organisierte Hilfe

Aufnahme aus dem  ungarischen Flüchtlingscamp Röszke im September 2015.

„Ich hatte meinen Rucksack, meine Babywaage und meine Utensilien dabei“, erinnert sie sich. „Das Auto der Ärztin war randvoll mit Infusionen und Verbandsmaterial.“ Am Budapester Hauptbahnhof Keleti gab es keine organisierte Hilfe, nur sporadisch wurde Essen ausgegeben. „Die Flüchtlinge haben in gespendeten Zelten, mit Decken oder teilüberdacht geschlafen“, erzählt Oertel. „Ich bin zu den Frauen gegangen, die mit ihren Babys da draußen saßen, und hab’ geschaut: Wie sind die Kinder ernährt, haben sie warme Kleidung, wie geht es der Mutter? Verständigen konnte sie sich mit den Flüchtlingen „entweder auf Englisch oder halt mit Händen und Füßen“, erzählt sie. „Man sagt dann halt ,Baby-Doktor‘, dann zeigen sie einem das Kind. Es liegt ihnen ja am Herzen, das es gut versorgt ist.“

An der ungarisch-serbischen Grenze bei Röszke sah Oertel erstmals Menschen, die auf offenem Feld kampierten. Eine Frau kommt der Hebamme in den Sinn: „Die hatte 3 bis 4 Monate alte Zwillinge. Eines der Kinder war total durchnässt, hatte verklebte Augen und Fieber. Das haben wir erst mal auf einer Motorhaube umgezogen. Dann habe ich die Augen mit Kochsalzlösung gesäubert. Im Zelt der Ärzte ohne Grenzen fanden die Frau und ihre Kinder weitere Hilfe.

Barfüßige Kinder, Babys ohne Mütze, die mit den Eltern im Freien ausharrten; Schwangere, die teils unter Schmerzen marschierten; Mütter, die ihre auf der Flucht geborenen Säuglinge tagelang im Arm trugen bis zur völligen Erschöpfung: In solchen Bildern spiegelt sich die existenzielle Not, die die Menschen zur Flucht trieb. „Niemand verlässt ohne zwingenden Grund seine Heimat und begibt sich zu Fuß unter solchen Bedingungen auf eine gefährliche Reise“, sagt Oertel bestimmt.

Dass sie, anders als in München, bei Komplikationen kein Krankenhaus mit Intensivstation im Rücken haben würde, hat Annett Oertel keine Sekunde lang zögern lassen. „Wir sind ja so ausgebildet, dass wir Geburten auch allein begleiten können“, sagt sie. „Natürlich sind das Bedingungen, die man in Deutschland nicht hat. Aber es ist doch besser, ich bin als professionell ausgebildete Fachkraft vor Ort und helfe, als wenn gar niemand da wäre.“

Auch der Nächste Urlaub wurde der Hilfsaktion gewidmet

Oertel (5. von rechts) mit anderen Helfern in einem zum medizinischen Stützpunkt umfunktionierten Büchereibus der Adventisten  auf der griechischen Insel Lesbos im  November 2015.

Kein Wunder, dass die Hebamme zwei Monate später auch ihren nächsten Urlaub einer Hilfsaktion widmete. Auf Lesbos schloss sie sich einem internationalen Team an, „das sich dort immer wieder neu gefunden hat“. Dass sie zu den Gründungsmitgliedern des Vereins „Hilfe für Kinder auf der Flucht“ gehört, der sich zwischenzeitlich in München formiert hatte, kam ihr nun zugute: „Wenn was gefehlt hat, haben wir Listen heimgeschickt“, berichtet sie. Irgendeine der Organisationen war immer in der Lage, das Erforderliche kurzfristig zu schicken, ob es nun Kleidung war oder Sauerstoffflaschen.

Zurück in München, bleibt Oertel aktiv: In der Flüchtlingsunterkunft Hofmannstraße hat sie eine Hebammen-Sprechstunde eingerichtet. Beruf und Berufung der fließen hier zusammen. Und die Arbeit lenkt sie ab von dem, was sie umtreibt: Dass Flüchtlinge jetzt in die Türkei zurückgeschickt werden, den sie nicht als Rechtsstaat sieht, entsetzt sie. Und dass die EU „nicht in der Lage ist, die Menschen würdig weiter zu verteilen“, macht sie ebenso traurig und ratlos wie der Erfolg ausländerfeindlicher Parteien bei den jüngsten Wahlen.

"Man sieht was wirklich wichtig ist..."

Die Erlebnisse in Ungarn und Griechenland haben Annett Oertel verändert. „Es ist schwierig wieder in den Alltag zurückzukehren, wenn man gesehen hat, was wirklich wichtig ist“, sagt sie. Den „neuen Blick“, den sie gewonnen hat, empfindet sie als Bereicherung.

Dass Oertel auch jetzt, zurück im Privaten, weiter für Flüchtlinge aktiv ist, hat die Jury der Lichterkette besonders beeindruckt. Die Nachricht vom Förderpreis in der Kategorie Einzelpersonen „hat mich wahnsinnig gefreut“, sagt Oertel. Doch sie legt großen Wert darauf, dass sie die Auszeichnung „als eine von vielen“ entgegennehmen will. „Viele, die ich getroffen habe, hätten den Preis genauso verdient“, sagt sie.

Wenn die 40-Jährige einen Wunsch frei hätte, dann den: „Dass den Flüchtlingen mit großer Offenheit entgegengetreten wird.“ Jeder Münchner und jede Münchnerin sei gefordert, betont Annett Oertel. „Man könnte ja auch mal einen Ausflug mit einer Flüchtlingsfamilie machen.“ Nur wer sich kennt, so hat sie erfahren, ist gegen Vorurteile gewappnet.

Peter T. Schmidt

E-Mail:Peter.Schmidt@merkur.de

auch interessant

Kommentare