Seit einem Jahr sind sie verschwunden

Münchner Islamisten kämpfen in Syrien

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Der Beweis: Halit K. (rechts) ist mit Erhan A. zusammen.

München - Zwei junge Münchner kämpfen offenbar für extremistische Gruppierungen in Syrien. Einer von ihnen wurde zuvor von einem Gericht freigesprochen.

Geahnt hat man es längst, doch nun scheint es Gewissheit zu sein: Der mittlerweile 23-Jährige Deutsch-Türke Gökhan Ö. hat München bereits vor einem Jahr – nämlich am 8. Mai 2015 – in Richtung Syrien verlassen. Gegen ihn bestand ein Ausreiseverbot, das ihm vermutlich herzlich egal war. Und er reiste offenbar nicht allein: Denn in der gleichen Zeit verschwand nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks auch der damals 23-jährige Halit K. aus dem Hasenbergl (siehe unten). Gegen Gökhan Ö. ermittelt die Staatsanwaltschaft München I. Es besteht der Verdacht, dass Gökhan in ein Terrorcamp gereist ist und sich am bewaffneten Kampf in Syrien beteiligt.

Bereits im Jahr 2014 fiel Gökhan, der in Neuperlach lebte, der Polizei bei der Koranverteilungsaktion „Lies!“ der extremistischen Salafisten auf. Schon damals war er nicht mehr zugänglich für vernünftige Gespräche und erklärte: „Wer mit der Polizei spricht, ist ein Ungläubiger.“ Am 14. Juli 2014 wird ein zwölfmonatiges Ausreiseverbot über ihn verhängt. Er soll sich drei Mal wöchentlich bei der Polizei melden, kommt aber kein einziges Mal.

Stattdessen sitzt er im September 2014 im Fernbus nach Wien, wird aber kurz vor der Grenze in Simbach/Inn aus dem Bus geholt. Er behauptet, eine Hochzeit in Wien besuchen zu wollen. Das glaubte ihm schon damals niemand. Im Oktober wird er im Amtsgericht München zu sieben Monaten Haft ohne Bewährung verdonnert. Gökhan und sein Anwalt fechten das Urteil an. Im März 2015 spricht ihn das Landgericht München frei – weil Gökhan die Grenze noch nicht überquert hatte. Das Ausreiseverbot bleibt bestehen. Gökhan schert das nicht. Am 8. Mai 2015 reist er in die Türkei aus und ist seitdem verschwunden.

Kämpft Halit für Al-Qaida?

Am 9. Mai 2015 betritt ein tief besorgter Vater eine Münchner Polizeiinspektion und meldet seinen Sohn, den Deutsch-Türken Halit K. (23), vermisst.

Halits Radikalisierung ähnelt nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks auffällig der seines Landsmannes Gökhan Ö. Auch er engagierte sich für „Lies!“, versuchte 2013 nach Syrien auszureisen, wird in Adana/Türkei wieder aufgegriffen und zurückgebracht. Sein Pass wird eingezogen. Er muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Er hält die Auflagen ein, wiegt seine besorgte Familie in Sicherheit und verspricht, in München zu bleiben. Alles nur Theater: Im Mai 2015 verschwindet er zeitgleich mit Gökhan Ö..

Gökhan Ö. im Oktober 2014 im Amtsgericht München.

Das LKA findet heraus, dass er mit falschen Papieren ins Ausland gereist und dann in die Türkei geflogen ist. Auch gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des „Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.“ In den Monaten danach entdeckt BR-Reporter Joseph Röhmel im Internet Fotos von ihm. Halit im Tarnanzug, Halit mit einer schweren Waffe. Und: Halit in Begleitung des Allgäuer Dschihadisten Erhan A. Der hat sich in Syrien zwar nicht dem IS, aber einer von Al-Qaida unterstützten, islamistischen Rebellentruppe angeschlossen. A. lebte in Kempten, gab ein brisantes Interview und wurde im Oktober 2014 in sein Heimatland, die Türkei, abgeschoben. Die deutsche Justiz fühlt sich für ihn seitdem nicht mehr zuständig.

Dorita Plange

Dorita Plange

E-Mail:Dorita.Plange@tz.de

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