Vier Mahlzeiten für 4,56 Euro?

Münchner klagt: "Meine Eltern werden im Heim schlecht versorgt"

+
Unzufrieden: Paul Rusch mit den Fotos seiner Eltern, die im Pflegeheim leben.

MÜnchen - Kann ein Pflegeheim für 4,56 Euro täglich vier vernünftige Mahlzeiten inklusive Getränken bieten? Nein, sagt Paul Rusch. Seine Eltern bekämen bei der Münchenstift oft Ungenießbares aufgetischt. Der städtische Pflegeheimbetreiber rechtfertigt sich. 

Angegraute Wurstscheiben, aufgetaute Laugenstangerl, die noch eiskalt serviert werden, ungewürztes Fleisch, trockene, aufgebogene Käsescheiben: Paul Rusch könnte die Liste dessen fortsetzen, was seine Eltern Paul (91) und Annemarie (86) Rusch in den vergangenen vier Jahren im Münchenstift-Haus an der Effnerstraße in Bogenhausen vorgesetzt bekommen haben.

Die Mahlzeiten, sagt der 64-Jährige, seien für alte Menschen generell und auch für seine Eltern eigentlich der Höhepunkt des Tages im Heim – und eine der wenigen sinnlichen Erfahrungen, die ihnen noch geblieben sind. Feinschmecker seien die alten Herrschaften ohnehin nicht. Im Münchenstift-Haus aber sei „das Essen oft unappetitlich und ungenießbar“, sagt Rusch. Und der Anteil von Tiefkühlkost sei viel zu hoch.

Für 4,56 Euro, das erfuhr Paul Rusch nach einer Beschwerde, kauft die Münchenstift alle Waren, die pro Person an Verpflegung pro Tag nötig sind: Frühstück, Mittagessen, Kuchen am Nachmittag und das Abendessen werden davon bestritten. Und auch alle Getränke sind in dieser Kalkulation enthalten, also Kaffee, Tee, Wasser und Säfte. „Welcher Koch kann denn dafür etwas Vernünftiges liefern?“, fragt Rusch.

Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker kann die Kritik nicht nachvollziehen. „Wir haben so gut wie keine Beschwerden über das Essen in unseren Häusern“, betont er. Und: „Wir bieten ein vollwertiges und qualitativ wie quantitativ gutes Essen.“ Vier Mahlzeiten für 4,56 Euro seien auch deshalb zu stemmen, weil die Münchenstift mit neun Häusern ein Großunternehmen sei. „Wir bereiten täglich 3000 Mahlzeiten zu und bekommen deshalb natürlich hervorragende Konditionen.“

Seit 2013 steht Benker an der Spitze der städtischen Tochter Münchenstift GmbH. Seither habe er einiges bei der Verpflegung geändert, betont Benker. Das Brot komme nun etwa von einer Ökobäckerei und es würden nur noch freilaufende Hühner verarbeitet. Der Anteil der Tiefkühlkost am gesamten Angebot betrage 25 bis 30 Prozent, vor allem handele es sich um Mehlspeisen, Kuchen, Gemüse und Suppeneinlagen. Dass einmal eine Wurstscheibe grau sei, komme vor und sei nicht in Ordnung. „Wir kümmern uns aber darum und geben uns große Mühe, das Essen weiter zu verbessern.“

Seit 2012 leben Paul Ruschs Eltern im Münchenstift-Haus an der Effnerstraße. Damals war klar, dass das Ehepaar nicht mehr in sein Haus zurückkehren kann, nachdem sowohl Paul als auch Annemarie Rusch einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hatten. Schon damals begannen die vier Kinder der Senioren, den beiden Lebensmittel ins Heim zu bringen. „Wir kaufen jeden Monat für 300 Euro Brot, Wurst, Käse, Obst und Getränke für meine Eltern“, berichtet Rusch. Zusätzlich zu den Heimkosten, von denen die Familie allein für Annemarie Rusch 2261,20 Euro selbst übernimmt. „Das kann es doch nicht sein“, schimpft Rusch. Benker entgegnet: Es sei einfach nicht möglich, für jeden Bewohner bestimmte Wunschlebensmittel zur Verfügung zu stellen, .

Nach der aktuellen Vereinbarung zwischen den Pflegekassen, dem Bezirk Oberbayern und dem Heimträger Münchenstift beträgt der festgelegte Satz für die Verpflegung eines Heimbewohners 12,44 Euro. Von diesen gehen bei der Münchenstift aber 7,88 Euro für Personal-, Energie- und Sachkosten sowie Hol- und Bringdienste, Spüldienste und die Entsorgung weg. Das Küchenpersonal werde eben nach Tarif bezahlt, betont Benker.

Mit den 4,56 Euro für Waren liege die Münchenstift im oberen Mittelfeld dessen, was andere öffentliche oder freigemeinnützige Pflegeheimbetreiber für das Essen investieren, sagt Benker. Die Spanne reicht von 3,30 bis 4,98 Euro. Dabei seien die Lebensmittel für kleinere Häuser, die weniger abnehmen, ja teurer. Rund das Doppelte für Waren geben private Heime aus, bei denen kostet ein Platz im Monat allerdings bis zu 6000 Euro.

In einem Schreiben an Paul Rusch hatte der Münchenstift-Chef erklärt, die Mittel für die Ernährung seien „sicherlich eng kalkuliert“. Deshalb seien bisweilen die Portionen sehr klein, glaubt Rusch. So habe seine Mutter etwa eine kleine Wollwurst mit Kartoffelsalat zum Mittagessen bekommen. Laut Benker kommt es vor, dass Bewohner, die eigentlich Kaiserschmarrn bestellt haben, dann lieber Wollwürste wollen und sich die Mitarbeiter eben so behelfen müssen, dass andere Portionen kleiner werden. Es sei aber immer ausreichend zu essen da, so dass jeder satt werde. Benker: „Das eigentliche Problem sind die vielen Essensreste, die wir wegwerfen müssen.“

Caroline Wörmann

Caroline Wörmann

E-Mail:Caroline.Woermann@merkur.de

auch interessant

Kommentare