Ude, Paltinger und Co.

Münchner Originale verraten ihre Lieblingsplätze in der Nachbarschaft

München - Trotz aller Hektik gibt’s in München viele Ecken, die heute noch sind wie vor 100 oder 200 Jahren. Es gibt Münchner Schmankerl, und es gibt vor allem die Münchner, die uns ihre Viertel zeigen.

Geh weiter, Zeit, bleib steh! Diesen Satz haben wir Helmut Zöpfl zu verdanken. Den haben wir im Hinterkopf, als wir über unsere Stadt nachdenken. So schön ist sie, so lebendig und doch so ursprünglich. Wenn man durch München flaniert, die Wärme auf der Haut, die vertraute Kulisse im Blick, denkt man: So müsste es immer sein. Und wissen Sie was? So ist es tatsächlich immer. Trotz aller Hektik gibt’s in München viele Ecken, die heute noch sind wie vor 100 oder 200 Jahren. Es gibt Münchner Schmankerl, und es gibt vor allem die Münchner, die uns ihre Viertel zeigen. Auf geht’s!

Das Nationaltheater

Während der Marienplatz in den vergangenen 200 Jahren ständig sein Aussehen veränderte, ist am Max-Joseph-Platz das Stadtbild stehen geblieben: Wer sich auf den Stufen des Max-­Joseph-Denkmals ausruht, sitzt mitten im ­München zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Wiener Platz

Im Jahr 1866 entstanden das Gemälde von Friedrich Jodel (großes Bild) – und noch heute sieht der Wiener Platz (wieder) fast genauso aus. Unter anderem mit der St. Johanniskirche, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in alter Schönheit renoviert wurde. Seit 1. Oktober 1854 gehört Haidhausen zu München.

Der Kalbskopf

Wer essen will wie im guten alten ­München, kann zum Beispiel ins Schneider-Bräuhaus im Tal gehen: Küchenchef Josef Nagler (l., mit Restaurantleiter ­Otmar Mutzenbach) kocht für seine ­Gäste klassische Münchner Gerichte. Hier zeigt er einen ausgelösten Kalbskopf.

Der Englische Garten

Vielleicht ist die große Wiese deshalb so beliebt, weil sie das alte München aus dem 19. Jahrhundert unverändert widerspiegelt. Auf dem Hügel zum Monopteros kann man heute im Schatten des Baumes liegen, der auf der Lithographie von Ernst Kirchner von 1841 als Bäumchen zu sehen ist.

Chinesischer Turm

Auch am Chinesischen Turm im Englischen Garten hat sich seit 200 Jahren nicht viel verändert. Dazu gehört auch der Kocherlball – den kann man heute noch genauso erleben wie Ende des 19. Jahrhunderts, als ihn der Maler Paul Hey 1892 gezeichnet hatte.

Er schwört auf Frühstück beim Friesen

Wenn es um lieb gewonnene Schwabinger Traditionen geht, denken die wenigsten an Ostfriesland. Christian Ude (68) schon. Genauer gesagt an die Friesische Teestube. Für den Alt-OB und Ur-Schwabinger ist das Lokal am Pündter­platz ein zweites Wohnzimmer. „Hier habe ich schon als Student gerne ausgiebig gefrühstückt und dafür auch mal eine Vorlesung sausen lassen“, erzählt Ude bei einem Kännchen Friesentee für 5,20 Euro. „Inzwischen bringe ich meinen Enkel mit.“

Während der Opa dann „wie in einer Zeitmaschine“ zu den Anfängen seines Jurastudiums zurückreist, bestaunen die jüngeren Semester das Retro-Ambiente: wuchtige Wohnzimmer-Schränke, aufgepolsterte Stühle auf Perserteppichen, eine schwere Standuhr, Porzellantassen mit Blumenmustern. „Das Inventar ist genau dasselbe wie vor 40 Jahren“, weiß Ude.

Auch der Wirt ist noch original: Oswald Telfser. Der 64-Jährige hat allerdings nur indirekt etwas mit Ostfriesland am Hut. Er stammt aus Kastellbell im Vinsch­gau. Schon in jungen Jahren hat’s den Südtiroler an die Isar verschlagen. 1975 begegnete er bei einer Karibik-Reise dem Ostfriesen „Mac“ Wilken, ebenfalls ein Wahl-Münchner. Die beiden begeisterten Weltenbummler hatten dasselbe Problem: „Wir mussten etwas finden, um unsere Reisen irgendwie zu finanzieren“, erzählt Telfser der tz. „Also haben wir uns zusammengetan und ein Café aufgemacht.“

Christian Ude.

Weil’s damals in München schon einige Süd­tiroler Lokale gab, haben sie es einfach mal mit einer norddeutschen Teestube versucht. Inzwischen ist der Friese längst in Rente gegangen, aber der Südtiroler führt das gastronomische Erbe tapfer alleine weiter, serviert täglich von 10 bis 22 Uhr zum Beispiel Waffeln mit Vanille­eis und nordischer Beerengrütze für 5,50 Euro – zur Freude jahrzehntelanger Stammgäste wie Ude, aber auch jüngerer Fans. Sozusagen ein etwas anderer Schwabinger Generationenvertrag.

Der gilt auch für die Schauburg am Elisabethmarkt. Schon vor 90 Jahren galt sie als kulturelles Kleinod. „Früher beherbergte sie ein Kino, darin habe ich meine ersten Filme gesehen, zum Beispiel Kinder des Olymp, erinnert sich Ude, während er sich gegenüber im Wirtshaus Wintergarten eine Halbe Bier schmecken lässt (3,40 Euro). Später eröffnete in der Schauburg das Blow Up. In der kurzzeitigen Kult-Disco traten Künstler wie Pink Floyd und Jimmi Hendrix auf, Go-Go-Girls heizten ein.

„Im Blow Up habe ich 1968 meinen lustigsten Wahlkampf­termin erlebt – mit Günter Grass. Er wollte dort eine Rede über berufliche Bildung halten. Aber kein Mensch hat ihm zugehört, weil alle nur die Go-Go-Girls sehen wollten.“

Als die Disco 1972 zusperrte, wollte eine Supermarkt-Kette einziehen. „Die Verträge waren schon fertig“, erinnert sich Ude. Aber eine Bürgerbewegung lief Sturm gegen die Pläne. „Glücklicherweise ist es dann doch noch gelungen, die Schauburg als Kulturstandort zu retten.“ Die Stadt kaufte das Gebäude und stellt es seitdem dem Kinder- und Jugendtheater zu Verfügung.

Nach der Vorstellung kann man gegenüber am Elisabethmarkt familiär bummeln und einkehren, etwa im Wintergarten, der täglich von 10 bis 24 Uhr geöffnet hat. Einen Wurstsalat gibt’s für 7,30 Euro, die Halbe Bier kostet 3,40 Euro.

Wobei unser Alt-OB eine besondere Vorliebe für die griechische Küche hat. Und die lebt er oft im Restaurant Elia in der Herzogstraße aus. Wirtin Ioannou Charis serviert Klassiker wie Gyros für 12 Euro oder Schwertfisch für 18,50 Euro. Nur einen Steinwurf vom Elia entfernt liegt ein schmucker Platz, der bei Ude viele Erinnerungen weckt. Er ist nach seinem Freund Helmut Fischer benannt, dem 1997 verstorbenen Kultschauspieler (Monaco Franze).

Zum Abschluss unserer Schwabing-Tour führt uns Ude zu einem verborgenen Schatz – der Grünanlage hinter der Sylvesterkirche an der Haimhauserstraße. „Dieses reizvolle und verschwiegene Platzerl kennt kaum jemand“, sagt Ude. Warum das so ist, kann er sich nicht erklären: „Hier hat man das Gefühl, auf dem Dorf zu sein – und das mitten im lauten Alt­schwabing.“ Andreas Beez

Andreas Beez

Ein Spaghetti-Eis im Glockenbachviertel

Dirndl-Königin Lola Paltinger (43) ist im Himmel – im zuckersüßen-rosaroten Spaghetti-Eis-Himmel. Das gibt es im Eiscafé Al Teatro (Reichenbachstraße 11) in den unterschiedlichsten Variationen. Mit Waldfrüchten (8,90 Euro), Studenten-Spaghetti-Eis (7,50 Euro) – „oder sogar Carbonara“, sagt Paltinger und lacht.

Seit sie vor 20 Jahren in München auf die Modeschule gegangen ist, schaut die Designe­rin in ihrer Lieblingseisdiele im Glockenbachviertel vorbei. Früher stilecht auf Rollschuhen. Heute oft in Begleitung von Foxterrier-Dame Bambi (2 Jahre) oder ihrem Sohn Lio (9) und Mia (9) und Maxi (7), den Kindern ihres Lebensgefährten.

Das Café ist für sie ein Stück echtes München. „Ich kann mich schon immer an die Eisdiele erinnern, sie gehört einfach dazu.“ Die Liebe zum Viertel allgemein entbrannte bei Lola Paltinger schon an ihren ersten Tagen in der Stadt vor 21 Jahren. Nur einen kurzen Abstecher ins Tal hat sie eingelegt, sonst immer im Glockenbachviertel gewohnt (Showroom Müllerstraße 7, Dirndl ab etwa 450 Euro, maßgeschneidert ab 2500 Euro).

Designerin Lolita Paltinger.

Etwas Kleinstädtisches habe das Glockenbachviertel, trotzdem sei sie schnell in der Innenstadt, freut sich die Dirndl-Designerin. Das szenige Image nervt sie nicht. „Das Schöne ist doch, dass jeder selbst entscheiden kann, ob er dieses Hippe leben möchte – oder nicht.“

Das für sie wahre Viertel spürt Paltinger, wenn sie ihren Sohn morgens zur Schule bringt. Dann läuft sie mit ihm über den Gärtnerplatz. Richtig hübsch findet sie diesen Ort – abgesehen vom Müll des Partyvolks der vergangenen Nacht – jetzt, mit den vielen Blumen. „Früher war das nur eine Hundetoilette.“

Apropos: Als sich Bambi unladyhaft auf dem Gehsteig erleichtert, packt Frau Paltinger selbstverständlich ein kleines Tütchen aus. Und entfernt die Hinterlassenschaft.

Locker und freundlich ist sie auch, wenn sie bei alten Bekannten vorbeischaut. Das Geschäft der Münchner Johnny Talbot und Adrian Runhof (Klenzestraße 4) gehört zum Beispiel für sie ganz fest zum Viertel. Die zwei seien von München aus im Bereich Abendmode führend – und prägten so auch das Bild der Stadt. Sie schneidern zum Beispiel gerne mal für eine Produktion am Gärtnerplatz-Theater.

Und abends, beim Ausspannen oder Fußballschauen ist Lolas Lieblingsadresse die Café-Bar Hoover und Floyd in der Ickstattstraße 2. Seit elf Jahren gibt es dieses Etablissement schon, der Gast fühlt sich auf selbst bezogenen Stühlen und bunten Tapeten wie in Omas Wohnzimmer. Unkompliziert geht’s hier zu. Ein Schinken-Käse-Toast kostet 3,30 Euro, ein Cappuccino 2,90 Euro.

Die fesche Lola resümiert: „Das Gemütliche ist, was den eigentlichen Kern Münchens ausmacht.“ Und der Schokokuchen (3,60 Euro) ist auch fast genauso gut wie ein Spaghetti-Eis …

Ramona Weise

Die Mauer ist Teil von uns

Das Schlachthofviertel hat seine ganz eigenen Naturgesetze. Hier, wo Leben und Tod ganz nah beieinander san, da ist irgendwie alles a bisserl anders. Und doch original. „Bei uns kennt jeder jeden und jeder passt auf den anderen auf“, erklärt Norbert Kraft (55), Chef vom Wirthaus im Schlachthof, die Magie seines Stadtteils. „Das war schon immer so und ist einfach die echte Münchner Art.“ Logisch. Wer erinnert sich nicht an die Worte vom Kometen-Sepp in Franz Xaver Bogners Kultserie Zur Freiheit: „Unser Viertel. Des ko ma ned erklären, des ko ma nur spüren!“

Norbert Kraft spürt es jeden Tag. Seit gut 10 Jahren führt der Gastronom nun schon sein legendäres Wirtshaus – mit viel Kulinarischem für Gaumen und Geist. Wo die Stadt noch so echt münchnerisch ist?, wollen wir wissen. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „An unserer langen Mauer. Jeder Münchner sollte die mal von oben nach unten abgegangen sein. Gleichzeitig der Blick auf die alten Backsteingebäude – da spürst du unsere Stadt regelrecht.“ Die vielen Graffitis, hier und dort ein hingekritzelter Spruch, mal ein Aufkleber, daneben Kunst, dann wieder Schmierereien. „Das ist wie unser Viertel – bunt, da mal sauber, da mal schmutzig. Und irgendwie auch durcheinander.“

Nein, die Mauer sperre niemanden ein oder aus. „Sie ist ein Teil von uns allen hier.“ Das Gschleckte in anderen Vierteln, das mag hier rund um die Tumblingerstraße keiner. Und außerdem: München ist ja nicht nur Wiesn, Brezn und Weißwürst. „Auch wenn es hier die besten gibt.“ Unter anderem beim Wallner in der Gaststätte Großmarkthalle. Aber das weiß jeder Einheimische schon lang.

Direkt vor der Freiheit Jeder Münchner kennt Krafts Wirtschaft - und wenn’s aus Franz Xaver Bogners Kult-Serie ist. „Bei uns im Viertel ist München noch richtig echt“, so der Gastronom.

Was für Norbert Kraft noch echt typisch münchnerisch ist, ist das FrischeParadies direkt rechts hinter dem Schlachthof. In der riesigen Markthalle wird auf 1300 Quadratmetern so ziemlich jedes Schmankerl angeboten, das das Leben lebenswerter macht: Von Obatzten und Schweinsbratwürstln bis hin zu Austern oder Hummer. „Da steht dann vor dem Geschäft der verrostete Golf neben dem Lamborghini“, erzählt Norbert Kraft schmunzelnd. „Viele aus unserem Viertel kaufen dort ein – auch ich, wenn ich no schnell was für die Küche brauche – aber eben auch eine Menge Großkopferte aus dem Umland. Trotzdem beißt sich des nie. Ma’ kommt scho aus miteinander.“ Leben und leben lassen, genau das mache die Gegend aus.

Wenn Norbert Kraft frühmorgens sein Lokal zusperrt, wo einst die Paula die letzten Glaseln vom Tisch geräumt hat – dann möchte er an keinem anderen Ort der Welt sein: „Da gehen schon die ersten Metzger zur Arbeit, man grüßt sich, winkt, sagt Servus. Das ist eine ganz eigene Atmos­phäre.“ Der Rest der Stadt schläft da noch – träge. Der Gastronom lächelt und fügt an: „Ja, morgens um 2, 3 oder 4 Uhr auf der Zenettistraße. Wer das noch ned gesehen hat, der hat des echte München no ned g’spürt.“

Armin Geier 

Stadtteil

Einwohner

Münchner

Prozent

Altstadt-Lehel

21 442

5553

25,9

Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt

54 354

13 204

24,3

Maxvorstadt

54 066

12 698

23,5

Schwabing – West

68 752

19 771

28,7

Au – Haidhausen

61 630

19 322

31,4

Sendling

40 979

12 570

30,7

Sendling – Westpark

58 979

18 932

32,1

Schwanthalerhöhe:

30 312

9477

31,3

Neuhausen – Nymphenburg

98 801

30 714

31,1

Moosach

53 119

18 218

34,3

Milbertshofen – Am Hart

76 034

22 680

29,8

Schwabing – Freimann

75 400

22 479

29,8

Bogenhausen

86 694

27 356

31,6

Berg am Laim

45 259

15 614

34,5

Trudering – Riem

70 594

28 639

40,6

Ramersdorf – Perlach

112 787

39 570

35,1

Obergiesing – Fasangarten

54 420

17 069

31,4

Untergiesing – Harlaching:

53 861

17 790

33,0

Thalkirchen – Obersendling -

Forstenried – Fürstenried -

Solln

94 569

29 975

31,7

Hadern

50 480

17 551

34,8

Pasing – Obermenzing

73 451

26 084

35,6

Aubing – Lochhausen –

Langwied

45 000

16 906

37,6

Allach – Untermenzing

32 033

12 772

39,8

Feldmoching – Hasenbergl

61 760

24 254

39,3

Laim

55 521

18 044

32,5

Stadt München: 

1 530 359

497 261

32,5

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