Zweiter Teil der tz-Serie

Münchner Originale: So lieben wir unsere Stadt

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So schön ist München: Margot und Günter Steinberg genießen den Blick über den Wiener Platz. Hier kennt man sich noch.

München - Wir gehen wieder zusammen mit Promis auf Spurensuche nach dem echten München. Heute: Schauspielerin Ilse Neubauer, Maler Wolfgang Prinz und das Wirtepaar Steinberg.

Es gibt Fleckerl, Plätze und Lokale in München, da ist unsere Stadt noch urtümlicher als anderswo. Nur: Wo ist das? Vergangenes Wochenende ging die tz zum ersten Mal mit drei bekannten Münchnern auf Streifzug durch ihr Viertel - Alt-OB Christian Ude, Dirndl-Designerin Lola Paltinger und Gastronom Norbert Kraft verrieten ihre Lieblingsplätze.

Dieses Wochenende sind wir wieder mit Promis unterwegs: Schauspielerin Ilse Neubauer, Maler Wolfgang Prinz und das Wirtepaar Margot und Günter Steinberg verraten, wo München noch richtig original ist:

Ilse Neubauer: St. Paul erinnert mich an Paris 

So richtig Münchnerisch? Im Bahnhofsviertel? „Da gibt’s nimmer so viel“, sagt Ilse Neubauer (74). „Obwohl - da ist mein Lieblingscafé, der uralte Laden und die wunderschöne Kirche.“ Also doch, das „Ilse-Hasi“ aus der Kult-Serie Die Hausmeisterin lädt zum Viertel-Spaziergang … 

Typisch für die Ludwigsvorstadt, wie Neubauer ihr Viertel lieber nennt: Das Ur-Münchnerische offenbarte sich auch der gebürtigen Schwabingerin erst auf den zweiten Blick. Seit 15 Jahren lebt die Schauspielerin in dem wohl buntesten Viertel der Stadt. 

Einen ganz eigenen Blumengarten hat sich Ilse Neubauer in ihrem Innenhof angelegt. 

Bekannt ist sie freilich nicht nur aus "Die Hausmeisterin". Auch in "Irgendwie und Sowieso", "Monaco Franze", "Peter und Paul" oder "Meister Eder und sein Pumuckl" hat sie gespielt - und arbeitet beim BR als Sprecherin. In ihrem Viertel hat Neubauer ein 117-jähriges, denkmalgeschütztes Haus renoviert und eine Galerie eingerichtet. Ihre Oase der Ruhe ist ihr idyllischer Innenhof samt Blumenpracht.

Einen doppelten Kaffee und eine Sonnenblumenkern-Semmel (etwa 3 Euro): Damit startet das Ilse-Hasi mit der tz bei Artur Herrmann (52) in den Tag. Zwischen 8 und 9 Uhr morgens sitzt sie öfter in seinem kleinen Café mit Konditorei (Paul-Heyse-Straße 14) - und liest Zeitungen. „So ein unaufgeregtes, nettes Café finden Sie sonst nirgendwo“, sagt Neubauer. 

Konditormeister Herrmann schmeißt seinen Laden seit 1992 als Ein-Mann-Betrieb. Er backt mit der „Geheimzutat Liebe“, wie er so schön sagt. Will heißen: mit so wenig Chemie wie möglich. Außerdem erfüllt Herrmann Sonderwünsche wie etwa salzfreies Brot für Herzkranke. Und weil alles, was er produziert, so herrlich frisch ist, kann Ilse Neubauer ihre Semmel auch ohne Belag essen.

Ein weiterer kulinarischer Tipp: Wenn Neubauer am Nachmittag Lust auf einen Kuchen hat, geht sie ins Café Mariandl (Goethestraße 51). Und gönnt sich ein Stück Guglhupf. 

Morgens liest die Schauspielerin im Cafe von Artur Herrmann Zeitung.

Gestärkt geht’s weiter zum dritten Geheimtipp: Versteckt, in einem wunderschönen Hinterhof in der St.Paul-Straße 10, residiert eine der letzten Posamenten-Manufakturen in ganz Deutschland. Beim 1865 gegründeten Posamenten-Müller stapelt sich in Regalen bis unter die Decke eine bunte Farbenpracht aus Quasten (etwa für Schlüssel ab 15 Euro), Schnüren (ab 1,80 Euro pro Meter), Borten oder Raffhaltern (ab 150 Euro).

Im Jahr 1981 ist die Manufaktur in den Hinterhof im Bahnhofsviertel gezogen, erzählt Weberin Simone Howe (42). Erster Standort 1865 war die Kaufingerstraße. Vier Vollzeit-Mitarbeiter werkeln in der Seilerei und Weberei der Manufaktur. Ein Schmuckstück ist der mehr als 100 Jahre alte Webstuhl. 

Ungefähr genauso alt (1906 fertig gestellt) ist die St.-Paul-Kirche an der Theresienwiese - unsere letzte Station. „Hier fühl’ ich mich immer ein bisserl wie in Paris.“ Auch, wenn die Schauspielerin mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten ist - als Ort der Ruhe liebt sie das Gotteshaus.

Die Schauspielerin stöbert gern im Posamenten-Müller.

An die ist im Bahnhofsviertel, pardon: in der Ludwigsvorstadt, einmal im Jahr gar nicht zu denken: zur Wiesn-Zeit. „Aber das musst du aushalten, wenn du hier wohnst.“ Nicht anstrengend findet es Neubauer dagegen, dass sie im Viertel immer wieder mal freudig als Ilse-Hasi begrüßt wird. 

Einmal haben die Schauspielerin Krankenschwestern aus dem Schwabinger Klinikum angerufen. „Sie haben erzählt, dass sie sich immer Serien-Szenen vorspielen, wenn gerade nichts los ist. Das ist doch nett.“ 

Wolfgang Prinz: Bei uns pocht das Herz bayerischer

Und wieder winkt uns eine Standlfrau zu: „Servus, Wolfgang!“, ruft sie lachend. Ja, wer mit Maler Wolfgang Prinz (67) über den Viktualienmarkt schlendert, wird dauergegrüßt. 

Valentin und Prinz: die zwei verstehen sich blind.

Jahrelang wohnte der Künstler ganz in der Nähe, kaum jemand kennt sich hier so gut aus wie er. „Das ist das pochende Herz Münchens“, schwärmt Prinz. „Auf dem Viktualienmarkt kannst du noch diesen echten Münchner Geist spüren. Immer.“ Und wo genau? 
Der Künstler, der gefühlt schon ziemlich jeden Promi in München porträtiert hat, führt uns zum Würstlstand von Elisabeth Teltschik. „Hier gibt es die perfekte Brotzeit“, erklärt der 67-Jährige. „Am besten Weißwürst oder die Bratwurst.“ 

Und was fast noch wichtiger ist: Ein immer freundliches Gespräch ist im Preis inbegriffen - über die aktuellen Themen in der Stadt. Vier Euro kost’ die Gaudi. „Dann stehst du am Stehtisch und fühlst dich daheim“, erklärt Prinz. „Und Daheimsein ist doch was urmünchnerisches.“

Wenn es Prinz am Viktualienmarkt mal zu trubelig wird (wegen der vielen Touristen), dann marschiert er zum Dreifaltigkeitsplatz - hinten bei der Heiliggeistgasse. „Hier ist es ruhiger - und auch an sonnigen Tagen, wenn Tausende Preißn durch unsere Stadt wandern, noch richtig orginal.“

Am Dreifaltigkeitsplatz nimmt Wolfgang Prinz gerne eine Auszeit - mit einem frischen Weißbier im Gasthaus zum Alten Markt.

Nur drei Lokale gibt es an dem kleinem Fleckerl. Meist setzt sich der Wolfi dann ins Gasthaus Zum Alten Markt und trinkt ein Weißbier. Die Bedienung kennt er schon seit über 20 Jahren. „Das ist auch so etwas Münchnerisches. Aber das muss man sich erst erarbeiten“, erklärt der Künstler schmunzelnd. 

Das absolut heimischte Fleckerl in der Stadt? Das ist für Wolfgang Prinz zweifelsohne der Valentin-Brunnen oben bei den Blumenstandln. „Ich weiß, dass den fast jeder kennt. Aber da muss man auch mal stehen bleiben und sich den genau anschauen. Da ist jedes Detail perfekt.“

Zudem sei angeblich damals nach dem Krieg ein kaputter Löwe vom Siegestor eingeschmolzen worden, um den großen Karl Valentin ein Denkmal zu setzen. „Also hast du den tapferen Löwen und grantigen Denker in einem. Münchnerischer geht’s doch gar ned, oder?“ 

Günter und Margot Steinberg: Hier sind Stadt und Dorf noch eins 

Oben auf dem Wiener Platz pulsiert das Großstadtleben. Etwa im Hofbräukeller und seinem herrlichen Biergarten. Oder nebenan in den Cafés und Restaurants, in kleinen Geschäften, an charmanten Marktstandln … 

Das Wirtepaar liebt Haidhausen. "Der Charme unseres Viertels ist einmalig."

Aber nur ein paar Schritte weiter scheint die Hektik verflogen und die Zeit stehen geblieben zu sein. „Gleich hier beginnt das andere Haidhausen“, sagt Günter Steinberg (77) der tz und zeigt auf das Straßenschild mit Namen An der Kreppe. 

Das abschüssige, gepflasterte Gasserl führt praktisch direkt hinab ins 19. Jahrhundert. Unten angekommen, steht der Wirt des Hofbräukellers in einem alten Herbergsviertel. 

Gemeinsam mit Gattin Margot (67) schlendert er vorbei an liebevoll hergerichteten Hexenhäuserln. Früher haben hier Handwerker und Tagelöhner gewohnt, die im Inneren der Stadtmauern gebuckelt haben. Viel Grün, Vögelgezwitscher.

Eine Art lebendiges Freilichtmuseum zum Nulltarif. Die Metropole ist hier so weit weg wie der Mond. „Bei uns in Haidhausen ist noch allgegenwärtig, warum München den Ruf eines Millionendorfs genießt“, sagen die Steinbergs. „Hier kann man im Nu vom großstädtischen Leben in ländliche Idylle abtauchen. Das hat einen besonderen Charme.“ 

Besonders deutlich in der Preysingstraße: Hier kann man einem Schuhmacher durchs offene Fenster bei der Arbeit zuschauen oder den Kriechbaumhof bestaunen, den man eher in einem oberbayerischen Weiler vermuten würde. 

Früher diente das schmucke Holzhaus Zugezogenen als Herberge. Heute nutzt es die Jugend des Deutschen Alpenvereins. „Es freut mich ganz besonders, dass in Haidhausen viele alte Häuser erhalten werden. Woanders werden sie einfach plattgemacht“, sagt Günter Steinberg. 

Paradebeispiel: das Üblackerhaus. Es beherbergt nicht nur ein kleines Heimatmuseum, sondern dient auch als attraktive - wie es neudeutsch so schön heißt - Location für Ausstellungen. Derzeit sind Werke von Su Yeon Shim zu sehen (mittwochs und donnerstags 17 bis 19 Uhr, freitags und sonntags 10 bis 12 Uhr; hier mehr Infos). 

Im Dezember werden die Pfarrkirchen St. Wolfgang und St. Johannes gemeinsam eine große historische Doppelausstellung zeigen. Die dürfte auch die Steinbergs als praktizierende Christen besonders interessieren - und dazu kommt: „Vom Wiener Platz hat man -einen wunderschönen Blick auf die Johanniskirche.“ 

Margot und Günter Steinberg im Cafe Livingroom.

Inzwischen bewirten die Eheleute den Hofbräukeller bereits seit 21 Jahren. Für Günter ist er eine Art Jugendliebe. „Er hat mich schon als Bub fasziniert, auf meinem Schulweg bin ich täglich daran vorbeigelaufen“, erinnert sich Steinberg. 
Am Wiener Platz kommen auch die Romantiker auf ihre Kosten. Im Livingroom zum Beispiel, auf Deutsch Wohnzimmer - einer Mischung aus Café und Antiquitätenladen. Hier können Turteltauben an einem süßen Florentiner knabbern (2,10 Euro) oder einfach nur gemeinsam einen Kaffee trinken (2,60 Euro). 

Und wer will, kann etwas von dem Ambiente mit nach Hause nehmen: Es gibt stilechte Vasen und Karaffen zu kaufen - sogar einzelne Möbelstücke. Vielleicht tut’s aber auch erstmals ein gediegenes Essen im Weinhäusl, einem hübschen kleinen Lokal gegenüber vom Hofbräukeller.

„Haidhausen bietet für jeden Geschmack etwas“, sagt Margot Steinberg. „Man muss es nur ausprobieren.“



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