Alexander Stevens: "Tabus kenne ich nicht"

Münchner Sex-Anwalt packt über das Grauen vor Gericht aus

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Der Münchner Anwalt Alexander Stevens sagt: "Ich würde jedes Opfer und jeden Täter verteidigen."

München - Der Münchner Anwalt Alexander Stevens berichtet in einem Buch über seine härtesten Sex-Fälle. Er hat so ziemlich alles gesehen - und erhebt im Interview schwere Vorwürfe. Nicht gegen die Täter.

Der gebürtige Münchner Alexander Stevens (35) ist nach eigenen Angaben als einziger Anwalt deutschlandweit auf Sexualstrafrecht spezialisiert. Man kennt ihn auch aus Fernsehserien wie "Richter Alexander Hold". Was ihm in seinem Berufsalltag begegnet, ist manchmal lustig, oft skurril und nicht selten abartig. 

Stevens arbeitet mit Prostituierten, Perversen und Pädophilen. Von einem schärferen Sexualstrafrecht, wie nach den Silvester-Übergriffen in Köln angestoßen, hält er nichts. Er sieht die Probleme im System woanders.

Herr Stevens, wenn man die Fälle in ihrem Buch liest, fragt man sich: Kann Sie noch etwas schocken?

Natürlich. Ich werde täglich geschockt! Allerdings davon, wie schnell man(n) eines Sexualdeliktes bezichtigt werden kann und wie undifferenziert die Justiz damit umgeht. Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Hat ein Kind Probleme beim Wasserlassen oder Jucken im Schambereich, wird sofort der Vater unter Generalverdacht gestellt.

Sie schocken gerne mit steilen Thesen - und mit Details. Ein Fall in Ihrem Buch dreht sich um eine Domina, die ihrem Sklaven ihren eigenen Stuhlgang zum Verspeisen anbieten sollte. Weshalb muss die Menschheit davon erfahren? 

Über seine härtesten Fälle hat Alexander Stevens ein Buch geschrieben. Es ist am 1. April erschienen. 

Ich habe in meinem Buch extreme Fälle gewählt, um die Menschen einerseits zu unterhalten, ganz klar, andererseits aber auch das Thema der breiten Masse zugänglich zu machen und wachzurütteln. Viele lassen sich von den eigenen Moralvorstellungen leiten und urteilen dann zu hart. Jeder Fall soll die Vorurteile - auch von Richtern und Staatsanwälten - gegenüber Opfern und Tätern aufzeigen. Denn ich erlebe eine immer krassere Überreaktion auf sexualisierte Verhaltensweisen. 

Vielen Menschen fallen jetzt wahrscheinlich tausend Gründe ein, warum Übersensibilität wichtig sein könnte - zum Beispiel bei Kindesmissbrauch. Bitte nennen Sie doch einen konkreten Fall, um Ihre Ansicht zu verdeutlichen.

Ganz aktuell hat eine Zeitung über einen Fall berichtet, bei dem ein Schüler, der im Suff einer Rettungssanitäterin seinen Penis gezeigt hatte, verurteilt wurde. Das Urteil war deshalb so hart ausgefallen, weil die Sanitäterin angeblich eine Woche lang ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Da fragt man sich, ob die Dame überhaupt für ihren Beruf geeignet ist, wenn sie ein solches Problem mit dem männlichen Geschlechtsteil hat. Der Fall zeigt aber noch ein anderes Paradoxon des Sexualstrafrechts auf: Frauen können nicht wegen Exhibitionismus bestraft werden. 

Im Regelfall sind Frauen ja Opfer, nicht Täter. Was war das Schrecklichste, was Sie je in Ihrem Berufsleben erlebt haben?

Der mit Abstand schrecklichste Fall, den ich auch in meinem Buch beschreibe, war der einer Frau, die in die Fänge eines Sadisten geraten war, der ihr die Brüste abgeschnitten und sie mit einem Messer vergewaltigt hatte. Über den Fall hat auch Ihre Redaktion berichtet. Das wirklich Schlimme für mich an dem Fall aber war das unsensible Vorgehen der Behörde: Der Staatsanwalt legte nach der Gerichtsverhandlung dem Opfer die abgeschnittene Brust, die in einem Glas aufbewahrt worden war, auf den Tisch und fragte, ob sie diese zurückhaben wolle. Die Krankenkasse weigert sich übrigens bis heute, der armen Frau eine OP zur Wiederherstellung ihrer Brüste zu bezahlen. 

Wenn Sie Mandaten vertreten wie das „U-Bahn-Monster“, hinter dem ein junger Mann steckte, der auf schlafende Frauen onaniert hatte, wie schaltet man da seine natürliche Abneigung als Mensch aus?

Ich darf diese Abneigung als neutraler und unbefangener Strafverteidiger einfach nicht haben. Das ist ja genau das, was ich meine, und weshalb ich den Umgang mit Sex-Fällen vor Gericht kritisiere. Das "U-Bahn Monster" war einfach psychisch krank. Dieser Mann braucht kein Gefängnis, er braucht einen Arzt.

Immer wieder hört man auch von Fällen, in denen Frauen Vergewaltigungen oder Belästigungen erfinden. Wie können Sie so etwas als Anwalt erkennen?

Laut einer Studie des bayerischen Landeskriminalamtes ist sogar jede zweite Vergewaltigung erfunden. Die Motive können Hass oder Eifersucht sein. Allerdings gibt es auch immer wieder Fälle, bei denen sich die Opfer tatsächlich so fühlen, als wäre die Vergewaltigung passiert. Das ist dann schwer zu erkennen. Lügengeschichten fliegen dafür meistens auf, da es schwierig ist, die gleiche - unwahre - Geschichte immer und immer wieder fehlerfrei zu erzählen. 

Gibt es eigentlich ein Tabu, das sie niemals brechen würden?

Nein, ich kenne keine Tabus. Ich würde jedes Opfer und jeden Täter verteidigen. Denn beide haben eines gemeinsam: Jeder Mensch hat einen unbedingten Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren und ich bin dafür da, genau das zu gewährleisten.

Kathrin Garbe

Kathrin Garbe

E-Mail:kathrin.garbe@merkur.de

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