Tückische Krankheit fordert nächstes Opfer

Münchner Top-Arzt stirbt: Ein großes Herz schlägt nicht mehr

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Professor Dr. Christian Schreibers Einsatz galt -seinen Patienten, darunter vielen Kindern.

München - Einer der besten Herzchirurgen Münchens ist tot. Christian Schreiber verlor den Kampf gegen die tückische Nervenkrankheit ALS. Kollegen und Patienten trauern.

Wieder ALS, wieder diese unheimliche Nervenkrankheit, wieder ein Schicksalsschlag, der viele Münchner erschüttert – allen voran die Mitarbeiter des Deutschen Herzzentrums in der Lazarettstraße: Sie trauern um Professor Dr. Christian Schreiber, den stellvertetenden Direktor der Herzchirurgischen Klinik. Der zweifache Familienvater starb im Alter von nur 50 Jahren an den Folgen der Amyotrophen Lateralsklerose, wie das tückische Leiden in der Fachsprache heißt. Dabei werden Nervenzellen, sogenannte Neuronen, zerstört, die die Muskeln steuern.

ALS ist selten – pro Jahr erkranken nur drei bis acht von 100 000 Menschen daran. Aber besonders in München war die Krankheit in den vergangenen Monaten zunehmend ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Dies hatte Nina Zacher erreicht – eine mutige Patientin und vierfache Mama, die ihre Leidensgeschichte öffentlich machte. Allein im sozialen Internet-Netzwerk Facebook verfolgten über 44 000 Nutzer ihre Einträge. Die Wirtin der Emmeramsmühle war im Mai im Alter von nur 46 Jahren gestorben.

Sie waren Freunde, jetzt sind sie beide an der heimtückischen Krankheit ALS gestorben: Nina Zacher und Prof. Dr. Christian Schreiber

Nina Zacher und Christian Schreiber waren befreundet. Gemeinsam kämpften sie mit ihren Familien gegen ALS, riefen die Facebook-Informationsseite face-ALS ins Leben. Dort veröffentlichte Ninas Ehemann Karl-Heinz Zacher einen bewegenden Eintrag: „Die Verzweiflung ist schier unerträglich. Diese teuflische Erkrankung nimmt mir innerhalb von wenigen Wochen neben meiner geliebten Ehefrau jetzt auch einen sehr guten Freund, der mir trotz seiner eigenen, denkbar schwierigsten Situation beigestanden hat … Wir müssen diese schreckliche Erkrankung endlich behandelbar machen.“

Christian Schreiber hinterlässt seine Ehefrau Tania sowie seine Töchter Alma (15) und Ella (19). Er wird am Sonntag auf dem Friedhof von Glonn beigesetzt.

Wie groß die Lücke ist, die der Mensch und Mediziner im Herzzentrum hinterlässt, erzählt sein Freund Professor Dr. Rüdiger Lange in der tz. Er leitet die Herzchirurgische Klinik, in der sich Schreiber vor allem als Spezialist für Operationen bei Kindern weltweit Ansehen erarbeitete.

Kollegen und Patienten trauern um Christian Schreiber

Für seine Patienten hat er alles Menschenmögliche getan. Egal, wie schwierig ein Fall erschien: „Geht nicht“ gab’s nicht bei Professor Christian Schreiber – schon gar nicht, wenn er sich um schwer kranke Zwergerl kümmerte. Hunderte hat der Münchner Herzchirurg gerettet. Ihren Eltern gab er die Hoffnung zurück – mit klaren Worten, die jeder versteht: „Vertrauen Sie uns, wir machen das schon!“, sagte Schreiber oft – auf eine beruhigende und zugleich zupackende Art. Er war davon überzeugt, das spürte man.

Doch als es um sein eigenes Leben ging, waren dem Ausnahme-Mediziner mit dem großen Herzen die Hände gebunden. Natürlich wollte er es nicht hinnehmen, als er im vergangenen Jahr die Diagnose ALS erhielt: „Christian hat unheimlich gekämpft“, erinnert sich Professor Rüdiger Lange. „Er hat sogar selbst versucht, neue Behandlungen mitzuentwickeln.“ Doch leider gibt es bis heute kein Mittel gegen die Erkrankung – eine Tatsache, die selbst erfahrene Ärzte wie Lange fassungslos macht: „Wir können heute so vielen Menschen mit modernen Behandlungsansätzen helfen. Aber der ALS steht die Medizin nach wie vor machtlos gegenüber. Es gibt keine Therapie, die den Patienten Hoffnung macht. Das ist absolut frustrierend.“

Bei ALS gehen Nervenzellen zugrunde, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Davon ist im Endstadium auch das Atmungssystem betroffen. Die Patienten überleben im Durchschnitt nur drei bis fünf Jahre.

Links: Kollege Professor Dr. Rüdiger Lange

Das Tückische an der Erkrankung: Sie fängt in der Regel mit harmlosen Symptomen an und wird oft erst spät erkannt. So war es auch bei Schreiber. Anfangs zwickte es nur ein bisserl im Bein. „Er hat vermutet, dass die Beschwerden von der Wirbelsäule ausstrahlen“, sagt Lange. „Das wäre naheliegend gewesen, denn viele von uns Herzchirurgen haben Rückenbeschwerden, eine Folge des langen Stehens im OP.“ Also versuchte Schreiber zunächst, das Problem mit Krankengymnastik in den Griff zu bekommen. Doch langsam kamen weitere Lähmungserscheinungen dazu, der Herz-Spezialist ging zum Neurologen. Es sollten etwa eineinhalb Jahre vergehen, bis Schreiber die Diagnose ALS erhielt. Doch der leidenschaftliche Arzt gab nie auf, im OP leistete er, solange es ihm die Krankheit erlaubte, wie gewohnt Spitzenarbeit. „Christian war nicht nur ein begnadeter Herzchirurg, sondern auch ein Team­player. Er hat viele junge Kollegen toll ausgebildet.“

Schreiber, der an der Ludwig-Maximilians-Universität studiert hatte, arbeitete seit 1992 im Herzzentrum, seit 2011 war er Vize-Chef der Herzchirurgen. Jedes Jahr stand er bei 300 bis 400 Eingriffen am OP-Tisch. Von seinem Können profitierten auch Patienten in anderen Kliniken auf der ganzen Welt, in denen Schreiber Gast-Operationen durchführte. Sein Wissen war gefragt – vor allem, wenn es um das Leben von Kindern ging. So unterrichtete Schreiber in China Medizinstudenten, dort hatte er Ehrenprofessuren an zwei Universitäten inne, engagierte sich zudem bei mehreren wichtigen internationalen Fachgesellschaften und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Fachbeiträge.

Entsprechend groß war die Anteilnahme. In Hunderten Kondolenzschreiben aus aller Welt drücken Kollegen, Patienten und Angehörige ihr Mitgefühl aus.

Am Deutschen Herzzentrum wird Schreibers Knowhow sehr fehlen. Aber mindestens genauso sehr vermissen die Kollegen eine ganz andere Fähigkeit: „Christian hatte Humor“, sagt Professor Lange. „Er wusste, wie man lacht und wie man andere dazu bringt.“ Das wird bleiben. Für immer.

Andreas Beez

Andreas Beez

Andreas Beez

E-Mail:Andreas.Beez@tz.de

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