Prozess in München

Mutmaßlicher Dschihadist: Laut seiner Mutter wollte er nur in Koranschule

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Vor Gericht: der Angeklagte Samir A. 

München - Schon der Versuch einer Ausreise zu einer Terrorausbildung ist seit einem Jahr strafbar. In München steht deshalb ein mutmaßlicher Kämpfer für den Islam vor Gericht. Seine Familie nennt allerdings ganz andere Gründe für seine geplanten Türkeireise.

Im Münchner Prozess gegen einen mutmaßlichen Dschihadisten ist der Angeklagte am Dienstag von Angehörigen und Freunden in Schutz genommen worden. Seine geplante Reise in die Türkei erklärten die Zeugen mit der Liebe zu einem dort lebenden Mädchen, dem geplanten Besuch einer Koranschule und dem Wunsch, Flüchtlingen zu helfen.

Der 27-Jährige muss sich wegen versuchter Ausreise ins türkisch-syrische Grenzgebiet zur Teilnahme am Dschihad verantworten. Die Anklage wirft ihm vor, er habe sich in einem Terrorcamp im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausbilden lassen und dann an Kämpfen beteiligen wollen.

Die Mutter und der Bruder gaben dagegen vor dem Landgericht München zu Protokoll, der Mann habe in der Türkei eine Koranschule besuchen wollen. Der Bruder sagte, es sei auch um ein Mädchen gegangen, das er in Deutschland kennen gelernt habe, das er heiraten wolle und das nun in der Türkei lebe. „Er wollte auch wegen dem rüber. Er wollte mit dem Mädchen sprechen beziehungsweise mit der Schwester und dem Vater.“ Denn der Vater habe Nein zu der Verbindung gesagt. Ähnlich äußerten sich ein Mitbegründer sowie ein Mitglied eines muslimischen Gebetskreises, dem auch der 27-Jährige angehörte.

Die Mutter des Mannes sagt, ihr Sohn habe auch Flüchtlingen helfen wollen. Es sei sein „höchstes Ziel“ gewesen, humanitär zu helfen. Ein zweites Handy, das bei ihm sichergestellt wurde, sei gekauft worden, um Kontakt zur Familie in Deutschland halten zu können. Sie habe Outdoorkleidung für ihren Sohn eingepackt - und die mögliche Gepäckmenge ausgeschöpft, sagte die 44-Jährige. „Es war ja nicht sicher, wie lange er bleibt: Eine Woche oder drei Monate.“ Der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann sagte daraufhin, er habe den Verdacht, diese Angaben spiegelten „eine Position, die Sie sich zurechtgelegt haben“.

"Jeder gläubige Muslim will die Scharia - aber nicht mit Gewalt"

Das Gericht hat eine schwierige Aufgabe: Es muss klären, was der Mann getan hätte - wenn er nicht beim Versuch der Ausreise am 10. Oktober am Münchner Flughafen festgenommen worden wäre. Es ist einer der ersten Prozesse bundesweit nach dem vor einem Jahr neu geschaffenen Straftatbestand (Strafgesetzbuch Paragraf 89a, 2a), der schon eine Ausreise zur „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ unter Strafe stellt. 

Der Angeklagte war schon im Sommer 2015 in die Türkei gereist. Ahmed legte einen Chat vor, in dem er über Flüchtlinge schrieb: „Diese Menschen tun mir leid“, und: „Diese Menschen sind vom Krieg gezeichnet.“ Polizeibeamte hätten ihn nicht ernst genommen, als er gesagt habe, er wolle helfen und nicht kämpfen.

Laut Ermittlungen hatte der 27-Jährige, der zuvor wegen anderer Delikte straffällig wurde und keinen Beruf hat, vor seiner neuen Abreise im Oktober gepostet: Es gebe viele, die leben wollten, um zu sterben. „Ich aber habe beschlossen zu sterben, um zu leben.“ Und: „Die Abkürzung zum Paradies ist der Dschihad.“ Seine Mutter, Muslimin mit tschechischen Wurzeln, sagte: „Jeder gläubige Moslem will die Scharia - aber nicht mit Gewalt.“

dpa

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