Es geht um fünf Euro

MVG: Schlammschlacht nach Fahrkarten-Kontrolle

+
Wer keinen Fahrschein hat, muss zahlen, mittlerweile sogar 60 Euro. Nur hatte Martin H. eine gültige Jahreskarte dabei...

München - Trotz gültigem Ticket ein Bußgeld bezahlen? Wirklich nicht, denkt sich Martin H.. Er fühlt sich ungerecht behandelt. Die MVG erhebt ihrerseits schwere Vorwürfe gegen den Fahrgast. Eine Posse in zahlreichen Akten.

Jeder kennt es, dieses unangenehme Gefühl, das sich in der Magengegend breitmacht, sobald ein lautes "Die Fahrscheine, bitte" die morgendliche Ruhe in den Zügen der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) durchschneidet. Dabei ist es egal, ob man einen gültigen Fahrschein hat oder nicht. Dieses flaue Gefühl lässt auch erst nach, wenn man die Kontrolle unbestraft hinter sich gebracht hat. Aber warum eigentlich? Man hat ja nichts falsch gemacht.

Das dachte sich auch Martin H., als er am 9. Juni in der U2 auf Höhe des Kolumbusplatzes kontrolliert wurde. Nur Martin H. muss zahlen - trotz gültigem Fahrschein. Zwar nicht die vollen 60 Euro Bußgeld, aber eine Bearbeitungsgebühr von fünf Euro. Dennoch eine Unverschämtheit, findet H. und weigert sich zu zahlen. Ein normaler Vorgang, meint die MVG und beharrt auf die Bearbeitungsgebühr. Aber der Reihe nach.

Wo ist sie, diese verflixte Fahrkarte?

Martin H., zugestiegen an der Station Messestadt West, ist gerade auf dem Weg nach Hause, als die Kontrolleure gegen 17 Uhr in die U2 in Richtung Feldmoching zusteigen. Einige Sekunden und ein lautes "Die Fahrscheine, bitte" später bricht die typische Unruhe im Abteil aus. Jeder kruscht nach seinem Fahrschein. So auch Martin H.. Er weiß, irgendwo in seinem Portmonnaie muss sie doch sein, diese verflixte Fahrkarte. Sicherheitshalber hält er schon einmal seinen Personalausweis parat, den er ja immer vorzeigen muss, wenn seine personalisierte Jahreskarte kontrolliert wird. Was jetzt passiert, schildert H., wie folgt.

Der Kontrolleur tritt an ihn heran, H. ist noch immer am Suchen. Dann wird es offenbar ungemütlich. "Nach kürzester Zeit wurde der Kontrollschaffner höchst ungeduldig", beschreibt Martin H. die Situation. "Er sagte mit laut erhobener Stimme, dass ich es auch einfach zugeben kann, dass ich ein Schwarzfahrer bin." Dann, so erzählt H., habe ihm der Kontrolleur seinen Personalausweis einfach aus der Hand gerissen und begonnen, den Bußgeldbescheid auszustellen. H.s Beteuern, er habe doch einen gültigen Fahrschein, und seine Forderung, den Personalausweis sofort zurückzubekommen, bleiben anscheinend ungehört. 

Der kontrollierende MVG-Mitarbeiter lässt sich laut H. von den lautstarken Protesten nicht aus der Ruhe bringen und schreibt fleißig weiter am Bescheid. Martin H. fühlt sich "eingeschüchtert", er schlägt vor die Polizei hinzuzuziehen, so erzählt er: "Das wurde mir aber verwehrt." Als er seinen Fahrschein endlich gefunden hat und ihn vorzeigt, bedenkt der Kontrolleur das, laut H., mit einem "zu spät", drückt ihm den Bußgeldbescheid in die Hand und steigt aus.

Der völlig perplexe und wütende Fahrgast sucht daraufhin nach eigenen Angaben Hilfe im MVG-Kundencenter am Hauptbahnhof, wo man ihm aber wohl nicht weiterhelfen kann. Also wendet sich H. per E-Mail an die Inkasso-Abteilung der MVG, die die Bußgeldbescheide bearbeitet. Hier geht die Posse in die nächste Runde.

Es steht Aussage gegen Aussage

In den E-Mails, die unserer Onlineredaktion vorliegen, prallen zwei verhärtete Fronten aufeinander. H. schildert seine Sicht der Vorkommnisse. Die Mitarbeiterin der MVG weist ihn freundlich darauf hin, dass er durch die "nachträgliche Vorlage" zwar nicht das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro, sondern nur die Bearbeitungsgebühr in Höhe von fünf Euro zahlen muss, aber er diesen Betrag doch bitte so schnell wie möglich überweisen soll. H. beteuert wiederum, den Fahrschein noch während der Kontrolle vorgezeigt zu haben, und weigert sich zu zahlen. Die MVG-Mitarbeiterin besteht darauf, lenkt aber ein und holt die Stellungnahme von Kontrolleur 984 ein, der den Bescheid ausgestellt hat.

Dessen Angaben wichen "allerdings völlig von Ihrer Aussage ab", teilt die Mitarbeiterin H. per Mail mit. Laut des Kontrolleurs habe H. sogar gesagt, er hätte seinen Fahrschein vergessen. Der Bescheid sei daher rechtens, die fünf Euro Bearbeitungsgebühr fällig.

"Aussage eine dreiste Lüge"

"Diese Aussage ist eine dreiste Lüge", echauffiert sich Martin H. im Gespräch mit unserer Redaktion. "Ich habe meinen Fahrschein mitgeführt - nur nicht innerhalb der ersten 10 Sekunden gefunden." Auf seine neuerliche Protest-Mail habe er bisher keine Antwort bekommen.

Also, nachgefragt bei der MVG: Wie kann es sein, dass Martin H. trotz gültigem und nur mit Verzögerung vorgezeigtem Fahrschein zahlen muss? Eigentlich gar nicht, bestätigt ein MVG-Sprecher: "Wenn man zum Zeitpunkt der Kontrolle sein Ticket findet, muss man nicht zahlen." Er müsse sich aber erst genauer über den konkreten Fall informieren.

Aufgebrachte Stimmung, zerknüllte Zettel und Beleidigungen - wenn eine Kontrolle eskaliert

Gesagt, getan: Einen Tag später erreicht die Redaktion eine offizielle Stellungnahme. Und auch hier unterscheiden sich die Darstellungen des Kontrolleurs, "einem sehr zuverlässigen Mitarbeiter", äußerst von denen Fahrgasts. Demnach habe H. angegeben, seinen Fahrschein vergessen zu haben, woraufhin der Kontrolleur den Bußgeldbescheid ausstellte.

Als er diesen H. übergeben hatte, soll der den Zettel zerknüllt und ihn in Richtung des Kontrolleurs geworfen haben, den er zudem als "Arschloch" beschimpft haben soll. Schließlich soll H. seine Fahrkarte gefunden haben, dennoch sah der Kontrolleur "aufgrund der Aggressivität des Kunden und der groben Beleidigung keine Basis mehr für eine weitere Auseinandersetzung, auch um eine weitere Eskalation zu vermeiden." Diese Angaben bestätigte ein Kollege.

Wie die MVG mitteilt, behalte sich der Kontrolleur nun eine Anzeige wegen Beleidigung gegen H. vor. Der muss derweil bezahlen, das macht die MVG in ihrer Stellungnahme nochmals deutlich: "Die Bearbeitungsgebühr von 5 Euro kann nicht erlassen werden."

auch interessant

Meistgelesen

Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Technische Störung: Wer zum Flughafen will, hat ein Problem
Der große Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood
Der große Test: So schmeckt‘s auf dem Tollwood
Ich darf meine Schwester nicht mehr sehen
Ich darf meine Schwester nicht mehr sehen

Kommentare