"Ich bin doch kein Schwarzfahrer"

Wegen fünf Minuten: 82-Jähriger muss 60 Euro MVG-Strafe zahlen

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Edmund S. mit seinem Bußgeldbescheid am Georg-Brauchle-Ring.

München - Seit 20 Jahren hat Edmund S. (82) die Isarcard60 abonniert - und der MVG somit gut 10.000 Euro eingebracht. Doch nun muss er eine Strafe zahlen - wegen fünf Minuten.

Ohne Ticket fahren? Nein, das hat Edmund S. noch nie gemacht! Der Münchner (82) ist das, was man eine ehrliche Haut nennt. Seit vielen, vielen Jahren kauft sich der Moosacher immer am 1. brav seine MVG-Monatskarte. Immer! „Wenn man alleine die letzten 20 Jahre rechnet, dürfte ich den Verkehrsbetrieben gut 10.000 Euro bezahlt haben“, so der Rentner. Mindestens, weil seine Gattin auch noch eine Monatskarte besitzt. Preis pro Stück: derzeit 46,60 Euro. Und dann das: Als Edmund vor ein paar Wochen mit seiner IsarCard60 dringend zum Arzt muss, steigt er um 8.55 Uhr in die U-Bahn. Sie ahnen es: Er wird prompt kontrolliert. Und da die Karte erst ab 9 Uhr gilt, muss er nun 60 Euro Strafe zahlen.

Ist das nun herzlos oder nur gerecht? Der 82-Jährige wollte nicht mal zu früh in den Zug – es war schlicht ein Versehen. Es ist ein Dienstag, als er zum Arzt muss und zu Fuß von seiner Wohnung zur Haltestelle am OEZ geht. Dort blickt er auf die Uhr und merkt, dass es erst 8.40 Uhr ist. „Da war mir klar: Ich darf noch nicht fahren.“ Also muss der Münchner Zeit totschlagen. Er entschließt sich, zum Georg-Brauchle-Ring zu marschieren und dort die U-Bahn zu nehmen. Als er ankommt, achtet er nicht mehr auf die Zeit, es muss ja mittlerweile so um 9 Uhr sein. „Also bin ich eingestiegen.“ Wenige Sekunden später stehen die Kontrolleure vor ihm, erklären, dass es fünf vor 9 ist – und er somit schwarz fährt. Also: Strafe! „Das war so kleinlich, dass ich an die Verkehrsgesellschaft gleich einen Brief geschrieben habe.“ Darin schildert Edmund, was passiert ist. Man könne auch gerne prüfen, dass er immer eine Monatskarte erwerbe.

Die Antwort der MVG ist deutlich: Die IsarCard60 sei günstiger als eine normale Monatskarte – daher gelte sie nicht in der Sperrzeit. Egal, ob man nun eine Stunde oder fünf Minuten zu früh fahre – Ausnahmen könne man hier nicht machen. Am Mittwoch sagte hierzu ein MVG-Sprecher auf tz-Anfrage: „Wir sind schon aus Gründen der Gleichbehandlung aller Fahrgäste dazu verpflichtet, keine individuellen Ausnahmen von klar definierten Regeln zu machen.“ Nur so könne eine für alle nachvollziehbare Beurteilung erfolgen.

Dass man Regeln braucht, das stellt auch Edmund S. nicht in Frage: „Aber man muss doch nicht Leute bestrafen, die seit vielen Jahren treu zahlen.“ 

Der Kampf der Senioren

Das Seniorenticket IsarCard60 ist Ingeborg Staudenmeyer, Chefin des Münchner Seniorenbeirats, schon lange ein Dorn im Auge. Sie hält die Sperrzeit von 6 bis 9 Uhr sogar für Altersdiskriminierung. „Der Fall von Edmund S. zeigt doch deutlich, dass Senioren auch oftmals zu dieser Zeit unterwegs sein müssen. Zum Arzt beispielsweise oder zu Verwandten zum Kinderbeaufsichtigen.“ Dass man morgens mit der Streifenkarte seine Monatskarte „aufwerten“ muss, findet Staudenmeyer eine Frechheit. „Viele Rentner müssen eh mit wenig Geld auskommen.“ Und Edmund S. hätten die Kontrolleure auch einfach „durchwinken“ können. „Das hat mit Fingerspitzengefühl zu tun – und nichts mit Regeln.“

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