MVV-Rekord & Dauerstau am Ring

Drei Ideen gegen den Verkehrskollaps in München

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Der mittlere Ring: Droht unserer Stadt bald der Verkehrskollaps?

München - Immer mehr Menschen drängen nach München - der Verkehrskollaps ist eigentlich schon seit Jahren überfällig. Wir stellen drei Projekte vor, die gegen den drohenden Kollaps helfen sollen.

Schon wieder ein neuer Rekord! Ganze 692 Millionen Fahrgäste sind nach tz-Informationen im vergangenen Jahr mit S-Bahn, U-Bahn, Bus und Tram gefahren. Im Vorjahr registrierte der MVV noch 680 Millionen beförderte Kunden.

Immer mehr Menschen drängen nach München – doch wann kollabiert der Verkehr in der Region? Lange Staus, Stammstrecken-Chaos: Bei der „mobil.TUM“-Konferenz diskutieren seit gestern mehr als 100 Wissenschaftler über die Mobilität der Zukunft.

Dabei bei der Podiumsdiskussion (heute um 16 Uhr) im öffentlichen Teil des Kongresses ist auch Verkehrsplaner Fabian Schütte vom städtischen Planungsreferat. Alleine über den Mittleren Ring fahren momentan täglich 406 000 Fahrzeuge ins Stadtzentrum, sagt er. Etwa genauso viele sind es nochmal in die andere Richtung. Der Pendler-Wahnsinn!

Deswegen ist Schütte davon überzeugt, dass in der Zukunft auf Fortbewegungsmöglichkeiten abseits des klassischen Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln gesetzt werden muss. Pilotprojekte der Stadt sollen nun ein System für Lastenfahrräder, für E-Carsharing und zum sogenannten autonomen Fahren testen. Dann könnten Autos ganz ohne Fahrer durch München düsen… Zudem will die Stadt zukünftig bei Neubauprojekten Investoren fördern, die zum Beispiel E-Ladestationen einplanen. Schütte: „Wer auf intelligente Konzepte setzt, dem schreibt die Stadt zum Beispiel nur noch 0,5 Stellplätze pro Wohnung vor.“

Auf lange Sicht muss sich in der Stadt etwas in Sachen Verkehr tun, heißt es auch von Seiten der MVG. „Wir laufen Gefahr, mittelfristig an unserem eigenen Erfolg zu ersticken“, so Sprecher Matthias Korte. „Wir brauchen daher mehr Kapazitäten bei U-Bahn und Tram, vor allem die Tangenten und die U9-Spange.“ Der MVV wiederum verweist vor allem auf die S-Bahn. „Die zweite Stammstrecke ist das wichtigste Instrument, um das System bei weiter ansteigenden Fahrgastzahlen aufrecht zu erhalten“, sagt MVV-Sprecher Martin Schenck.

Welche jungen Ideen gibt es zur Lösung des Verkehrs-Problems? Wir haben mit drei Forscherinnen gesprochen, die ihre Projekte auf der mobil.TUM-Konferenz vorstellen:

Geringverdiener werden abgehängt

Es ist ein Teufelskreis, mit dem sich Lena Sterzer (28) in ihrer Doktorarbeit beschäftigt. Die Mieten in München steigen und steigen. Geringverdiener können sich das langfristig nicht mehr leisten – und müssen sich zwangsweise eine neue Bleibe suchen.

Lena Sterzer (28)

„Doch gerade sozial Schwächere haben dann wenig Einfluss darauf, wo sie landen“, sagt Sterzer. Denn: Sie nehmen schlichtweg das, was sie sich leisten können. Sterzer hat 18 Münchner Geringverdiener für ihre Doktorarbeit befragt. Sie alle haben einen Umzug geschultert. Dazu hat sie Daten aus dem Forschungsprojekt der TU „Wohnen, Arbeiten, Mobilität in der Metropolregion München“ ausgewertet.

Durch den Druck bei der Wohnungssuche rücken Punkte wie die Anbindung an Bus, Tram oder U-Bahn in den Hintergrund. Die Leute seien dann länger unterwegs, müssten öfter umsteigen. „Und wenn sie in ein Randgebiet ziehen, müssen sie auch mehr Geld für die öffentlichen Verkehrsmittel bezahlen.“ Ein eigenes Auto habe fast keiner ihrer Befragten, so Sterzer.

Das Problem: Wer nicht mobil ist, kann auch nur schwer am gesellschaftlichen Leben in unserer Stadt teilnehmen. Auffällig bei den Ergebnissen von Sterzers Befragung ist, dass gerade die Kleinverdiener – wegen ihres geringen Einkommens – sehr preisbewusst beim Einkaufen sind. „Doch dafür müssen die Menschen sich leicht in der Stadt bewegen können.“

Die Vorschläge der Forscherin: Ein Ansatzpunkt könnte etwa die Erweiterung des Geltungszeitraums des Sozialtickets „Isar Card S“ (bisher ab 9 Uhr) sein. Außerdem sei es wichtig, bei neuen Wohngebieten von vornherein Wohnen und Verkehr gemeinsam zu planen. „Zum Funktionieren einer Stadt gehört eine gute Durchmischung – genau das macht München doch aus“, sagt Lena Sterzer. „Doch dafür muss die Stadt auch darauf achten, dass Geringverdiener nicht verdrängt werden.“

Elektro-Räder entlasten Stadtverkehr

Jessica Le Bris (34)

S- und U-Bahn, Tram und Bus sind heillos überlastet. Warum also nicht Pedelecs in der Metropolregion mehr fördern? Mit eben diesen Fahrrädern beschäftigt sich Jessica Le Bris (34, Foto u.) in ihrer Doktorarbeit. Die Radl unterstützen den Fahrer beim Treten mit einem Elektromotor bis zu einer Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern.

Pedelecs machen 95 Prozent aller verkauften E-Bikes aus. Und das waren 2015 laut Zweirad-Industrie-Verband 535 000 in Deutschland. Eine Steigerung von 11 Prozent verglichen mit dem Vorjahr,

40 Pedelec-Besitzer aus der Region hat Le Bris befragt. Das Problem: Das Omi-Image des Fahrzeugs… „Bisher wird das Pedelec vor allem als Fahrzeug für Ältere gesehen.“ Ihre Befragten haben Le Bris von vielen Vorurteilen berichtet. „Doch eigentlich könnte das Pedelec gerade in München den Öffentlichen Nahverkehr entlasten. Für eine Strecke um die 15 bis 20 Kilometer ist es ein perfektes Fahrzeug.“ Und auch zum Transport von Gegenständen als Lastenradl sei es gut geeignet.

Ein Pedelec ist rechtlich einem Fahrrad gleichgestellt: Die Fahrer brauchen keinen Führerschein, es gibt keine Altersbeschränkung. Und so könnten auch Jugendliche in kleineren Gemeinden der Landkreise um München mit einem Pedelec etwa zum Ausbildungsplatz radeln. Die Idee von Jessica Le Bris: „Betriebe könnten ihren Azubis ein Pedelec stellen oder Geld dazu schießen.“ Denn ein Schnäppchen sind Pedelecs nicht: Mit 2000 Euro aufwärts müssen Käufer rechnen. Le Bris glaubt trotzdem: „In Deutschland sind wir an einem Umbruchpunkt – in Zukunft werden ählich wie in Holland immer mehr junge Leute ein Pedelec nutzen.“

Die Bürger mitreden lassen

Die Münchner Verkehrs-planer müssen die Menschen in unserer Stadt noch mehr in ihre Planungen miteinbeziehen. Zu diesem Fazit kommt Chelsea Tschoerner (30, Foto u.) in ihrer Doktorarbeit zum Thema „Nachhaltige Mobilität in München“. Besonders in den 1960er- und 70er-Jahren seien Entscheidungen eher technisch orientiert getroffen worden, der Fokus habe auf der Straßenverkehrsordnung und dem Verkehrsfluss gelegen.

Chelsea Tschoerner (30)

Dadurch entstanden zum Beispiel teils zu enge und gefährliche Radwege, so die Forscherin. Oft seien die Radfahrer in unserer Stadt schlecht sichtbar für Autos. Die Folge: Unfälle. Alleine im letzten Jahr etwa gab es 2542 Radlunfälle in der Stadt - und drei Tote. Ein leichter Rückgang im Vergleich zum Vorjahr (2898 Unfälle, 4 Tote). Aber immer noch ist die Stadt ein gefährliches Pflaster für Fahrradfahrer.

Tschoerners Appell: Verkehrsprobleme sollten zukünftig nicht nur vom Schreibtisch aus gelöst werden, sondern in Zusammenarbeit mit den Bürgern vor Ort. Beispiel Radverkehrsförderung: „Die Anwohner haben auch eine gewisse Expertise, wo Radwege Sinn machen und wie die Sicherheit gewährleistet werden kann.“ Die Elektromobilität soll außerdem mehr gefördert werden, sagt Tschoerner. „Die MVG hat bereits eine Mobilitätsstation errichtet, an der Elektroautos geparkt und geladen werden können.“

Seit November 2014 testet die Verkehrsgesellschaft zusammen mit der Stadt und BMW eine erste Station an der Münchner Freiheit. Bei Erfolg soll es weitere Stationen geben. Ein weiterer Schritt in die richtige Richtung ist aus Tschoerners Sicht außerdem das Carsharing-Prinzip. Mehr Menschen greifen zusammen auf weniger Autos zu. Die sind besser ausgelastet. Und ganz nebenbei ist es auch eine nette Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen.

Isabelle Maier

Projekte in München

U-Bahn und Tram – mit neuen Verbindungen will die Stadt das Verkehrschaos beseitigen. Lieblingsthema der Politiker ist derzeit die Tram Westtangente. Da geht nicht wirklich was weiter. Die CSU blockiert die Pläne, weil die MVG offenbar noch nicht alle Fragen beantwortet hat. Offen ist auch, ob es eine Tram durch den Englischen Garten geben wird. Die soll vom Elisabethplatz bis zur Tivolistraße führen. Bei den U-Bahnen ist weiter vorgesehen, die U5 nicht nur bis Pasing, sondern irgendwann auch mal nach Freiham zu verlängern. Warten müssen die Münchner auch auf die neue Innenstadt-Linie, die U9. Die soll vor allem U3 und U6 entlasten. Unklar ist, wie es mit der 2. Stammstrecke weitergeht. Eine Entscheidung soll Ende des Jahres fallen.

Ramona Weise

Ramona Weise

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Sascha Karowski

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