Wie die Häftlinge Geld verdienen

Mythos Stadelheim: Arbeit hinter hohen Mauern

Stadelheim
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­Arbeiten in Stadelheim: Das heißt vor allem Handwerk – zum Beispiel mit ­Metall.

München - Die Häftlinge in der JVA Stadelheim versuchen, sich schon auf die Zeit nach der Haft vorzubereiten. Dazu gehört vor allem das Thema Arbeit. Der letzte Teil unserer großen tz-Serie:

In der Schlosserei steht Daniel Feuerer (28) an der Esse, neben ihm lodern die Flammen. Er schlägt auf ein Eisen, bis die Funken sprühen. Drei Häftlinge schauen genau zu, wie der Justizvollzugsbeamte arbeitet. Denn von ihm, dem Gesellen, wollen sie lernen. Die Schlosserei ist einer von vielen Betrieben in Stadelheim – fast alle sind in den anstaltseigenen Werkhallen angesiedelt. Hier werkeln die Knackis tagsüber, bevor sie abends wieder in die Zellen müssen.

Im bayerischen Justizvollzug sind Häftlinge zur Arbeit verpflichtet und verdienen auch Geld. „Die Arbeit motiviert die Gefangenen und erhöht ihr Selbstwertgefühl“, sagt Maria Asam-Wacht (55), Leiterin der Arbeitsverwaltung in Stadelheim. Und ihre Arbeit hat auch Sinn: In der Schlosserei zum Beispiel stellen die Häftlinge Gitter, Tore und Gartenzäune her. So wie Manuel (22), der an der Fräse steht. „Ich bearbeite die Halterung von Vorhangstangen“, sagt er. Pro Stunde verdient er 1,76 Euro. Das entspricht Lohnstufe vier von fünf, denn Manuel ist ausgebildeter Metallbauer. Also ähnlich berufserfahren wie Daniel Feuerer, der ihn bewacht.

Viele Häftlinge sind Profis in ihrem Beruf

„Ich habe einen Einbruchsdiebstahl begangen“, sagt Manuel. In Stadelheim wartet er auf seine Berufungsverhandlung. Bis dahin arbeitet er von sieben Uhr morgens bis 15 Uhr am Nachmittag in der Schlosserei – 34,5 Stunden pro Woche.

Der Justizvollzugsbeamte Daniel Feuerer zeigt Häftlingen Schmiedetechniken.

„Viele Häftlinge sind richtige Profis in ihrem Beruf“, sagt Asam-Wacht. „Sie wollen hier ihre Chance nutzen und erhalten auch ein Zeugnis von uns.“ Die Handwerksbetriebe in Stadelheim werden zum Beispiel von Handwerksmeistern geführt, nur sitzen die hier hinter Gittern. „Das Niveau ist hoch“, sagt Andreas Messner (38), Chef in der Schlosserei. „Wir nehmen auch Aufträge von außen an, zum Beispiel für den Bau von kompletten Treppengeländern.“
Sechs bis acht Schlosser und Spengler arbeiten bei ihm. „Jeder hat seinen eigenen Arbeitsplatz“, sagt Messner. Am Tagesende muss er seine Knackis kontrollieren: auf Vollständigkeit und dass sie keine Werkzeuge eingesteckt haben, wenn es auf die Zellen geht. „Ausbruchsgefährliche Werkzeuge müssen hier bleiben – zum Beispiel Handsägen oder Teppichmesser.“

Arbeit gibt Struktur und Ziele

Andere Häftlinge müssen das Arbeiten an sich erst lernen, zum Beispiel in der Arbeitstherapie – wie Mark (19). Hier geht es um einen geregelten Arbeitsablauf. „Sie sollen lernen, sich an Strukturen und Ziele zu gewöhnen“, sagt Asam-Wacht. Bis zu elf Häftlinge, viele davon Jugendliche, stellen zum Beispiel Schlüsselbretter her. „Mir gefällt es, die Zusammenarbeit ist gut“, sagt Mark. Er sitzt wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung und sagt: „Ich möchte nicht nur rumsitzen im Gefängnis.“

Bis zu 70 Prozent der Häftlinge in Stadelheim sitzen in U-Haft – eine dauerhafte Arbeit üben also die wenigsten aus. „Die meisten freuen sich aber, wenn sie etwas tun dürfen“, sagt auch Asam-Wacht. „Für uns ist auch wichtig, dass die Häftlinge ausgelastet sind.“ Auch wer keine beruflichen Qualifikationen hat, muss arbeiten – etwa Tüten kleben oder Kartons falten.

Am Ende des Monats bekommen die Häftlinge ihr Gehalt – rund 300 Euro sind möglich (siehe unten). Davon können sie einen Teil ausgeben, etwa für Einkäufe aus dem knasteigenen Bestellkatalog (zum Beipiel Tabak, Kaffee, Zeitschriften).

Beruf und Ausbildung – die Fakten:

  • In welchen Branchen können Häftlinge arbeiten? In der Bäckerei, Druckerei, Buchbinderei, Elektrobetrieb, Gärtnerei, Kfz-Betrieb, Baubetrieb, Malerei, Schlosserei, Schreinerei, Schuhmacherei, Polsterei, Wäscherei, Küche, Instandhaltung, diverse Lohnarbeiten in den Unternehmerbetrieben, therapeutische Beschäftigung, Schneiderei und Näherei (weibliche Gefangene).
  • In welchen Berufen können sie sich ausbilden lassen? Schreiner, Maler, Schlosser, Maurer, Elektriker, Kfz-Mechaniker, daneben gibt es so genannte Schnupperwochen in den Handwerksbetrieben, einen Gastronomie-Kurs und weitere berufsqualifizierende Angebote
  • Welche Lohnstufen gibt es? Je nach Anforderung der Tätigkeit und Qualifikation des Inhaftierten wird der Grundlohn nach fünf Vergütungsstufen festgesetzt. Nimmt man als Beispiel die mittlere Vergütungsstufe III, so kann man von einem Tagessatz von 12,25 € und einem Stundensatz von 1,53 € ausgehen. Zusätzlich zum Grundlohn können Leistungszulagen sowie Zulagen für Arbeiten zu ungünstigen Zeiten, für Arbeiten unter arbeitserschwerenden Umgebungseinflüssen und für Arbeiten über die festgesetzte Zeit hinaus gewährt werden.
  • Wie viel kann ein Häftling maximal pro Monat verdienen? Legt man eine regelmäßige wöchentliche Soll-Arbeitszeit von 40 Stunden und Vergütungsstufe V zugrunde, so können arbeitende Gefangene in etwa 300 € pro Monat verdienen. Mögliche Zulagen (z.B. bis zu 30 % Leistungsprämie) nicht berücksichtigt.
  • Und wie viel darf er dann von dem Geld ausgeben? Gefangene dürfen von ihren geregelten Bezügen drei Siebtel monatlich als so genanntes Hausgeld etwa für den Einkauf verwenden.
  • Wie viel wird einbehalten für das Übergangskonto? Vier Siebtel werden durch zwangsweises Ansparen dem Überbrückungsgeldkonto zugeführt, um für die schwierige Zeit direkt nach Entlassung finanzielle Vorsorge für den Lebensunterhalt zu bilden.
  • Wie viele Häftlinge haben 2015 Lehrlingsprüfungen bestanden? Zwei Schlosser und zwei Maurer.
  • Und wie viele haben ihren Schulabschluss nachgeholt? 17 in zwei Kursen, daneben betreut die „Schule“ auch Lehrlinge, Fernstudenten und immer wieder Schüler im Zusammenhang mit dem mittleren Schulabschluss oder dem Abitur.
Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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