Justizvollzugsanstalt in Giesing

Mythos Stadelheim: Blick hinter die Gefängnismauern

München - Die JVA Stadelheim umgibt ein großer Mythos. In einer neuen, mehrteiligen Serie schaut die tz hinter die Gefängnismauern und öffnet die Tore der Justizvollzugsanstalt.

Mitten in München liegt – hinter sechs Meter hohen Mauern – eine andere Welt: die der Mörder, Vergewaltiger, Räuber und Sexualstraftäter. Sie alle sitzen in der JVA Stadelheim ein – Bayerns größtem Gefängnis. Bereits 1894 erbaut, umgibt den Knast bis heute ein großer Mythos. Denn hinter Gittern saßen in Stadelheim schon etliche Prominente, aber auch Schwerkriminelle und brave Bürger, die vom rechten Weg abgekommen sind. In der Haft sind sie alle gleich: eine Nummer unter vielen, mit einem Leben auf acht Quadratmetern. Kein Schritt bleibt unbewacht, während sie hinter Gittern eingesperrt sind – mit Bayerns bösen Buben.

In einer neuen, mehrteiligen Serie schaut die tz hinter die Gefängnismauern und öffnet die Tore der Justizvollzugsanstalt. Dahinter leben nicht nur 1350 Häftlinge, sondern arbeiten auch 642 Angestellte. Ihre Geschichten, Persönlichkeiten und Erlebnisse bilden den Mythos, der von der JVA Stadelheim ausgeht.

In der ersten Folge erklären der Anstalts-Leiter, ein erfahrener Justizbeamter und der Gefängnis-Pfarrer ihre Arbeit sowie Häftlinge ihr Leben und ihren Alltag im Knast – es sind kurze Portraits, von denen im Laufe der Serie ausführliche folgen werden. Dazu gibt es die spannendsten Fakten aus dem Münchner Knast!

Mythos Stadelheim: Wagen Sie einen Blick in die geheimnisvolle Welt jenseits des bürgerlichen Lebens. Andreas Thieme

Die Häftlinge

14 Monate lang saß Uwe Woitzig 1986 wegen Betrugs in Stadelheim ein. „Heute kann ich über die Zeit lächeln“, sagt der 63-Jährige. „Damals war es die Hölle für mich. Ein kompletter Absturz nach zehn Jahren im Jetset-Leben und als Top-Manager.“ 30 Jahre später ist die Situation für viele Häftlinge nicht weniger bitter. Paul (27, Foto rechts) sitzt seit Januar 2015 wegen gefährlicher Körperverletzung. „Meine Tat ist sechs Jahre her, aber ich denke täglich daran.“ Zu Hause wartet eine Tochter auf ihn, noch zwei Jahre und acht Monate muss er aber im Knast absitzen. Und macht eine Therapie für Gewalttäter – so wie Murat (24, alle Namen geändert). „Ich sitze seit drei Jahren, weil ich einen Raub begangen habe.“ Gesamtstrafe: sechseinhalb Jahre! Tagsüber macht er Sport und arbeitet in der Knastküche. „Wenn ich rauskomme, will ich Fitnesstrainer werden.“

Der Chef

Seit 2009 führt er die Geschäfte in Bayerns größtem Gefängnis: Michael Stumpf (55) ist der Leiter der JVA Stadelheim und Chef von 642 Mitarbeitern. „Die Anstalt hat mir als Kind schon etwas gesagt, weil ich meine Ferien bei meiner Patin in München verbracht habe. Wenn wir Kinder nicht brav gewesen sind, hieß es: Wenn ihr so weitermacht, kommt ihr irgendwann nach Stadelheim“, sagt er. Heute sitzen Mörder, Vergewaltiger und Sexualstraftäter hier ein – die meisten in Untersuchungshaft. „Es gibt viele Generationen, die mit dieser Anstalt gelebt haben. Und viele große Namen, die eingesessen sind“, sagt Stumpf. „Ein Gefängnis ist immer auch ein Spiegel der Zeitgeschichte.“ Und mehr noch: „Es gibt ja sogar Lieder über die Anstalt, von daher ist man schon ein Stückweit eine Legende.“ In seinem Job als Gefängnisdirektor muss Stumpf sich vor allem gut organisieren. Denn er trägt die Verantwortung für eine ganze Stadt in der Stadt – und neben Hunderten Mitarbeitern auch für jährlich bis 10.000 Häftlinge. Einige lernt er bei Rundgängen oder in Gesprächen kennen, erlebt spannende Persönlichkeiten – aber auch menschliche Enttäuschungen. „Man braucht eine gewisse Frustrationstoleranz, wenn man im Gefängnis arbeitet“, sagt Stumpf. „Das Leben ist hart draußen, und es trifft oft diejenigen, die in schwierigen Verhältnissen leben.“

Zigtausende Häftlinge hat er durch seine Gefängnistore gehen sehen – hinein und hinaus. Etwas aber bleibt: „Die Freiheitsentziehung ist ein prägendes Erlebnis.“ Und die Haft „eine extreme Einschränkung“. Viele Gefangene fallen tief. Denn im Knast sind Familie, Freunde und Hobbys weit weg: hinter Gittern und Mauern. In einer anderen Welt: der Freiheit.

Die Arbeit

Hinter Gittern hört der Beruf nicht auf: In Bayern sind Häftlinge unter der Woche zur Arbeit verpflichtet. In der JVA Stadelheim werkeln sie in der Bäckerei, Druckerei, im Elektrobetrieb oder auf dem Bau. So wie Manuel (22, Foto unten), der seit sechs Monaten an der Fräse steht. „Ich bin Schlossergeselle und verdiene hier 1,76 Euro pro Stunde.“ In der Schlosserei schmiedet er Gitter und Tore, täglich von 7 bis 15 Uhr. Gefangene, die keinen Beruf erlernt haben, werden oft in der Werkhalle eingesetzt. Sie kleben Tüten oder falten Kartons, auch für Fremdfirmen. Andere Knackis müssen das Arbeiten erst lernen – wie Mark (19) aus der Arbeitstherapie. Er sitzt wegen versuchter räuberischer Erpressung – und wird in der JVA an einen geregelten Berufsalltag gewöhnt. In Berufen wie Maler oder Mechaniker bildet der Knast sogar auch aus.

Der Pfarrer

Bei ihm schütten die Gefangenen ihr Herz aus: Felix Walter ist seit neun Jahren Pfarrer in der JVA Stadelheim. „Hauptaufgabe meiner Arbeit ist die Einzelseelsorge, also Gespräche unter vier Augen“, sagt er. Jeden Tag kommt mindestens ein Gefangener zu ihm – teilweise auch bis zu vier. Über Stunden hört sich Walter an, was die Häftlinge über ihr Leben erzählen – und die Taten, die sie begangen haben. „Manchmal bricht die ganze Reue bei ihnen heraus“, sagt Walter. „Die Inhalte sind teils schwer zu ertragen, besonders wenn es um Kriminalität gegen Kinder geht.“ Aber Walter hört geduldig zu, versucht zu verstehen und hilft zu vergeben. Auch in der Beichte, die er den Häftlingen immer wieder abnimmt. In der Knast-Kirche halten Walter und seine Kollegen auch Gottesdienste ab – an Sonn- und Feiertagen. „In der Haft entdecken viele den Glauben als Kraftquelle“, sagt er.

Der Vollzugschef

Zehn Schlüssel hängen an seinem Bund, 250 Gefangene unterstehen seinem Kommando: Seit fast 30 Jahren ist Wolfgang Strobl (55) Justizvollzugsbeamter und hat schon alles erlebt: Rockerbosse, die zu zahmen Lämmern wurden. Mörder, die ihm Briefe schrieben. Fluchtversuche und Selbstmorde. Aber auch Kriminelle, die sich zum Guten gewandelt haben. Oder doch wieder eingerückt sind. Lange Jahre war Strobl täglich mit Häftlingen in Kontakt. Er führte sie durch den Tagesablauf im Knast, sprach mit ihnen, hörte zu – sperrte sie abends ein und morgens wieder auf. Mittlerweile ist Strobl Hausdienstleiter – und kann sich auf seine Menschenkenntnis verlassen: „Ich habe hier gelernt, Personen zu taxieren. Zu 90 Prozent liege ich richtig. Der erste Blick sagt viel aus.“ Sein Job? Vielseitig. Anstrengend. Spannend. Und voller Erfahrungen, die er nie mehr vergisst.

Der Alltag in Stadelheim

Kein Wecker, keine Klingel, sondern die Stationsbeamten persönlich wecken die Häftlinge zwischen 6.30 und 7 Uhr morgens in der JVA Stadelheim. Nur die Gefangenen, die in der Küche, der Bäckerei und im Heizwerk arbeiten, müssen früher aufstehen, um den Knast zu bewirtschaften.

Bis die meisten Häftlinge um 7.15 Uhr zur Arbeit ausrücken, können sie in der Zelle frühstücken. Meist gibt es ein Heißgetränk und Brot. Danach geht’s zur Arbeit in den Betrieben oder Werkshallen auf dem JVA-Gelände. Bis 11.30 Uhr, danach gibt’s Mittagessen und eine halbe Stunde Pause. Von zwölf bis 15 Uhr wird wieder gearbeitet, danach müssen die Gefangenen zurück in die Unterkunftsgebäude.

Am Nachmittag findet dann für die einzelnen Stationen der Hofgang statt, bei dem auch Sport möglich ist. Zwischen 16 und 17 Uhr folgt die Essensausgabe, ihr Abendbrot nehmen die Häftlinge dann auf der Zelle ein, wo sie gegen 17 Uhr wieder eingeschlossen und durchgezählt werden. „Für ein Freizeitangebot am Abend fehlt mir leider das Personal“, sagt JVA-Chef Michael Stumpf. Nur einzelnen Gefangenen ist das möglich, andere nutzen Therapieangebote.

Um 19.30 Uhr ist der endgültige Einschluss. Einen Zapfenstreich gibt es nicht: Gefangene können bis nachts fernsehen, solange sie Zimmerlautstärke einhalten. Das Licht können sie selbst ausmachen, der Strom wird nicht von Beamten abgeschaltet.

Die meisten Häftlinge haben eine Einzelzelle – zirka acht Quadratmeter groß. Mit Bett, Schrank, Tisch, Regal, Waschbecken und Toilette. Erlaubt sind Fernseher und Radio, Briefe, Bilder und Lebensmittel. Handys sind verboten. Am Wochenende dürfen Häftlinge ausschlafen. An Weihnachten stehen Christbäume auf jeder Station.

Die spannendsten Fakten aus der Knast-Welt:

Wie viele Häftlinge gibt es? 

Derzeit etwa 1350 (davon 134 Frauen, zehn Gefangene sind jünger als 18 Jahre). Über das Jahr gab es im Jahr 2015 insgesamt 9193 Häftlinge in Stadelheim.

Wie lange bleiben die Häftlinge im Schnitt? 

90 Tage. Wegen der U-Haft gibt es eine sehr hohe Fluktuation. Viele Gefangene verbüßen aber abweichend vom Vollstreckungsplan auch längere Strafen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Therapie, Krankenbehandlung, Besuchserleichterungen für Angehörige, Sicherheitsgründe, Gründe des Arbeitseinsatzes, der Berufsausbildung usw. Derzeit gibt es auch mehrere Gefangene, die eine lebenslange Freiheitsstrafe absitzen.

Wer sitzt am längsten ein? 

Ein Mörder verbüßt seit 2001 seine Strafhaft in Stadelheim.

Aus wie vielen verschiedenen Nationen kommen die Häftlinge?

Derzeit 71, im Laufe eines Jahres etwa 100 (Ausländeranteil liegt bei 65 Prozent und ist 2015 um zehn Prozent gestiegen).

Wie viele Zellen gibt es in der JVA? 

1263 in der gesamten Anstalt.

Wie groß ist das Gelände? 

16 Hektar. Die separate Frauenabteilung umfasst 9000 Quadratmeter.

Wie viele Besucher kamen 2015 in die JVA? 

26.415 Angehörige von Gefangenen. Und etwa 13 000 Besuche durch Rechtsanwälte und Amtspersonen, die meist mehrere Gefangene besuchen.

Wie viele Mitarbeiter hat die JVA Stadelheim? 

642, inklusive Azubis. 48 sind Fachdienste und arbeiten als Seelsorger, Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen oder Lehrer. Daneben gibt es Krankenpfleger, Handwerksmeister, Verwaltungsmitarbeiter und Vollzugsbeamte.

Wie lange ist der erfahrenste von ihnen schon im Dienst?

Seit 40 Jahren, es ist der stellvertretende Leiter des Allgemeinen Vollzugsdiensts (siehe Text links unten). Das Einstiegsgehalt für einen Obersekretär liegt heute bei rund 2400 Euro brutto.

Wie viele Lkw fahren zwecks Versorgung täglich in die JVA?

Etwa 40 mit Waren zur Versorgung der Anstalt und Arbeitsmaterial für die Betriebe. Weitere Laster versorgen die Baustellen auf dem JVA-Gelände.

Wie viel Strom, Wasser und Heizöl wird über das Jahr verbraucht? 

Mehr als drei Millionen Kilowattstunden Strom (Kosten: 566.000 Euro), 90.000 Liter Wasser (145.000 Euro) und knapp 600.000 Liter Heizöl (310.000 Euro).

Wie viele Brote werden in der Bäckerei gebacken? 

1200 Stück à 400 Gramm täglich.

Wie viele Briefe kamen 2015 in der JVA an?

Täglich einige Hundert. Gemäß den gesetzlichen Vorschriften sind keine Lebensmittelpakete erlaubt.

Wie viele Gegenstände wurden sichergestellt? 

Etwa 25 Mobiltelefone pro Jahr, USB-Sticks, Drogen in geringem Umfang, etwa 100 Psychopharmaka-Tabletten pro Jahr. Sehr selten werden auch Waffen (zum Beispiel Schlag- oder Stichwerkzeuge) sichergestellt.

Andreas Thieme

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