Drei Häftlinge über ihre Zeit im Gefängnis

Mythos Stadelheim: So hart ist das Leben im Knast

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Häftling Paul (27) auf dem Bett seiner Zelle in Stadelheim. Hier sitzt er seit Januar 2015 ein.

München - In einer mehrteiligen Serie schaut die tz hinter die Gefängnismauern der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Heute geht’s direkt in die Zellen: Aktuelle und ehemalige Häftlinge erzählen über ihr Leben und die Haft.

Mitten in München liegt – hinter sechs Meter hohen Mauern – eine andere Welt: die der Mörder, Vergewaltiger, Räuber und Sexualstraftäter. Sie alle sitzen in der JVA Stadelheim ein – Bayerns größtem Gefängnis. Bereits 1894 erbaut, umgibt den Knast bis heute ein großer Mythos. Denn hinter Gittern saßen hier schon etliche Prominente, Schwerkriminelle und brave Bürger, die vom rechten Weg abgekommen sind. In der Haft sind sie alle gleich: eine Nummer unter vielen, mit einem Leben auf acht Quadratmetern. Kein Schritt bleibt unbewacht, während sie hinter Gittern eingesperrt sind – mit Bayerns bösen Buben.

„Für mich war es wie sterben“

Ex-Häftling Uwe Woitzig (64) bei einer Lesung. Er saß insgesamt 14 Monate in Stadelheim ein.

Als Manager reiste er um die ganze Welt, führte ein Leben im Luxus und Erfolg. Doch mit seiner Firma hatte sich Uwe Woitzig verspekuliert – wegen Millionenbetrugs wurde er verhaftet und kam 1986 nach Stadelheim. „Die erste Zeit war grauenhaft“, sagt er. „Man wird völlig aus dem Leben gerissen und verliert erstmal jeden Kontakt zur Außenwelt. Für mich war das wie Sterben.“ Inhaftiert wurde er im Herbst. „Durch die Gitterstäbe blickte ich in den Gefängnishof: Alles war grau, draußen schlurften traurige Menschen zur Arbeit. In Stadelheim lernte ich die nackte Realität des Lebens kennen. Es herrschte Not und Verzweifelung“

Gewöhnt war Woitzig an Sterne-Hotels und Privatjets. „Meine Zelle aber war dreckig und steril. Es gab kein fließendes, warmes Wasser. Zum Frühstück gab es drei Scheiben trockenes Brot.“ Beim Hofgang der nächste Schock. „Es war eine Ansammlung von Figuren wie aus einem schlechten Film. Sie johlten in allen Sprachen. Ich hatte Angst. Denn auf mich wirkten sie gefährlich“, sagt Woitzig. „Aus dem Fenster schrie plötzlich jemand: ‚Woitzig, du Schwein.‘ Es war ein ehemaliger Kunde, den ich betrogen hatte. Später wurden wir beste Freunde. Der Knast verbindet.“

Über seine Zeit in Stadelheim hat Uwe Woitzig das Buch „Hofgang im Handstand“ (Integral Verlag) geschrieben. Darin berichtet er auch von unfassbaren Ereignissen. „Einmal habe ich einen Fluchtversuch mitbekommen. Ein Häftlinge hatte über Wochen mit seiner Nagelfeile das Gitter-Fenster aufgesägt. Über einen Flachbau rannte er zur Außenmauer und kletterte drüber.“ Beim Sprung verletzte sich der Häftling aber den Fuß, die Beamten schnappten ihn.

Die Zellen sind acht Quadratmeter groß.

Auch einen Selbstmordversuch hat Woitzig erlebt. „Ein Journalist fand morgens seinen Zellengenossen am Gitterfenster hängen. Er lud ihn gleich auf seine Schultern und drückte den Notrufknopf – die Rettung! Die Beamten schnitten die Schlinge um seinen Hals dann los und konnten ihn wiederbeleben.“
Weihnachten hörte Woitzig die Regensburger Domspatzen in der Anstaltskirche singen. „Bei Stille Nacht, Heilige Nacht haben wir alle geheult, selbst die härtesten Typen. Die Stimmung war tief traurig und verzweifelt.“ An Silvester dagegen hätten es die Häftlinge krachen lassen. „Ein Beamter brachte mir Champagner, ich hatte ihn dafür bezahlt“, erzählt Woitzig. „Mitternacht machte jeder sein Fenster auf und johlte. Dann wurden die Bettlaken angezündet und rausgeschmissen. Es war ein kollektiver Rausch. Tags drauf sah der Hof aus wie eine Müllhalde.“

Er selbst habe die Haft wie den Aufenthalt im Kloster genutzt – zur Erholung und Selbstfindung. „Ich traf auf spannende Menschen. Keiner trug mehr eine Maske. Jeder hatte Zeit. Es war eine harte, aber auch eine sehr ehrliche Zeit. Der Knast hat mich gereinigt.“

„Tat hat mich geprägt“

Eine Zimmerpflanze hat er sich in die Zelle gestellt. Eine kleine Lampe erhellt den schmalen Raum. Bilder von seiner Tochter schmücken die sonst kargen Wände. So lebt Paul (27, Name geändert, siehe Bild oben) seit Januar 2015 in der JVA Stadelheim.

Durch diese Tür (o.) werden die Häftlinge angeliefert.

„Ich sitze wegen gefährlicher Körperverletzung ein“, sagt er und blickt zu Boden. „Eine blöde Geschichte.“ Paul war in einen Streit geraten – und wurde verurteilt. Mehr als sechs Jahre ist das nun her. „Aber ich denke noch täglich daran. Die Tat hat mein Leben geprägt.“ Damals habe er noch anders getickt. Aggressiver, will er sagen. Denn in Stadelheim ist Paul auf einer Station für Gewalttäter untergebracht. „Im Gefängnis habe ich gelernt, mit meinen Aggressionen anders umzugehen. Psychologen haben mir dabei geholfen.“ Wie 15 andere Häftlinge macht Paul eine Therapie – 24 Plätze gibt es zudem für Sexualstraftäter.

Sein Alltag gleicht dennoch dem der meisten Häftlinge: Morgens um 6:30 Uhr steht er auf und geht später in die Malerei. „Ich bin froh, dass ich arbeiten kann, denn dann vergeht die Zeit schneller“, sagt er. „Von dem Geld kaufe ich mir Tabak, Kaffee oder Zeitschriften.“ Gegen 15 Uhr legt er den Pinsel weg – und tauscht ihn später gegen Stifte. „In meiner Zelle schreibe ich meistens Briefe oder zeichne Portraits von meiner Tochter, die ich hier sehr vermisse.“

Zeitung lesen und Nachrichten schauen: Auch das gehört für Paul zum Knast-Alltag. „Für mich ist es wichtig zu verfolgen, was in München und der Welt passiert. So fühle ich mich der Welt außerhalb des Gefängnisses näher.“ Zwei Jahre und acht Monate muss er noch auf seine Entlassung warten. Und dann? „Wenn ich rauskomme, möchte ich vor allem straffrei leben, eine Arbeit finden und für mein Kind da sein.“

„In meinem Leben ist etwas schiefgelaufen“

Murat hat einen Fernseher und ein Radio in seiner Zelle.

Murat (24, Name geändert) lächelt schüchtern, wenn er von sich erzählt. Ein freundlicher junger Mann. Durchtrainiert. Lange, schwarze Haare. Und eine dunkle Vergangenheit. „Ich sitze seit drei Jahren in Stadelheim ein, weil ich einen Raub begangen habe“, sagt er. Sechseinhalb Jahre muss Murat insgesamt im Knast absitzen – danach wird er wohl abgeschoben. Und sein Gesicht verrät: Dieses Leben ist nicht leicht. „Bei mir ist früher etwas schiefgelaufen“, sagt Murat. Deshalb wurde er kriminell. „Aber ich will die Zeit im Gefängnis jetzt nutzen und Verantwortung für mich selbst übernehmen.“

Tagsüber arbeite er in der Beamtenküche, den Nachmittag nutzt er zum Trainieren. „Ich liebe Fußball und Kraftsport“, sagt Murat. Wichtig im Gefängnis ist für ihn, dass es in der Zelle so angenehm wie möglich ist. „Deshalb putze ich oft und mache es mir mit Kissen, Decken oder Pflanzen gemütlich.“ Der Abend in Stadelheim ist oft trist, ein Freizeitprogramm gibt es – anders als in anderen bayerischen Gefängnissen – wegen Personalmangels nicht. Ex-Häftlinge berichten immer wieder von stundenlangem, lauten Weinen auf den Fluren. Murat dagegen schaltet gerne den Fernseher ein oder schreibt Briefe an seine Familie. „Sie besuchen mich so oft es geht. Das gibt mir Kraft, um die Zeit in Stadelheim zu überstehen.“

Bis zur Entlassung bleibt viel Zeit. Auch, um sich zu ändern. „In einer Therapie habe ich gelernt, wie es zu meiner Tat kommen konnte und wie ich mein Verhalten ändere“, sagt Murat. „Im Gefängnis lernt man auch, die einfachen Dinge zu schätzen: Zeit für mich, lesen, Kontakt zu Freunden und Familie.“ Das ist es, sagt er, „was im Leben zählt“.

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