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Mythos Stadelheim: Liebe hinter Gittern

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Die JVA-Beamte Ulrike V. mit ihrem Freund, Häftling Andreas B.

München - Die Liebe macht auch vor Haftanstalten nicht halt. In der tz erzählt eine langjährige Psychologin aus Stadelheim, wie sie sich in einen Häftling verliebte - und später selbst in den Knast musste. Der JVA-Chef plaudert über Sex im Gefängnis.

Mitten in München liegt – hinter sechs Meter hohen Mauern – eine andere Welt: die der Mörder, Vergewaltiger, Räuber und Sexualstraftäter. Sie alle sitzen in der JVA Stadelheim ein, Bayerns größtem Gefängnis. Bereits 1894 erbaut, umgibt den Knast bis heute ein großer Mythos. Denn hinter Gittern saßen hier schon etliche Schwerkriminelle und brave Bürger, die vom rechten Weg abgekommen sind. Dass in den harten Kerlen oftmals ein weicher Kern steckt, lesen Sie in der heutigen Folge: Denn hier wird aus dem grauen Zellentrakt der Ort für große Gefühle. Eine langjährige Psychologin () aus Stadelheim erzählt, wie sie sich in einen Häftling verliebte – und jetzt selbst ins Gefängnis muss. Kein Einzelfall in der JVA, wie das Schicksal einer anderen Justizbeamtin zeigt. Und schließlich klärt JVA-Chef Michael Stumpf noch über das Thema „Sex im Gefängnis“ auf.

Psychologin mit Häftling liiert - Liebe hinter Gittern

Jahrelang hat sie im Knast gearbeitet und Gewaltstraftäter therapiert. Doch plötzlich verliebte sich Psychologin Maren N. (52)* – ausgerechnet in einen Häftling. Mit ihm war sie sieben Jahre lang glücklich. Aber erlebte auch den Albtraum ihres Lebens: Festnahme im Büro, Untersuchungshaft, Verurteilung vor Gericht. „Aber ich bereue es nicht. Ich habe Serdar* geliebt“, sagt Maren N. In der tz erzählt sie ihre bewegende Geschichte.

Am 1. Juni 2005 fängt sie als Diplom-Psychologin in Stadelheim an – mehr als acht Jahre lang wird sie bleiben, die meiste Zeit im allgemeinen Vollzug. Aber ihre Abteilung ist dünn besetzt. „Eigentlich sollte ich nur die Krisenintervention leiten. Offiziell war ich aber für 900 Gefangene zuständig.“

Die Häftlinge, die zu Maren N. kommen, schildern oft großes Leid und weinen. Vielen geht es psychisch schlecht. Aber: „Viele Männer haben mich auch angeflirtet oder mir einen Heiratsantrag gemacht“, sagt die Psychologin. „Ich sah das als Kompliment und hatte mich nie bedrängt gefühlt.“

Auch bei Serdar P. fließen Tränen, als er am 6. März 2006 zum ersten Mal das Dienstzimmer von Maren N. betritt. „Er war schwer traumatisiert durch seine Lebensgeschichte, die Haft hatte ihm arg zugesetzt.“ Alle zwei Wochen trifft sie den verurteilten Drogenhändler zu Gesprächen – und begleitet ihn über seine Gerichtsverhandlung hinweg.

„Ich hatte überhaupt keine Ahnung, dass er etwas von mir wollte“, sagt die Psychologin. „Es ging zunächst nur um sein Leid, er war eher zurückhaltend. Nach einem halben Jahr hatte ich das Gefühl, seine Krise ist jetzt beendet.“ Doch Serdar P. (41) will bleiben – und schreibt Briefe für die Therapie. Einer ist für Maren N. „‚Als ich Sie heute Morgen gesehen habe, hing der ganze Himmel voller Geigen‘, las Serdar mir vor. Als ich das hörte, war ich sehr berührt. Er aber wurde verlegen. Es traf mich wie ein Blitz.“ Denn solche starken Gefühle hat selbst die erfahrene Therapeutin nicht erwartet! „Als wir zur Tür hinausgingen, strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht“, sagt sie. „Die Szene ging mir nach. In mir hatte sich etwas verändert.“ Sie beginnt, sich in den Häftling zu verlieben! Aber es ist eine Liebe mit vielen Risiken.

„Ein halbes Jahr danach haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Das war im März 2007, ein Jahr nach unserer ersten Sitzung“, sagt Maren N. „Angst um meinen Job hatte ich nie, denn für mich war klar, dass ich mich für die Liebe entschieden hatte.“ Ihren Job in der JVA will sie für die Beziehung sogar an den Nagel hängen. „Mir war klar, beides geht nicht zusammen. Ich wollte zu meinem Gefühl stehen.“

Aber die Situation wird schwierig. Am 29. Juni 2009 wird Serdar vom Verwaltungsgericht abgeschoben – als Kurde in die Türkei. Dort droht ihm der Einsatz beim Militär. „Davor hatte er wahnsinnige Angst, die später in Aggressivität umschlug“, sagt Maren N. „Ich wollte ihn beschützen.“ 32 500 Euro zahlt sie ihrem Geliebten unter anderem für einen neuen Anwalt. Vergebens: Am 25. Februar 2011 muss Serdar München verlassen. „Plötzlich hat er nur noch trainiert. Unsere Liebe geriet ins Wanken.“ Im März 2011 besucht sie ihn noch in der Türkei, in Izmir machen beide Urlaub. Aber die Gefühle schwinden. Das Paar sieht sich immer weniger.

Am 27. August 2013 dann der Schock: Maren N. wird in ihrem Büro in Stadelheim verhaftet. Handys und Drogen soll sie in die JVA geschmuggelt und Schlüssel für Häftlinge nachgemacht haben. Die Staatsanwaltschaft klagt sie wegen schwerer Korruption an. Außerdem soll sie Sex mit Häftlingen gehabt haben – in ihrem Dienstzimmer. „Das stimmte nicht. Ich war geschockt.“ Fünf Monate U-Haft folgen. Im Januar 2014 verurteilt das Amtsgericht sie zu zwei Jahren und neun Monaten Haft. Die Vorwürfe bestreitet Maren N. bis zuletzt. Im Juli 2015 korrigiert das Landgericht das Urteil: nur noch anderthalb Jahre Knast. Und verurteilt nur drei von ursprünglich 30 angeklagten Missbrauchsfällen – jedoch keinen der übrigen Vorwürfe. „Liebe ist nicht strafbar“, sagt die Psychologin. „In diesem Punkt bin ich freigesprochen worden.“ Ihre Beziehung zu Serdar P. war also nicht gegen das Gesetz.

Mit einer Beschwerde scheitert sie nun am Bundesverfassungsgericht: vier Monate Haft muss Maren N. nach der Halbstrafenregelung noch antreten. „Ich akzeptiere diese Strafe nicht und möchte, dass meine Schuld aufgehoben wird.“ Der psychische Stress hat sie selbst krank gemacht. „Ich hätte Schutz gebraucht, aber die Anstalt hat mich fallen lassen. Mein Vertrauen ist zerstört“, sagt Maren N. Zu Serdar P. hat sie heute keinen Kontakt mehr. Ihr bleiben nur 1200 Seiten Liebesbriefe. Und Erinnerungen an eine große Liebe.

Anwalt: Strafe zu hoch

Jan Oelbermann.

„Die Verurteilung ist aus mehreren Gründen zu kritisieren“, sagt Verteidiger Jan Oelbermann aus Berlin. „Zum einem erfolgte sie nur aufgrund der Aussage einer Freundin, die sich erinnern wollte, dass die Angeklagte ihr gegenüber die Beziehung zu dem Gefangenen eingeräumt habe – was die Mandantin immer bestritten hat.“ Und: „Die Höhe der Strafe ist ebenfalls unverhältnismäßig, wenn man bedenkt, was meine Mandantin durch das Verfahren alles verloren hat.“ Außerdem sei es nicht nachzuvollziehen, warum die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt wurde – zumal nicht zu erwarten sei, dass Maren N. wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Beamte auf Abwegen

Maren N. ist kein Einzelfall: Auch einige Ex-Kollegen aus Stadelheim mussten bereits hinter Gitter. Im Juli 2012 stand Thomas L. vor Gericht. Der Justizbeamte gestand, einem Häftling Handys, USB-Sticks und Drogen geliefert zu haben, damit dieser vom Knast aus seine Geschäfte führen konnte. Nur durch Zufall flog L. per Telefonüberwachung auf. Urteil: drei Jahre, neun Monate!
Die Justizvollzugsbeamte Ulrike V. wurde angeklagt, weil sie für Häftling Andreas B. Drogen und Handys geschmuggelt haben soll. Ihn lernte sie als Häftling hinter Gittern kennen. „Was ich getan habe, war für meinen Beruf falsch. Aber ich tat es aus Liebe“, sagte sie. Im März 2013 verurteilte das Amtsgericht Ulrike V. zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Gemeinsam mit Andreas B. verließ sie den Gerichtssaal. Das Paar verlobte sich später.

Beamte auf Abwegen! „Das kommt leider vor, aber zum Glück selten“, sagt Knast-Chef Michael Stumpf. „Was mich sehr betroffen macht, ist, wenn gegenüber Gefangenen Grenzen überschritten werden.“ Dass Mitarbeiter sogar ein Verhältnis mit ihnen eingehen, erschüttere die komplette Belegschaft. „Ich erwarte von den Mitarbeitern ein gewisses Maß an professioneller Distanz, dafür bekommen sie auch Schulungen“, sagt Stumpf. „Wir haben einen Fürsorge- und Schutzauftrag.“

Sex im Gefängnis

„Sex ist nicht verboten“, sagt JVA-Chef Michael Stumpf. Da die Aufenthaltszeit in Stadelheim aber relativ kurz ist, sei das eher selten. Trotzdem komme es vor, dass Gefangene „untereinander etwas anfangen“, sagt Stumpf. Zu vielen Zeiten stehen die Hafträume offen, dann können Gefangene sich im Zuge des Umschlusses gegenseitig besuchen.

Schwieriger wird es, wenn Knackis feste Partnerschaften außerhalb der JVA haben – denn im Besuchsbereich gibt es keine Möglichkeit, Intimität auszuleben. „In anderen Anstalten gibt es manchmal Räume für Langzeitbesuche, im bayerischen Justizvollzug ist das aber nicht der Fall“, sagt Stumpf. Es ist also auch nicht möglich, dass ein Gefangener Prostituierte empfängt. „Von manchen wird das kritisiert. In der Praxis ist es aber einfach schwierig.“ Denn die Häftlinge beim käuflichen Sex zu überwachen, ginge gegen ihre Privatsphäre – und sie nicht zu überwachen, wäre ein Sicherheitsrisiko. Die JVA versucht deshalb bei geeigneten Strafhäftlingen durch Lockerungen wie Ausgang und Urlaub „ein Mindestmaß an Kontaktmöglichkeiten zu Angehörigen zu gewähren, die über den Besuch unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hinaus gehen“, sagt Stumpf. Paarbeziehungen kann man also – wenn auch mit großen Einschränkungen – trotz Knast aufrecht erhalten.

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*alle Namen geändert

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