tz-Serie zur JVA: Große Namen, kleine Zellen

Mythos Stadelheim: Wie sich prominente Häftlinge benahmen

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Egal, ob prominent oder nicht - in der Gefängniszelle sind alle Insassen nur eine Nummer unter vielen.

München - In der tz-Gefängnis-Serie schaut die tz hinter die Gefängnismauern und öffnet die Tore der JVA. Gefängnisdirektor Michael Stumpf erinnert sich an besonders prominente Insassen von Stadelheim.

Mitten in München liegt – hinter sechs Meter hohen Mauern – eine andere Welt: die der Mörder, Vergewaltiger, Räuber und Sexualstraftäter. Sie alle sitzen in der JVA Stadelheim ein, Bayerns größtem Gefängnis. Bereits 1894 erbaut, umgibt den Knast bis heute ein großer Mythos. Denn hinter Gittern saßen hier schon etliche Schwerkriminelle und brave Bürger, die vom rechten Weg abgekommen sind. Den Mythos verdankt Stadelheim aber auch seinen prominenten Insassen, um die es in der heutigen Folge der Serie geht – von Adolf Hitler über Breno und Kim Dotcom bis zu Beate Zschäpe. In der Haft sind sie alle gleich: eine Nummer unter vielen mit einem Leben auf acht Quadratmetern. Kein Schritt bleibt unbewacht, während sie hinter Gittern eingesperrt sind – mit Bayerns bösen Buben. Für die tz erinnert sich Gefängnisdirektor Michael Stumpf (55) an spektakuläre Begegnungen und schildert exklusive Eindrücke.

Hinter Gittern in Stadelheim: Für viele Insassen ist das der dunkelste Abschnitt ihres Lebens. Erst recht, wenn sie prominent sind – oder es durch Verbrechen wurden. Vor der Bekanntheit macht das Gesetz keinen Halt: Auch große Namen müssen in die kleinen Zellen. Selbst Jahre danach sprechen Häftlinge noch über ihre Zeit in Stadelheim, was sie erleben und erleiden mussten.

Seit 2009 führt Michael Stumpf (55) dort die Geschäfte. „Ich versuche, die Gefangenen aus spektakulären Fällen kennenzulernen“, sagt der Knast-Chef. „Wenn sie länger da sind, führe ich manchmal kurze Gespräche und stelle mich persönlich vor.“ Mit seinem Dienstleiter geht er dann durch die JVA, um die Insassen im Haftraum oder am Arbeitsplatz zu treffen. „Auch, um mir einen Eindruck darüber zu verschaffen, wie sie ihr Leben verbringen.“ Noch Jahre später melden sich einige Ex-Häftlinge bei ihm. „Wir hatten mal einen Gefangenen, der aus dem Nürnberger Rotlicht-Milieu stammte und einen Mord in Fürth begangen hatte“, sagt Stumpf. Bis heute erhält er von ihm zu Weihnachten Post. Ein ehemaliger Gewalttäter ist heute Autor von Fachzeitschriften. „Er schickt mir jedes Jahr seine Exemplare. Das freut mich, weil wir von den meisten nichts mehr hören.“ Es sei denn, sie kommen wieder – weil sie erneut straffällig wurden.

Ex-Bayern-Profi Breno

Der Ex-Profi des FC Bayern hatte im September 2011 seine Villa in Grünwald angezündet und musste für drei Jahre und neun Monate in Haft. Seine Tat? „War natürlich nicht entschuldbar“, sagt Knast-Chef Michael Stumpf. „Nebenan ist ja der Perlacher Forst. Das hätte fatale Folgen mit einem Waldbrand haben können.“ Aber: „Zu ihm hatte ich einen ganz guten Draht.“ In der Haft hatte Breno auch gesundheitliche Probleme. „Seine Lebensgeschichte hatte Züge einer modernen Tragödie.“ In Absprache mit den Behörden durfte er seine Haft in München verbringen. Danach wurde er abgeschoben und kickt heute in Brasilien. Ein JVA-Mitarbeiter habe bis heute Kontakt zu Breno.

Nazi-Scherge John Demjanjuk

Der Nazi († 91) wurde wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt. Er hat es aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustandes durchgesetzt, dass im Bett liegend gegen ihn verhandelt wurde. Stumpf: „Bei uns war er in der Krankenabteilung, ich hatte mehrfach persönlichen Kontakt. Ich erinnere mich ungern an die Zeit, weil es ein Riesenaufwand für alle Beteiligten war.“

Adolf Hitler

Auch Adolf Hitler saß in den 1920er-Jahren in Stadelheim ein. „Das war eine relativ kurze Geschichte“, sagt  Knast-Chef Michael Stumpf. „Er war einen Monat wegen Landfriedensbruch hier und hatte vorher mit einem Komplizen eine Versammlung im Löwenbräukeller gewaltsam gestört.“ Bei Haftantritt hatte Hitler eine Pistole und Munition dabei, die man ihm bei Entlassung wieder ausgehändigt hat. „Das wäre heute nicht mehr so“, sagt Stumpf.

Kim Dotcom

„Er war im Jahr 2002 eine Zeitlang bei uns in der U-Haft“, sagt Stumpf über den Internet-Unternehmer (42), dem Urheberrechts-Verletzungen vorgeworfen werden. „Wir hatten das Problem, dass er wirklich ein Hüne ist, mehr als zwei Meter misst und sehr stattlich ist.“ Die Betten in der JVA: für ihn zu klein und zu schmal. „Unsere Schreinerei musste ihm dann extra eines zimmern, damit wir ihn überhaupt unterbringen konnten. Im Umgang war er ansonsten sehr unkompliziert.“

Banker Gerhard Gribkowsky

Der Ex-Vorstand (57) der BayernLB musste 2012 für 8,5 Jahre inHaft, weil er 44 Millionen Euro Schmiergeld von Formel-1-Boss Ecclestone angenommen hatte. „Mit ihm habe ich verschiedene Gespräche geführt, weil das ein schwieriger Fall mit viel öffentlichem Interesse war“, sagt Stumpf. Nur ein Jahr saß der Banker aber in Stadelheim ein: Danach wurde er Freigänger und arbeitete, noch als Häftling, wieder für einen Konzern.

Beate Zschäpe

Kaum eine Angekagte sorgte für so viel Aufsehen wie Beate Zschäpe (41). Seit Mitte März 2013 sitzt die mutmaßliche Neonazi-Terroristin in der Stadelheimer Frauenanstalt in Untersuchungshaft. Per Hubschrauber wurde sie eingeflogen, weil am Oberlandesgericht der NSU-Prozess gegen sie begann. Zuvor saß sie in Köln hinter Gittern. Vor Gericht schweigt Zschäpe, im Knast soll sie aber viele Kontakte aufgebaut haben.

Hoeneß-Erpresser Thomas S.

Er wollte Uli Hoeneß im Mai 2013 per Brief um 215 000 Euro erleichtern - wurde aber bei der fingierten Geldübergabe geschnappt und brach sich auch noch die Schulter, als er vom Rad fiel. „Schwer verletzt kam er hier in der Anstalt an. In der Krankenstation haben ihn die Ärzte hier wieder aufgepäppelt“, sagt Stumpf. Später wurde Thomas S. (52) vom Landgericht zu drei Jahren Haft verurteilt.

Schauspieler Günther Kaufmann

„Er war bei uns Hausarbeiter“, sagt Knast-Chef Stumpf über den 2012 verstorbenen Schauspieler Günther Kaufmann († 65, bekannt aus Derrick, Der Alte). Er gestand 2001 einen Mord, den er nicht begangen hatte - und saß danach drei Jahre ein. Damit wollte er Ehefrau Alexandra decken, die drei Männer schickte, um ihren Steuerberater zu überfallen. Der erstickte! Kaufmann fand die Leiche und nahm die Schuld auf sich. Aus Liebe zu seiner Frau.

Der Moshammer-Mörder

Herisch Ali A. (36) sorgte im Jahr 2005 bundesweit für Schlagzeilen, nachdem er Rudolph Moshammer mit einem Kabel erdrosselt hatte. Nach der Verhaftung saß er zunächst in Stadelheim ein. „Er war hier in Untersuchungshaft, ist aber nicht besonders in Erscheinung getreten“, sagt Gefängnisdirektor Michael Stumpf über den zurückhaltenden Täter. Die lebenslange Haftstrafe verbüßt der Moshammer-Mörder in der JVA Straubing.

Der Sedlmayr-Mörder

Der Mörder von Walter Sedlmayr war „ein eloquenter Mann, der offensiv auf andere Leute zuging“, erinnert sich Stumpf. Neu in Stadelheim, kam W. in den Zugang und traf auf den Schul- und Betreuungsbeamten. „Ich heiße Sedlmair“, sagte der - was tatsächlich stimmte. „Es war der Sedlmair, Ludwig.“ Kurz darauf traf W. im Neubau auf den nächsten Beamten. Sedlmair hieß auch er, Vorname Horst - „er war der Dienstleiter“. Verrückt - aber wahr! Da schüttelte W. nur mit den Kopf. „Wir schmunzeln heute noch gerne über die Szene“, sagt Stumpf.

Staatsanwalt-Killer

„Er war jemand, der mit dem Leben abgeschlossen hatte“, sagt Stumpf über Rudolf Uhl, der im Januar 2012 Staatsanwalt Tilmann Turck im Dachauer Amtsgericht erschossen hatte. „Er lag in der Krankenabteilung und verweigerte am Ende jede medizinische Hilfe. Meine Krankenschwestern haben dann extra noch Zusatzschichten am Wochenende geleistet.“ Weil keine Klinik Uhl annehmen wollte, „haben wir eine Sterbebegleitung gemacht“.

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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