tz-Serie über die JVA

Mythos Stadelheim: Die spektakulärsten Ausbrüche

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Ein Insasse wollte auf die Wiesn und versuchte deshalb, aus Stadelheim zu entwischen.

München - In der tz-Gefängnis-Serie schaut die tz hinter die Gefängnismauern und öffnet die Tore der JVA. Dieses Mal geht’s um spektakuläre Ausbrüche, Kriminalität im Knast und die wichtige Frage: Wie sicher ist eigentlich die JVA Stadelheim?

Die Beton-Mauern in Stadelheim: Für Straftäter bedeuten sie das Ende der Freiheit. Hinter Gitter hält es nicht jeder aus – immer wieder versuchen Häftlinge, aus dem Knast auszubrechen. Zuletzt am 21. September 2015, als ein 17-Jähriger plötzlich auf dem Dach des Frauengefängnisses stand. Erst Tage zuvor war er verhaftet worden und musste einen Arrest absitzen. Beim Hofgang im Jugendknast kletterte er dann die Fassade des Innenhofes hoch – und schaffte es bis aufs benachbarte Dach. Dort zog er sich bis auf die Unterhose aus und wollte sich mit seiner Anstaltskleidung aus 18 Metern abseilen.

Eine wilde Jagd begann! 15 Polizisten und die Feuerwehr rückten an, um den Häftling wieder einzufangen. Er aber zeigte nur den Stinkefinger und beschimpfte Schaulustige. Am Ende ging der Fluchtversuch glimpflich aus. „Wir haben ihn mit gutem Zureden bewegen können, das Dach zu verlassen“, sagte Mariona Hauck, stellvertretende Leiterin der JVA, zur tz. Weder Drogen noch Alkohol hatte der junge Mann konsumiert. „Er wollte unbedingt auf die Wiesn“, so Hauck. Es war der erste Ausbruchsversuch überhaupt im Jugendarrest.

Auf dem Hauptgelände der JVA gelang Häftlingen bereits zweimal die Flucht. „Der letzte spektakuläre Ausbruch war 1986“, sagt Leiter Michael Stumpf. Nachts waren sechs Häftlinge mit nachgemachten Schlüsseln durch Schwachstellen in den Türen entkommen und in einen unterirdischen Versorgungsgang gelangt. Unter der Torwache waren sie durch die Kanalisation geflohen. „Heute sind diese Wege alle verlegt.“

Anfang der Neunziger Jahre schafften es zwei Gefangene sogar, über die sechs Meter hohe Anstaltsmauer zu fliehen. „Am Südtor in Richtung Friedhof war eine Baubaracke gestanden, dadurch war die Situation unübersichtlich. Damals waren die Türme noch bündig mit der Mauerkrone abgeschlossen und konnten nur nach innen schauen“, sagt Stumpf. Beim Sprung nach unten hatten die Häftlinge sich aber am Fuß verletzt, die Militärpolizei fing sie ein. „Heute wäre so eine Entweichung nicht mehr möglich.“

Einige versuchen es dennoch. „Wir sind immer damit konfrontiert, dass Gefangene bei Ausführungen zum Arzt oder zu Gericht, bei Klinikaufenthalten oder anderen Anlässen versuchen zu fliehen“, sagt Stumpf. Einen wirklichen Ausbruchsversuch habe es vergangenes Jahr aber nicht gegeben. Falls doch, drohen Disziplinarmaßnahmen. Sie reichen von einer Verwarnung über den Entzug des Einkaufs bis hin zum tagelangen Arrest, getrennt von anderen Gefangenen. Ein Ausbruchsversuch könne auch zu verstärkten Sicherungsmaßnahmen führen – wie verstärkten Kontrollen der Zellen, dem Entzug der Erlaubnis, eigene Kleidung zu tragen oder mit Besuchern nur noch hinter einer Trennscheibe zu sprechen.

Aber: Länger einsitzen müssen Häftlinge nach einer gescheiterten Flucht laut Gesetz nicht!

So sicher ist unsere JVA

Rund 10 000 Häftlinge sind über das Jahr verteilt in der JVA Stadelheim. Wie werden sie eigentlich bewacht? Knast-Chef Michael Stumpf (55) erklärt das Konzept.

„Neue Anstalten haben ein übersichtliches, bebauungsfreies Vorfeld“, sagt Stumpf. In Stadelheim gibt es das nicht. „Dafür haben wir die Mauer mit den Türmen.“ Von hier aus überwachen bewegliche Kameras die Umgebung. Dahinter liegt ein Sicherheitsstreifen, den nur Beamte zum Ablösen der Turmposten betreten dürfen. Ihn trennt ein Innenzaun vom Knast-Gelände – damit kein Häftling an die Mauer kommt.

Michael Stumpf (55) leitet die JVA Stadelheim seit neun Jahren.

Per Video überwacht die JVA die Unterkunftsgebäude, „sowohl außenrum als auch innen in den Fluren“. Zwei Beamte pro Station überblicken die Monitore im Dienstzimmer. Für jede Einrichtung gibt es zudem Brandmelder- und sogenannte Hausalarmanlagen. In den Gebäuden gibt es auch eine Personen-Notsignal-Anlage – im Prinzip eine Art Funkgerät, mit dem die Beamten verschiedene Alarmarten auslösen können. Entweder willentlich durch einen Knopf. Oder durch einen Verlustalarm, der auslöst, wenn das Gerät nicht senkrecht hingestellt wird – etwa, wenn ein Übergriff durch Häftlinge stattfindet. „Mithilfe dieser Geräte können wir unsere Mitarbeiter orten, um dann möglichst schnell zu Hilfe zu kommen“, sagt Stumpf. Dicke Türen vor den Zellen und verschließbare Gitter in den Gängen sind Standard.

Für den Fall, dass ein Häftling ausbricht oder ein Feuer entsteht, hat Stumpf Pläne mit Polizei und Feuerwehr erarbeitet. Notfalls könnten sogar Teile der JVA evakuiert werden. Entsprechende Übungen führt die JVA mit Mitarbeitern, Anwälten, Besuchern und Gefangenen durch – zuletzt in der Verwaltung und im Besucherbereich.

Die letzte Sicherheits-Säule ist der soziale Bereich – also der Umgang mit Gefangenen. „Wir versuchen, einen Zugang zu ihnen zu finden, mit ihnen zu reden und sie korrekt zu behandeln“, sagt Stumpf. „Sie sind zwar gegen ihren Willen hier, aber sollen das Gefühl haben, einigermaßen gut aufgehoben zu sein.“ Hinter Gittern, in Haft – in Stadelheim.

Der Schmuggel hinter Gittern

Wer in München schwere Verbrechen begeht, kommt oft direkt nach Stadelheim. Auch hinter Gittern gibt es aber Kriminalität – etwa Gewalt unter Gefangenen. Drogenmissbrauch. Oder Schmuggel.

Grauer Beton mit Gittern, so sieht der typische Zellentrakt in Stadelheim aus. 1350 Häftlinge sitzen derzeit ein.

Gerade hier versuchen die Knackis zu tricksen. „Zum Beispiel wird versucht, etwas über die Mauer zu werfen, beim Besuch zu übergeben oder präparierte Briefsendungen zu schicken“, sagt JVA-Chef Michael Stumpf. „Gefangene sind auch immer wieder an Handys und SIM-Karten interessiert.“ Mit Spezialgeräten überwacht die JVA deshalb den Mobilfunkverkehr.

„Die Häftlinge wissen, dass wir gründlich kontrollieren“, sagt Stumpf. Regulär werden ihre Zellen ein bis zweimal im Monat gefilzt. „Wann und in welcher Reihenfolge, das ist den Stationsbeamten überlassen und wird auch dokumentiert.“ Nur bei Verdachtsfällen oder besonderen Sicherheitsmaßnahmen finden Durchsuchungen häufiger statt – zur Not auch mit Spürhunden. „Bei Bedarf lassen wir Gefangene auch umziehen, um zu sehen, ob sie in ihrem Haftraum etwas präpariert haben“, sagt Stumpf. „Wenn wir nicht intensiv kontrollieren könnten, hätten wir schnell ein großes Problem.“

Trotzdem schaffen es Häftlinge mitunter, Drogen, Waffen und Handys in ihre Zellen zu schmuggeln – die krassesten Exemplare hebt die JVA in einem Museum auf. Damit die Ausstellung nicht wächst, werden Besucher so streng wie am Flughafen kontrolliert – mit Metalldetektor und Handsonde. Bestehen Verdachtsmomenten können Beamte einen Gefangenen auch komplett entkleiden lassen. Das gilt nicht nur nach Besuchen, sondern auch bei Zellenkontrollen oder dem Einrücken nach der Arbeit.

Andreas Thieme

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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