Eine andere Welt mitten in München

Stadelheim-Mitarbeiter über ihren Job - So war's mit Wildmoser

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Der Pfarrer und seine Kirche: Hier predigt Felix Walter für die Gefangenen.

München - In einer mehrteiligen Serie schaut dietz hinter die Gefängnismauern und öffnet die Tore der Justizvollzugsanstalt. Heute geht's um die Arbeit im Knast - ein Job, der die Mitarbeiter immer wieder an ihre Grenzen bringt.

Mitten in München liegt – hinter sechs Meter hohen Mauern – eine andere Welt: die der Mörder, Vergewaltiger, Räuber und Sexualstraftäter. Sie alle sitzen in der JVA Stadelheim ein, Bayerns größtem Gefängnis. Bereits 1894 erbaut, umgibt den Knast bis heute ein großer Mythos. Denn hinter Gittern saßen hier schon etliche Prominente, Schwerkriminelle und brave Bürger, die vom rechten Weg abgekommen sind. In der Haft sind sie alle gleich: eine Nummer unter vielen mit einem Leben auf acht Quadratmetern. Kein Schritt bleibt unbewacht, während sie hinter Gittern eingesperrt sind mit Bayerns bösen Buben. In einer mehrteiligen Serie schaut die tz hinter die Gefängnismauern und öffnet die Tore der Justizvollzugsanstalt. Heute geht’s um die Arbeit im Knast – ein Job, der die Mitarbeiter immer wieder an ihre Grenzen bringt. Ein erfahrener Beamter und der Anstaltspfarrer erzählen über ihre Tätigkeit zwischen Himmel und Hölle.

Der Pfarrer: Die gute Seele

Felix Walter predigt in der Anstaltskirche in Stadelheim.

Rund 300 Plätze hat seine Kirche. Aber seine Güte kennt keine Grenzen: „Im Gefängnis gibt es keine Monster. Bei manchen waren es einfach die Umstände, die sie zu Kriminellen haben werden lassen“, sagt Felix Walter. „Auch Mörder sind Menschen.“ Seit neun Jahren arbeitet Walter als Pfarrer in Stadelheim. Täglich ist er im Gespräch mit den Gefangenen, hört sich ihre Sorgen und Nöte an. Und nimmt ihnen die Beichte ab – auch über unfassbare Verbrechen, die ihn selbst belasten. „Einige öffnen sich bei mir zum ersten Mal. Es sind ganz intensive Gespräche“, sagt er. „Im Nachhinein tut ihnen die Tat oft unendlich leid, und es brechen heftige Gefühle heraus. Das bringt auch mich mal an meine Grenzen.“

Bis zu vier Stunden täglich spricht Walter mit Gefangenen. „Wenn einer mir erzählt, dass er einen Menschen umgebracht hat und vor allem wie: Das ist nicht leicht für mich. Ich sehe das Leid dieses Menschen hinter der Tat – und auch das seiner Opfer. Teilweise ist ihr ganzes Leben dadurch zusammengebrochen – und das der Opfer natürlich auch.“ Manch einer könne sich nie verzeihen. „Das ist schlimm. Aber es gibt nicht nur Verdruss, sondern auch viel Hoffnung.“

Die Kirche steht im Innenhof des großen Zellentrakts: An Sonn- und Feiertagen finden die Gottesdienste statt.

Viele Gefangene haben große Schuld auf sich geladen – oder warten in der U-Haft auf ihren Prozess. Der Pfarrer aber versucht ihnen „mit Respekt und Nächstenliebe zu begegnen. Vielen fällt bei mir erst auf: Hey, hier sind ja gar keine Gitter. Hier kriegt man auch mal einen Kaffee. Und vor der Kirche ist ein Garten mit Ententeich, wo im Sommer Blumen wachsen. Es ist ein Stück Normalität – das ist für viele wichtig“. Ein Problem bleibt die Sprachbarriere – denn rund zwei Drittel der Häftlinge sprechen kein Deutsch. „Ich kann Englisch und ein bisschen Französisch, ein Kollege Italienisch. Manchmal ist man aber am Ende mit der Sprache“, sagt er. „Zum Glück haben wir Bibeln in 44 Sprachen.“

Jeden Sonntag bieten Felix Walter und seine Kollegen Gottesdienste in der Anstaltskirche an, die etwa 120 Gefangene besuchen. „Nur an Weihnachten ist jeder Platz besetzt“, so der Pfarrer. Gerade da hätten die Gefangenen das Gefühl, von der Welt abgeschnitten zu sein – und brauchen eine gute Seele, die ihnen Halt und Hoffnung schenkt.

Eine Geschichte, die mich sehr berührt hat

Vor Monaten bat mich ein Mann um ein Gespräch, weil er etwas Schlimmes getan habe. Auf seinem Antrag las ich „Schleuser“. Ein Tatvorwurf, der einem in diesen Monaten oft in der Stadelheim begegnet. Wegen des Schleusens mache er sich keinen Kopf. „Aber einmal“, sagte der Schleuser, „habe ich von einer jungen Frau mit Baby auf dem Arm Geld genommen – ihr letztes Geld, 470 Euro. Ich versprach ihr, sie nach Deutschland zu bringen. Aber ich bin weggefahren und habe sie am Straßenrand stehen lassen.“ Wie die heilige Maria mit Jesuskind habe sie ausgesehen, sagte er weinend. Das könne er sich nicht vergeben – und es ja auch nicht mehr gutmachen. Er habe das Geld für Drogen gebraucht, deswegen schleuse er Menschen hierher. Ob Gott ihm das vergibt, fragte mich der Mann.

Ich glaube schon, sagte ich. Wenn es ihm ehrlich leid tue! Aber er glaubte das nicht. Am Ende des Gesprächs haben wir gebetet für die Frau und ihr Kind. Vielleicht sind sie trotzdem heil hier angekommen, und Gott möge sie behüten. – Für sich selbst wollte der Mann kein Gebet. Im Stillen habe ich es dennoch getan. Ein paar Tage später wurde er abgeschoben.

Der Vollzugs-Dienstleister

Den Rocker-Boss wird Wolfgang Strobl (55) nie vergessen: 2,07 Meter groß und fast genau so breit. „Ich hatte großen Respekt vor ihm, musste aber Anweisungen geben. Und war überrascht, dass er wie ein zahmes Lamm reagierte: Er nickte nur und sagte ‚Ja, Herr Strobl, mache ich.‘“

Wolfgang Strobl an seinem Arbeitsplatz.

Fast 30 Jahre lang arbeitet Strobl als Justizvollzugsbeamter in Stadelheim. Damals als Assistent, heute als Hausdienstleiter. Bis zu 250 Gefangene unterstehen seinem Kommando. „Bei uns macht der Ton die Musik. Den Rocker-Boss hatte ich, wie alle Gefangenen, freundlich behandelt. Dass etwas Böses zurückkommt, ist die Ausnahme. Der Großteil ist bemüht, stressfrei aus der Haftzeit herauszukommen.“ So wie der Mörder, der Strobl einen Brief geschrieben hat. „Er bedankte sich, dass ich vorurteilsfrei mit ihm umgegangen war. Das hat mich gefreut.“

Im Knast seien die Häftlinge gegen ihren Willen da, was Strobls Job nervlich anstrengend macht: „Viele spielen nicht gerne mit. Für Stationsbeamte ist es wichtig, ein gutes Klima reinzubringen, damit Gefangene nicht rebellieren, sondern folgen.“ Ihnen Gehör zu geben, sich auch mal aussprechen zu können – und so gut wie möglich zu helfen. Auch das sei Aufgabe der Beamten, neben dem Aufschluss am Morgen, den Zellenkontrollen, Anträgen der Gefangenen und ihre Bestellungen zum Arzt oder Anwalt.

„In der Regel haben wir zwei Beamte pro Station, die sich um 30 bis 60 Gefangene kümmern“, sagt Strobl. „Sie decken den Tagdienst ab von sechs Uhr morgens bis 17 Uhr nachmittags.“ Die schlimmen Sachen für die Gefangenen passieren aber meist am Wochen­ende oder abends: „Wenn die Frau Schluss macht, Kinder nicht zu Besuch kommen oder die Eltern sterben.“

Schlägereien seien dagegen selten. Eher Krankheitsfälle, bei denen der Notarzt kommen muss – oder Beamte Erste Hilfe leisten. Nur einmal war es dafür zu spät. „An meinem neunten Hochzeitstag habe ich auf der Krankenabteilung einen erhängten Gefangenen gefunden. Beim Nachtdienst, kurz vor Schluss. Ich habe lange gebraucht, das zu verarbeiten und denke heute noch an den Vorfall“, sagt Strobl. „Es war der schlimmste in meiner Laufbahn.“

So war das mit Wildmoser

„Ich bin eingefleischter Sechzig-Fan und hatte damals die Aufgabe bekommen, Herrn Wildmoser zu empfangen“, sagt Wolfgang Strobl. Im Frühjahr 2004 saß der Ex-Präsident des TSV 1860 drei Tage in Stadelheim ein.

Wolfgang Strobl schließt eine Zelle auf: Zehn Schlüssel trägt er am Bund.

Die Staatsanwaltschaft hatte ihm Bestechlichkeit und Untreue vorgeworfen. Wildmoser wurde verdächtigt, in einen Bestechungsskandal rund um die Allianz Arena verwickelt gewesen zu sein. Wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr kam er in U-Haft. „Ich habe mich viel um ihn gekümmert und ihn überall hingebracht“, sagt Strobl. „Das war für mich sehr zwiespältig: Auf der einen Seite tat mir Herr Wildmoser leid, weil er eingesperrt war – zu Unrecht, wie sich später herausstellte. Andererseits habe ich mich als Fan aber sehr gefreut, ihn mal persönlich kennen zu lernen.“

Der Sechzger-Boss: von der Tribüne in den Knast

„Er war ein sehr netter Mensch, aber auch sehr bestimmend“, sagt Strobl. „Menschlich war er sehr gütig. Niemand, den man gleich vergessen könnte. Als er entlassen wurde, hat er mich umarmt.“

Andreas Thieme

Andreas Thieme

E-Mail:Andreas.Thieme@tz.de

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