Sicherheit geben, Normalität schaffen

Nach dem Amoklauf: Wie Münchner Schulen damit umgehen

+
Viele Menschen legten am OEZ Blumen und Kerzen nieder.

München - Nach dem Amoklauf fing am Montag auch an Münchens Schulen die Arbeit an, Kindern und Jugendlichen zu helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

„Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten.“ Diesen Satz sagt Rektor Friedrich Fichtner am Freitagnachmittag bei der großen Feier zum 125-jährigen Bestehen der Bergmannschule im Westend. Er verweist auf den Anschlag in Nizza und den Putsch in der Türkei. „Zwei Stunden später“, sagt der Schulleiter, „kam der Wahnsinn auch in die Landeshauptstadt.“ Am Montagmorgen nach dem Amoklauf geht es dem Rektor darum, seinen Grundschülern ein Forum zu geben für ihre Fragen und Ängste.

Von einem Schüler, sagt Fichtner, wisse er bereits, dass er unmittelbar betroffen sei. „Die Freundin eines Freundes von ihm ist am Freitag ums Leben gekommen“, berichtet Fichtner. Die Verarbeitung der schrecklichen Ereignisse steht am Montag in allen Münchner Schulen auf der Tagesordnung.

177 Grund- und Mittelschulen betreut das staatliche Schulamt. Bereits am Samstag sei klar gewesen, dass einige Schüler direkt betroffen sind und Unterstützung brauchen, sagt Alexandra Brumann, fachliche Leiterin des Schulamts. „Es gibt etwa die Kinder und Jugendlichen, die mit Opfern in einer Klasse waren, einige, die am Freitag im Umfeld des OEZ unterwegs waren und viele, viele, die einfach erschüttert und verängstigt sind.“ Noch am Samstag habe sie alle Schulräte informiert, dass Hilfe organisiert werde. Am Sonntag hätten Lehrerkonferenzen stattgefunden – und seit Montag arbeite das Kriseninterventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologen (KIBBS) direkt im Schulamt, um schneller reagieren zu können.

Brumann weiß, worum es am Montag zuallererst geht: „Darum, den Kindern Sicherheit zu geben, so viel Normalität wie möglich zu schaffen und gleichzeitig sachlich zu informieren“, sagt sie. Alle Schulen hätten über das Kultusministerium Informationsmaterial mit Handlungsempfehlungen bekommen, was für Schüler jetzt wichtig ist und wie Gespräche helfen können. Auch die Kontaktadressen von Beratungsstellen wurden an allen Schulen – städtischen wie staatlichen – verteilt.

Friedrich Fichtner geht am Montagmorgen in alle 19 Klassen seiner Schule, spricht mit den Lehrern. Die Devise: Man werde den Kindern erst einmal nichts erklären, sondern sie erzählen lassen, um zu sehen, was sie beschäftigt. „Dann geht es vor allem darum, ihnen zu vermitteln, dass sie hier sicher sind“, erzählt Fichtner. Im Gespräch mit Kindern spürt der Rektor schnell die Verunsicherung. „Viele haben die Nachrichten ungefiltert mitbekommen und können sie nicht einordnen.“ Die Nähe der Ereignisse mache besonders Angst. „Viele unserer Kinder waren mit ihren Eltern schon einmal im OEZ, dort, wo es passiert ist.“ Zudem hätten derzeit besonders Kinder mit Migrationshintergrund zu kämpfen. „Die Stimmung im Land ist grauenvoll. In vielen Migrantenfamilien ist die Verunsicherung groß.“

An den städtischen Gymnasien und Realschulen ist seit Montag der Zentrale Schulpsychologische Dienst im Einsatz. Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD) erklärt, dass die Münchner Schulen „die Kinder und Jugendlichen, die wie wir alle betroffen und in tiefer Trauer sind, vielleicht sogar einen Freund verloren haben, nicht alleine lassen“. Es sei wichtig für die Kinder und Jugendlichen, dass sie nun Trost und Geborgenheit in der Schulgemeinschaft fänden.

Die Psychologen der Krisenteams sind zunächst an jenen Schulen im Einsatz, die Hilfe anfordern – und beraten dort die betroffenen Kinder einzeln oder teils auch in Gruppen. Kinder und Jugendliche, die traumatisiert sind, weil sie die Ereignisse am Freitag selbst mitbekommen oder einen Nahestehenden verloren haben, werden an Fachärzte oder Therapeuten weitervermittelt.

Alexandra Brumann vom staatlichen Schulamt ist stolz auf die Rektoren „ihrer“ Schulen. Innerhalb weniger Stunden nach dem Amoklauf seien sie vernetzt gewesen. „Sie haben hoch professionell und schnell reagiert“, sagt sie.

Caroline Wörmann

Caroline Wörmann

E-Mail:Caroline.Woermann@merkur.de

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Darum lässt Sport Schuster zwei Gebäude niederreißen
Darum lässt Sport Schuster zwei Gebäude niederreißen
Uli Hoeneß eröffnet Dominik-Brunner-Haus: Video
Uli Hoeneß eröffnet Dominik-Brunner-Haus: Video
Diskriminierung? Senioren drohen MVV mit Klage
Diskriminierung? Senioren drohen MVV mit Klage

Kommentare