Gerhard Fleischner fordert Schadensersatz

Nach Entführungsfall: Ich saß unschuldig im Knast

+
Gerhard Fleischner (73) am Münchner Justizpalast.

München - Herzprobleme, Diabetes und ein schwaches Immunsystem: Gerhard Fleischner (73) ging es sehr schlecht, als er im Juni 2009 in die JVA Stadelheim kam. Aber der Freistaat kannte kein Pardon mit dem Orthopäden:

Weil er an einer Entführung beteiligt gewesen sein soll, musste er in die Untersuchungshaft – trotz schwerer Krankheit. „Nur durch viel Glück bin ich dort nicht gestorben“, sagt Fleischner. Wegen unrechtmäßigem Vollzug verklagte er jetzt den Freistaat – und will 200 000 Euro Schadensersatz!

Bekannt wurde Fleischner, als ihn die Staatsanwaltschaft wegen eines spektakulären Verbrechens angeklagt hatte: Gemeinsam mit vier Komplizen soll er im Frühjahr 2009 den Anlageberater James A. geknebelt und bedroht haben. Bis dieser eine Erklärung unterschrieben hatte, die den Senioren aus Hart am Chiemsee ihre investierten 3,5 Millionen Euro zurückbringen sollte. So viel soll der Mann zuvor nämlich verspekuliert haben – zum Nachteil der Senioren, die Selbstjustiz übten. Sie alle wurden verurteilt – nur Gerhard Fleischner nicht, gegen den das Strafverfahren letztlich eingestellt wurde.

Anlageberater James A.

Mit Hut und Mantel betritt er am Mittwoch den Gerichtssaal 28 im Justizpalast. Endlich, sagt er, endlich darf er seine Geschichte erzählen – und was sich wirklich abgespielt hat im Knast. „Ich war absolut haftunfähig. Mein Herz konnte nur noch 20 Prozent leisten. Und ich litt an Vorhofflimmern“, sagt er. Bei der Verhaftung erlitt Fleischner einen Schock, trotzdem musste er am 2. Juni 2009 hinter Gitter. „Eigentlich hätte ich sofort in eine Klinik überwiesen werden müssen, denn ich galt als Hochrisiko-Patient. Aber die Ärzte in Stadelheim schickten mich in eine Sechs-Mann-Zelle. Die hygienischen Zustände waren furchtbar und meine Unterbringung menschenunwürdig.“ Wochenlang litt Fleischner angeblich unter Schlafstörungen – nur im Dunkeln habe er sich seine Insulin-Spritzen setzen können, weil das Licht in Stadelheim um 22 Uhr gelöscht wurde. „Für einen Diabetiker hätte ich auch mehr Hofgang haben müssen. Jeder zweite Patient mit meinen Beschwerden überlebt die Haft normalerweise nicht. Für mich bestand akute Lebensgefahr“, behauptet Fleischner, der bis Februar 2010 in Stadelheim einsaß und heute einen Schrittmacher am Herzen trägt. Er ist den Tränen nahe, als er seine Vorwürfe vorträgt, die die JVA bestreitet. Beklatscht wird seine Aussage anschließend von rund 20 Zuschauern, darunter einige Justizopfer (siehe Texte unten).

„Eine gütliche Einigung ist in diesem Fall wohl nicht möglich“, befand Richter Frank Tholl. Er will nun prüfen lassen, ob auch noch ein Gutachter aussagen soll. Der Prozess wird am 16. März fortgesetzt.

Er saß in der Psychiatrie

Jahrelang saß er zu Unrecht in der Psychiatrie. Aber Gustl Mollath gab nicht auf und wurde nach einem Wiederaufnahmeverfahren entlassen. „Mich interessiert, wie mit Herrn Fleischner umgegangen wird. Deshalb verfolge ich den Prozess“, sagt Mollath gestern. „Auch hier geht es ja um Finanzanlageberater, da sehe ich eine Schnittstelle zu meiner eigenen Geschichte. Mich interessiert auch, wie die Staatshaftung beurteilt wird.“

Ihn verprügelten zehn Polizisten

Seine Bilder sorgten in ganz Deutschland für Aufsehen: Zehn Polizisten hatten Josef Eder aus Rosenheim am 15. November 2010 krankenhausreif geschlagen – und lösten eine Debatte über Polizeigewalt aus. „Ich verfolge seither alle Prozesse, die damit zu tun haben“, sagte Eder gestern. Auch er war im Landgericht als Zuschauer erschienen und saß mit weiteren Justizopfern im Publikum.

auch interessant

Kommentare